Aachen - Hans Günter Winkler: „Wille ist der stärkste Motor für einen Sportler“

Hans Günter Winkler: „Wille ist der stärkste Motor für einen Sportler“

Von: Helga Raue
Letzte Aktualisierung:
17204245.jpg
Hans Günter Winkler kurz vor seinem 90. Geburtstag in Warendorf. Foto: Horst Ossinger/dpa
17207377.jpg
Auf der Tribüne in Aachen mit Paul Schockemöhle. Foto: imago/Sven Simon
17204256.jpg
Mit Paul Schockemöhle, Sönke Sönksen und Alwin Schockemöhle gewann er 1976 Olympia-Silber. Foto: dpa
17204261.jpg
Bei den Olympischen Spielen 1956 sitzt Winkler vor Schmerzen gebeugt im Sattel von Halla und springt trotzdem weiter. Foto: dpa

Aachen. „Ich interessiere mich nicht für mein Alter. Ein Mensch, der aufhört zu laufen, ist fertig. Und ich laufe immer weiter“, sagte Hans Günter Winkler in einem Gespräch anlässlich des CHIO Aachen vor vier Jahren. In der Nacht zum Montag endete nun sein Lebensweg nach einem Herzstillstand, in zwei Wochen wäre der wohl immer noch berühmteste und – gemessen an den olympischen Medaillen – erfolgreichste deutsche Springreiter 92 Jahre alt geworden.

HGW – die drei Buchstaben seines Namens waren sein Markenzeichen, sein Spitzname in der Reiterszene, in der er sich auch im hohen Alter immer noch bewegte. So wie Anfang Juni bei den Deutschen Meisterschaften in Balve, als die früheren Sieger im „Großen Preis von Balve“, wie eben Winkler oder der Aachener Willibert Mehlkopf, noch einmal beim Galaabend geehrt wurden. Es war sein letzter großer Auftritt – in sein „Wohnzimmer“, die Aachener Soers, die er jedes Jahr besuchte, wird er nicht mehr zurückkehren.

In Aachen erlebte Winkler besondere Momente seiner Sportlerkarriere, hier wurde er 1955 zum zweiten Mal in Folge Weltmeister, hier wurde er 1986 aus dem aktiven Sport verabschiedet, und hier richtete man ihm 2016 anlässlich seines 90. Geburtstags eine Gala aus, bei der ihn 30.000 Zuschauer mit Standing Ovations noch einmal feierten. „Das Aachener Publikum hat mich immer ganz besonders angespornt“, hatte sich Winkler, damals schon körperlich gebeugt und gebrechlich, aber trotzdem ein unbeugsamer Charakter geblieben, für die Sympathiebekundungen bedankt.

HGW war ein Phänomen. Noch heute wird sein Name an vorderster Stelle genannt, wenn man nach berühmten deutschen Springreitern fragt. Wenn er alljährlich in die Soers kam, wurde er überall erkannt, von Ordnern und Zuschauern begrüßt. „Nach Aachen zu kommen, ist immer, als wenn man einen Freund besuchen würde“, sagte er einmal. Es war ein liebgewonnener Pflichtbesuch. „Keine Veranstaltung in der Welt ist wie Aachen. Ich bin überall gefeiert worden, weil ich schon überall gewonnen habe“, sagte er einmal.

HGW ist – und bleibt – eine Legende. Man schrieb den 16. Juni 1956 – ein Datum, das im Reitsport bekannt wie kein zweites ist. Olympische Spiele in Stockholm, und Hans Günter Winkler ritt auf Halla für die deutsche Mannschaft. Beim 13. Sprung riss sich der Reiter einen Muskel in der Leiste, Winkler hatte Schmerzen. Seine Stute überwand das letzte Hindernis, machte aber einen Fehler. Zweiter Umlauf – und Winkler musste starten, sonst wäre die deutsche Equipe ausgeschieden.

Ein Arzt gab ihm starke Schmerzmittel, dann flößte man ihm Kaffee ein, damit er wieder munter wurde. Es ist dieser Ritt, der heute noch Gänsehaut verursacht: „Bei jedem Sprung schrie Winkler vor Schmerzen, Halla fühlte, was los war und Sprang ohne Hilfe ihres Reiters, der sich nur mit Mühe im Sattel halten konnte.“ So steht es in den Annalen geschrieben. Winkler und Halla blieben fehlerfrei, holten Team- und Einzelgold.

Top-Reiter und Wunderstute

Ein Mythos war geboren, der Top-Reiter und seine ihm ergebene Wunderstute. Ein Mythos, wie ihn Deutschland in der Nachkriegszeit brauchte. Und ein Mythos, den Winkler nur zu gerne selber schürte, wie ein Blick in sein Buch „Halla, meine Pferde und ich“ zeigt. „Wusste Halla, um was es ging? Es war wie wenn auf einem Schiff der Kapitän ausgefallen ist und der Steuermann alleine die Navigation übernommen hat“, hatte Winkler geschrieben. Sprach man ihn später darauf an, schmunzelte er und sagte mit einem Augenzwinkern: „Ich musste schon etwas mehr tun, als Halla nur den Weg zu weisen.“

Das tut der Legende keinen Abbruch – ob mit oder ohne Hilfe des Reiters im Sattel, der Erfolg des Paares ist einmalig. Halla, über die Winkler einmal sagte „sie hat genauso eine Schraube locker wie ich“ und die er gerne als „Genie und irre Ziege“ bezeichnete, wurde in Warendorf am Sitz der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) mit einer lebensgroßen Bronzestatue ein Denkmal gesetzt.

