Hochtalentierte Sprinterin Eva Meisolle verletzt sich in Trainingslager

Von: Christoph Pauli
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Fokussiert auf das Ziel: Hürdensprinterin Eva Meisolle, die für Alemannia Aachen startet, geht ungewöhnliche Wege, um ihren Sport zu finanzieren. Foto: Wolfgang Birkenstock
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Bundestrainer Rüdiger Harksen: „Es ist auch ein seriöser Weg, mit Eigeninitiative, seine sportlichen Ziele zu verfolgen.“ Foto: imago/team 2

Aachen. Vor ein paar Tagen ist Eva Meisolle aus dem Trainingslager in Ayamonte zurückgekehrt. Die Hürdensprinterin hatte optimale Bedingungen, aber sie hatte auch viel Pech. Gleich am ersten Tag verletzte sie sich, das Schwungbein überstreckte, fortan war es kein Trainingslager mehr, sondern eine zehntägige Reha.

Die junge Leichtathletin ist inzwischen wieder zurück in kühleren Gefilden, der Befund kam am späten Dienstag. Das vordere Kreuzband ist gerissen, die Freiluftsaison ist beendet, bevor sie begonnen hat. Schlimmer hätte der Rückschlag nicht sein können. Meisolle muss die ernsthafte Verletzung verarbeiten, sie weiß noch nicht, wie es weitergeht, sagt sie am Abend. Aber die 26-Jährige hat gelernt, Hürden zu überwinden. Sie macht das täglich beim Sport, aber auch für den Sport.

Nach Spanien, unweit an der portugiesischen Grenze, war sie mit ihrer Trainingsgruppe von der Atletiekvereniging Unitas Sittard gereist. In dem Verein bereitet sich die Schwäbin bei ihrem Coach Joachim Schwarzmüller seit langem auf ihre Wettkämpfe vor. Meisolle gehört seit zwei Jahren zum deutschen B-Kader, sie war 2015 Fünfte bei der Studenten-WM, Dritte bei den Deutschen Meisterschaften über die 100 Meter Hürden. Aber Trainingslager muss sie aus eigener Tasche finanzieren. Leben kann von dem Sport nahezu niemand, man muss Geld mitbringen. Der Verbands-Zuschuss für das Trainingslager ist seit diesem Jahr gestrichen, nur die Unterkunft bei großen Wettkämpfen wird gestellt. „In der Leichtathletik muss sich jeder um sich selbst kümmern“, sagt sie.

„Unsere Bundesmittel sind begrenzt, Vereine haben wenig Geld. Es ist ungemein schwierig, Trainingslager im Ausland für B-Kader zu finanzieren“, sagt Bundestrainer Rüdiger Harksen.

Meisolles Vereinskollegen in Sittard sind noch schlechter gestellt. In dem kleinen Land werden die Anforderungen für die Teilnahme an Championate extrem hochgeschraubt, damit sich eher wenige Sportler qualifizieren. Jeder Start kostet dem Verband Geld, das fehlt in der Nischen-Sportart, zu der die Leichtathletik inzwischen zählt.

Die Sprinterin hat einen ungewöhnlichen Weg eingeschlagen, um ihr Trainingslager finanzieren zu können. Sie hat das Geld über „crowd founding“ eingesammelt. Das ist eine digitale Plattform, auf der Privatpersonen sehr projektbezogen, um Unterstützung bitten. Die Organisatoren kassieren im Gegenzug zehn Prozent der Summe als Provision. Die Spender versprechen (mit zweiwöchigem Rücktrittsrecht) einen Zuschuss, der nur abgerufen wird, wenn die angestrebte Summe – in diesem Fall 1000 Euro – tatsächlich zusammenkommt. Nur wenn das finanzielle Ziel erreicht wird, wird das Projekt finanziert. „Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es klappt“, ist sie selbst vom Erfolg der Kollekte überrascht.

