Aachen - Hans Günter Winkler: Auch mit fast 88 keine Zeit für Stillstand

Hans Günter Winkler: Auch mit fast 88 keine Zeit für Stillstand

Von: Helga Raue
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Jetzt und damals: Pauli Schockemöhle und Hans Günter Winkler heute... Foto: sport/Simon/Camera 4
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...und fast 30 Jahre zuvor, 1985. Die beiden starteten viele Male gemeinsam in der deutschen Equipe. Foto: sport/Sven Simon
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Der Pferdeflüsterer: Hans Günter Winkler schaut bei seinem Cody vorbei. Foto: sport/Sven Simon

Aachen. An lieb gewonnenen Traditionen muss man festhalten. Und so führt der erste Weg von Warendorf stets nach Gut Heidchen, dem zwischen Aachen und Würselen gelegenen Wohnsitz der Familie Capellmann. Hier wohnt Hans Günter Winkler, wenn er in Aachen weilt. Das war zu Zeiten, als der frühere internationale Reiter und ALRV-Präsident Kurt Capellmann noch lebte und seinen Freund als Gast empfing.

Und das ist heute noch so, denn Hausherrin Nadine Capellmann, sein Patenkind, setzt die Tradition sehr gerne fort. „So lang ich lebe und Aachen besuche, werde ich dort zu Gast sein“, sagt Winkler, der am Wochenende den CHIO Aachen besuchen wird.

So wie jedes Jahr. „Da muss ich lange überlegen, aber ich glaube, dass ich noch nie ein Turnier verpasst habe. Auch nicht, als ich nach einem Sturz nur am Stock gehen konnte“, freut sich der frühere Springreiter auf den Besuch. „Aachen war immer der Mittelpunkt meines reiterlichen Lebens. Es ist das größte und schönste Turnier der Welt, und in Aachen war ich immer erfolgreich.“ Nächste Woche Donnerstag wird Winkler 88 Jahre alt, doch auch heute noch ist er in Umfragen der bekannteste deutsche Reiter überhaupt. Da kann selbst Ludger Beerbaum nicht mithalten. Winkler wird überall erkannt, gegrüßt, und die älteren unter den Zuschauern erzählen den jungen beeindruckt von seinen Ritten.

Gemessen an olympischen Medaillen – sieben insgesamt, darunter fünf goldene – ist HGW, wie er allseits nur genannt wird, immer noch der erfolgreichste deutsche Reiter. „Ich habe mit sieben verschiedenen Pferden Medaillen geholt“, betont Winkler mit Stolz. Doch die Erfolge sind es nicht allein, die Winkler auch heute noch auf einen Sockel heben. Es ist sein Ritt mit Halla, jener Ritt bei den Olympischen Spielen 1956 in Stockholm, der den Springreiter schon zu seiner aktiven Zeit zur lebenden Legende machte.

„Mein Weg zur Reiterei war frei von jenen Zufälligkeiten, die man so gerne als Schicksalsfügungen auslegt. Er war mir von Beginn an vorgezeichnet und Grundlage meiner Philosophie“, sagt Winkler. Seine Philosophie damals wie heute: „Wer nicht bereit ist, Schweiß zu vergießen und zu kämpfen, der sollte lieber nicht in eine Arena gehen.“ Winkler erläutert: „Der Reitsport ist nicht allein eine Demonstration technischer Fähigkeiten, die Leistung sollte auch nicht davon abhängen, wie der Sportler zufällig aufgelegt ist, sondern in erster Linie von seinem Willen. Aber was genauso wichtig ist: Wer nicht auch lächelnd verlieren kann, der hat in einem Stadion nichts verloren.“

Geprägt wurde Winklers Maxime in der harten Nachkriegszeit. Seine Leidenschaft hatte schon immer den Pferden gegolten, doch „im Krieg durfte ich nur bei der Artillerie das Pferd eines Hauptmanns pflegen“, blickt der Sohn eines Reit- und Stallmeisters, geboren in Wuppertal, zurück. Nach dem Krieg begann Winkler eine Lehre, doch sein Talent für die Reiterei wurde früh entdeckt. Schon 1950 berief ihn Gustav Rau, Präsident des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei, nach Warendorf. Winklers Karriere war kometenhaft: 1952 wurde er erstmals Deutscher Meister, 1954 in Madrid mit Halla Weltmeister, 1955 setzte er sich die WM-Krone in Aachen auf. Und gewann 1956 in Stockholm olympisches Doppel-Gold. Sechs Mal war er bei Olympia am Start. Erst 1986 endete seine aktive Karriere.

Fast 88 Jahre, aber kein bisschen weniger engagiert. „Ich habe meine Aktivitäten schon ein wenig zurückgeschraubt, aber das ist kein Ruhestand, das hält mich jung. Ich interessiere mich nicht für mein Alter“, stellt Winkler klar. „Ein Mensch, der aufhört zu laufen, ist fertig. Und ich laufe immer weiter.“ Trotz des großen Schicksalsschlags, der ihm im Februar 2011 widerfuhr: Seine vierte Frau Debby Winkler starb bei einem Sturz vom Pferd. „Das war ein harter Schlag für mich. Sie ist lange vor ihrer Zeit gestorben. Das hätte meine Beerdigung sein müssen, nicht ihre“, sagt Winkler bewegt. Doch die gemeinsamen Wünsche und Träume, die das Paar hatte, haben ihm wieder ins Leben zurückgeholfen. „Nun versuche ich, unsere Wünsche und Träume alleine zu realisieren.“

1991 hatte Winkler die Firma HGW-Marketing gegründet, die Sponsoren für den Sport wirbt, vier Turniere wie die Braunschweiger Löwen Classics mit ausrichtet und sich für den Nachwuchs einsetzt. Seit über 20 Jahren gibt es das HGW-Nachwuchschampionat, und die jungen Reiter sollen mit der Stiftung weiter gefördert und finanziell unterstützt werden – „noch für die nächsten 20 Jahre“.

Ans Aufhören denkt Hans Günter Winkler noch lange nicht: „Ich plane immer in Fünf-Jahres-Intervallen, und das aktuelle läuft noch dreieinhalb Jahre. Man muss einfach wollen“, sagt der 87-Jährige – wollen, heute wie früher im Parcours. Und getreu seiner Maxime gibt er seinen Nachfolgern einen Rat mit auf den Weg: „Ich bin der Überzeugung, dass der feste Willen, etwas beweisen zu wollen, für einen Sportler der stärkste Motor ist. Der Willen hat schon manchen zum Weltmeister gemacht.“ Oder auch zum Olympiasieger – so wie in Stockholm 1956, als der feste Willen zu siegen, Winkler und seine Halla legendär machte.

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