In Warendorf hatte der gebürtige Wuppertaler die längste Zeit seines Lebens gelebt. Winkler wurde am 24. Juli 1926 in Barmen als Sohn eines Reitlehrers und Stallmeisters, der in den letzten Kriegstagen fiel, geboren. Seine Leidenschaft hatte schon immer den Pferden gegolten, doch im Krieg „durfte ich nur bei der Artillerie das Pferd eines Hauptmanns pflegen“, wie Winkler einmal erzählte. Der Krieg hatte den jungen Mann stark geprägt. Er war sich bewusst, dass ihm im Leben nichts geschenkt werden würde. „Erfolg heißt, immer ein bisschen mehr tun“ – nach dieser Maxime lebte er.

Nach dem Krieg begann er eine Lehre, doch sein Talent für die Reiterei wurde früh entdeckt. Schon 1950 berief ihn der berühmte Hippologe Gustav Rau, damals Präsident des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei, nach Warendorf. Sein Aufstieg war kometenhaft: 1952 wurde er erstmals Deutscher Meister, 1954 in Madrid mit Halla Weltmeister, 1955 verteidigte er auf Orient den Titel in Aachen, 1956 wurde er Doppel-Olympiasieger. Sechs Mal war er bei Olympia am Start, gewann fünf Mal Gold sowie je ein Mal Silber und Bronze. Drei Mal, mit drei verschiedenen Pferden, durfte er sich in Aachen als Sieger im „Großen Preis“ feiern lassen, 1954 mit Orient, 1957 mit Halla und 1969 auf Enigk – gemeinsam mit Alwin Schockemöhle (Mühlen) auf Wimpel. „Ich habe mit sieben verschiedenen Pferden Medaillen geholt“, wie er immer mit berechtigtem Stolz erzählte.

In Aachen verpasste der Europameister von 1957 aber zwei Mal EM-Gold – 1958 mit Halla und 1961 mit Romanus –, holte jeweils Einzelbronze (sowie 1962 Silber und 1969 erneut Bronze). 1958 musste er sich seinem Teamkollegen und Freund Fritz Thiedemann auf Meteor geschlagen geben. „Wir waren Freunde, wie Pat und Patachon. Während ich immer Offizier sein wollte, spielte Fritz den Landwirt“, hatte Winkler bei dem Gespräch vor vier Jahren schmunzelnd erzählt und hinzugefügt: „Fritz hat immer die offene Tribüne, das Volk, hinter sich, ich die überdachte Tribüne, die Herrschaften mit Kragen, hinter mir.“ Winkler mit Halla, Thiedemann mit Meteor, liebevoll der Dicke genannt, und Alfons Lütke-Westhues mit Ala hatten das Trio gebildet, das bei Olympia 1956 Gold gewann.

HGW hat immer an seiner eigenen Legende gebastelt, wohl wissend, dass er mit Talent, aber vor allem Disziplin und harter Arbeit zu einem der erfolgreichsten Reiter seiner Zeit wurde. „Mein Weg zur Reiterei war frei von jenen Zufälligkeiten, die man so gerne als Schicksalsfügungen auslegt. Er war mir von Beginn an vorgezeichnet und Grundlage meiner Philosophie“, sagte Winkler damals, und die Grundlage seiner Philosophie lautete: „Wer nicht bereit ist, Schweiß zu vergießen und zu kämpfen, der sollte lieber nicht in die Arena gehen“, sagte HGW, aber – sehr treffend – auch: „Wer nicht auch lächelnd verlieren kann, der hat in einem Stadion nichts verloren.“

Marketingfirma gegründet

1986 beendete Winkler seine aktive Laufbahn und ging in Aachen im Rahmen der Spring-WM auf seine letzte Ehrenrunde im Sattel. Dem Reitsport blieb er eng verbunden. Mit seiner 1991 gegründeten Firma HGW-Marketing warb er Sponsoren für den Reitsport, richtete vier internationale Turniere wie der Braunschweiger Löwen Classics aus und setzte sich für den Nachwuchs ein. Seit 25 Jahren gibt es das HGW-Nachwuchschampionat, eine Stiftung unterstützt zudem die talentierten jungen Reiter. Und getreu seiner Maxime gab er seinen Nachfolgern im Springsattel einen Rat mit auf den Weg: „Man muss einfach wollen. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Wille, etwas beweisen zu wollen, für einen Sportler der stärkste Motor ist. Der Wille hat schon manchen zum Weltmeister gemacht.“

Hans Günter Winkler war vier Mal verheiratet und hat aus zweiter Ehe zwei Kinder. Seine vierte Ehefrau, die amerikanische Springreiterin Debby Winkler (Malloy), war 2011 nach einem Reitunfall mit nur 51 Jahren gestorben. Für seine Erfolge erhielt HGW 1975 das Große Bundesverdienstkreuz – 2008 auch mit Stern – sowie einen Bambi.

 

Die Homepage wurde aktualisiert