Der Weg zum Crowdfunding war durchaus hürdenreich. „Es ist ja auch das Eingeständnis, dass man es nicht anders schafft“, sagt sie. Es war vielleicht keine 84 Zentimeter hohe Hürde, die da im Weg stand wie sonst bei ihren Läufen, „aber es gab schon eine Hemmschwelle, weil ich auf andere zugehen musste“.

Meisolle, die als ihr Ziel die Sommer-WM in London im August angegeben hat, setzte ein paar Preise aus: ein Treffen bei der Deutschen Meisterschaft, Shirts, Autogrammkarten. Etwa 25 Personen haben sich schließlich beteiligt, alte Schulkameraden aus dem Baden-Württemberg, Verwandte, völlig Unbekannte und auch ein paar Firmen. Der Crowdfunding-Weg ist kein Einzelfall, auch andere Athleten, die nicht Bällen hinterher jagen, sammeln so Mittel ein. „Es ist eine Ausnahme bislang. Aber es ist auch ein seriöser Weg, mit Eigeninitiative seine sportlichen Ziele zu verfolgen“, sagt ihr Bundestrainer.

Meisolle hat im letzten Monat ihr Studium der Fitnessökonomie beendet, sie arbeitet halbtags im Büro. Immer noch träumt sie davon, bei der Polizei anzufangen und im Idealfall einen Platz in einer Sportfördergruppe zu ergattern.

Bis im Herbst war sie Mitglied im TV Wattenscheid, was ihr auch etwas finanzielle Sicherheit gab. Der Vertrag ist ausgetrudelt, Meisolle hat sich dann Alemannia Aachen angeschlossen. In der Leichtathletik sind solche Doppel-Mitgliedschaften nicht unüblich. Nach Aachen kam sie der Liebe wegen. Sie lebt in Stolberg mit Alexander Meisolle, einem erfolgreichen ehemaligen 400-Meter- Läufer zusammen, der aus Walheim stammt. Gefunkt hat es auf der Tartanbahn in Wattenscheid, im März haben die beiden Sportler geheiratet. Aus Eva Strogies wurde Eva Meisolle. Vielleicht muss man wissen, wie die letzten Tage vor der Hochzeit abliefen, um ihren Ehrgeiz zu verstehen.

Sie trainierte intensiv am Montag, Dienstag, Mittwoch und am Donnerstag. So war sie denn durchaus müde bei ihrer Hochzeit am Freitag. Danach spendierte der Trainer zwei freie Tage am Wochenende. „Das hat mich fast schon überrascht“, grinst sie. Am Montag waren die Flittertage dann vorbei.

Freunde fragen die junge Frau schon mal, warum sie sich diese Belastung antue. „Ich liebe diesen Sport und diese Strecke einfach“, ist die entlarvende Antwort. Sie will bis zu den nächsten Olympischen Spielen weitermachen. Die Aussichten sind schwierig, weil gerade über diese 100 Meter Hürden eine hohe Leistungsdichte herrscht. Meisolle wird kaum in den A-Kader aufrücken können. „Für mich sind Zeiten und nicht Platzierungen wichtig“, sagt sie. Eine Bestzeit von 13,10 Sekunden steht seit zwei Jahren in Rekordbuch. Diese 13 soll bald geknackt werden, im letzten Jahr brachte sie eine Fußverletzung von ihrem Vorhaben außer Tritt. „Sie ist sehr talentiert, sie kann das erreichen“, sagt Harksen, bevor er von Kreuzband-Verletzung erfuhr.

Im Herbst ist ein Start bei den Studentenweltmeisterschaften in Taipeh geplant, den sie wohl absagen muss. Zerplatzte Träume. Und dann steht schon bald wieder ein Trainingslager an. Crowdfunding bleibt als Option „im Hinterkopf“ sagt sie. Es ist aber nicht ihre Lieblingsidee, sie will die Hürde der Finanzierung lieber aus eigener Kraft überspringen. „Ich will es lieber selbst schaffen.“

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