Günter Netzer: „Alemannia Aachen hat Phantasie“

Von: Christoph Pauli
Letzte Aktualisierung:
5761024.jpg
„Tradition ist wunderbar, aber man muss sie pflegen“: Günter Netzer wirbt in Aachen für Alemannias Zukunft. Foto: Michael von Fisenne

Aachen. Schon zu aktiven Zeiten galt Günter Netzer als überaus geschäftstüchtig. Während der Zeit bei Borussia Mönchengladbach besaß er eine Versicherungsagentur, betrieb die Disko „lovers lane“ und gab noch die Stadionzeitschrift heraus. Dem Fußball ist der 68-Jährige immer treu geblieben.

Unter anderem ist er das „Gesicht“ der Vermarktungsfirma „infront“, die sich seit ein paar Wochen bei Alemannia engagiert. Am Mittwoch warb Netzer vor rund 100 Geschäftsleuten beim Viertligisten um Vertrauen.

Was spricht aus Sicht von Infront dafür, sich bei einem Viertligisten langfristig zu engagieren?

Netzer: Wir sind nicht nur ein weltweit operierendes Unternehmen, wir setzen verstärkt auf deutsche Klubs, die in Not geraten sind, an die wir aber glauben. Ich bin mir nicht zu schade, heute hier in Aachen einen Aufruf an die Sponsoren zu starten, dem Klub zu helfen. Im Misserfolgsfall braucht man Hilfe. Infront hat ein hochprofessionelles Team vor Ort, aber wir sind nicht der Heilsbringer, alleine richten wir gar nichts aus. Nur alle zusammen können diesen Verein wieder beleben. Für uns ist es ein Langzeitkonzept, da braucht sich niemand Illusionen zu machen. Es gibt keine Garantien auf dem Spielfeld, aber für Sponsoren können wir zumindest ein professionelles Umfeld garantieren.

Wenn sich Infront bei einem Verein engagiert, schauen Sie nur auf die Perspektive oder analysieren Sie auch, wie es so weit kommen konnte?

Netzer: In erster Linie müssen wir den status quo feststellen, es darf kein chancenloses Projekt sein. Wir schauen auf die Reputation, aber wollen auch wissen, was ist falsch gelaufen. Die Details kenne ich aber nicht.

Würde man an der Börse sagen, das sind im Moment Einsteigerkurse bei Alemannia?

Netzer: ich würde es anders ausdrücken, weil es um einen Verein mit Menschen und Fans geht. Aber rein faktisch ist das so: Der Verein hat Phantasie, es ist eine Investition in eine bessere Zukunft. Es geht nicht darum, wahnsinniges Geld zu verdienen. Das funktioniert definitiv nicht. Wir wollen aber die Voraussetzungen schaffen, dass bessere lukrativere Zeiten wiederkommen. Ist es nicht lohnenswert dazu beizutragen, dass der Traditionsverein wieder auf die Füße kommt?

Schreckt das Insolvenzverfahren mit ungewissem Ausgang nicht ab?

Netzer: Wir sind so optimistisch, dass wir das als Übergangszeit verstehen. Wir versuchen die finanziellen Mittel zu besorgen, damit es sportlich bergauf geht.

Was ist Ihr Part im Unternehmen, Sie nennen sich „executive Manager“?

Netzer: Sie können mich nennen wie sie wollen, ich weiß auch nicht, was das bedeuten soll. Ich bin schon lange nicht mehr operativ tätig, habe ein Verwaltungsrat-Mandat bei Infront, das mich verpflichtet, vier Mal im Jahr dabeizu sein. Ich komme und gehe, wann ich will. Ich bin gerne da, ich lebe mit dem Fußball, die Arbeit mit den Vereinen aus der Ferne macht Spaß. Ich bin gerne mit Fußballern zusammen, wir haben eine gemeinsame Sprache. Ich werde auch gerne häufig zum Tivoli kommen, wenn es passt. Da muss mich keiner mit der Pistole zwingen.

Beobachten Sie nicht aus der Distanz, dass es vielen Verein schlecht geht, weil sie miserabel gemanagt werden?

Netzer: Natürlich. Das ist ein ganz großes Problem. Ich kenne das Kardinalproblem in Aachen nicht. Vermutlich waren Leute hier, die den Anforderungen nicht gewachsen waren. Ich kann es nicht konkret beurteilen, aber es wird hier nicht anders sein als bei vielen Vereinen. Tradition ist wunderbar, aber man muss sie pflegen und gut damit umgehen.

Sie waren auch mal acht Jahre lang erfolgreicher Manager beim Hamburger SV. Den Job haben Sie angetragen bekommen, obwohl Sie überhaupt keine kaufmännische Vorbildung besaßen. Würde das Modell heute noch funktionieren?

Netzer: Keine Ahnung von Finanzen zu haben, ist das beste Modell.

Und das sagen Sie bei dieser Vorgeschichte von Alemannia Aachen?

Netzer: Das war Ironie. Es muss Leute geben, die kaufmännisch bis ins letzte Detail kompetent sind. Ich war kein Manager beim HSV, diese Fähigkeit und Ausbildung hatte ich nicht. Mein Kapital ist mein Fußballverstand. Um mich herum habe ich Leute gesucht, die besser waren als ich. Finanz-, Steuer- und Werbeexperten, Fanbeauftragte – diese Gebiete habe ich überhaupt nicht verstanden. Ich gebe doch die Themen gerne an qualifizierte Leute ab und erfreue mich an ihren Erfolgen. Das setzt aber wenig Eitelkeit voraus. Das können nur ganz wenige Menschen. Das war aber mein Erfolgsrezept, so dass ich mich auf den Fußball konzentrieren konnte.

Leserkommentare

Leserkommentare (11)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert