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Gläubiger rufen die Stunde Null am Tivoli aus

Von: Christoph Pauli
Letzte Aktualisierung:
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Zufrieden am Ende eines Verfahrens, das sie nach eigener Auskunft in „Rekordzeit“ bewältigt haben: Geschäftsführer Michael Mönig (links) und Insolvenzverwalter Rolf-Dieter Mönning. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Gegründet wurde die Alemannia Aachen GmbH vor gut sechs Jahren im großen Europa-Saal des Eurogresses. Über 500 Fans debattierten bis kurz vor Mitternacht, bis die Ausgliederung der Fußballabteilung mit großer Mehrheit beschlossen wurde.

„Mit verbesserten Vereinsstrukturen wollen wir die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass die Alemannia oben bleibt“, plädierte der damalige Aachener Oberbürgermeister Jürgen Linden leidenschaftlich für diesen Schritt. Der Name von Alemannias ehemaligem Verwaltungsratsvorsitzenden fiel am Dienstag nicht mehr, es reichte diesmal auch der deutlich kleinere Brüssel-Saal im Eurogress, als das Ende der Insolvenz beschlossen und verkündet wurde. Der Blick ging nach vorne, kaum noch zurück, und so wurden auch die Schuldigen der Misere nicht erwähnt. Gekommen waren 109, die insgesamt 342 Gläubiger vertraten, als die letzte Klappe im Insolvenzverfahren der Alemannia (AZ: 92 W 276/12) fiel. Fast 8000 Kleingläubiger hatten ihre Forderungen erst gar nicht angemeldet. Gegen den gestrigen Beschluss kann noch zwei Wochen lang schriftlich und begründet Beschwerde eingereicht werden.

Um Punkt 12 Uhr – welch symbolische Uhrzeit – verkündete Rechtspflegerin Marlene Wiederhold vom Amtsgericht Aachen das Ergebnis der elektronischen Abstimmung. In allen vier Gläubigergruppen war das Ergebnis wie man es sonst bei Wahlen aus Nordkorea kennt. Die Gruppen 1 (Bürgschaftsnehmer), 2 (Kleingläubiger bis 750 Euro) und 4 (Sonstige) votierten einstimmig für die Annahme des Insolvenzplanes. In der Gruppe 3 (Anleihegläubiger) gab es von 200 stimmberechtigten Teilnehmern lediglich drei Gegenstimmen. Alemannia ist schuldenfrei, die Gläubiger verzichten auf etwa 68 Millionen Euro.

Am Dienstag konnten nur 555.500 Euro verteilt werden. „Mehr Geld haben wir nicht“, versicherte Insolvenzverwalter Rolf-Dieter Mönning, „aber es wird zumindest gerecht verteilt.“ Vermutlich kann die geringe Quote (mit Ausnahme der Gruppe 2) nachgebessert werden, wenn das Verfahren in einigen Jahren komplett abgeschlossen sein wird. Sämtliche Anfechtungen und Haftungsansprüche werden in eine neue Zweckgesellschaft ausgegliedert, deren Geschäftsführer nun die Streitfragen juristisch klären soll. „Dieses Konstrukt ist ein Königsweg, um große Verfahren abzukürzen“, urteilte Mönning. Die Alemannia Aachen GmbH gilt als saniert, die strittigen Fälle sind verlagert. Strittig ist noch einiges. Der gutachterlich festgestellte Zeitpunkt der bereits eingetretenen Insolvenz war der 1. Februar 2012. Bis zur real angemeldeten Insolvenz im November 2012 wurden noch 19 Millionen Euro ausgegeben – viel Potenzial für Anfechtungen. Ob es Ansprüche gegen die Mitglieder des Aufsichtsrats geben wird, sei noch nicht geklärt, so Mönning. Voraussetzung ist ohnehin, dass ehemalige Geschäftsführer in die Haftung genommen werden.

Um die vertragliche Gestaltung der Zweckgesellschaft war vor der Veranstaltung stundenlang gerungen worden, Schriftsätze flogen zwischen den Juristen von TSV und GmbH hin und her wie Bälle beim Tennis. Einvernehmlich wurde schließlich beschlossen, dass der Mutterverein nicht von der Vergangenheit eingeholt werden soll. Die anstehenden Verfahrenskosten jedenfalls gehen von einem Treuhandkonto ab, der TSV muss dafür nicht aufkommen, versicherte Mönning. Geschäftsführer der Gesellschaft soll der aktuelle Controler Marcus Oshege werden.

Mönig bleibt bis zum März

Die Veranstaltung endete mit vielen Umarmungen auf dem Podium. „Diese überwältigende Zustimmung ist der Lohn der Arbeit“, atmete Insolvenzverwalter Rolf-Dieter Mönning auf. Alemannia Aachen ist wieder schuldenfrei, auch wenn die Zukunft noch keine klaren Konturen besitzt. Die Gremien müssen neu besetzt werden, bis zur Jahreshauptversammlung im März bleibt Interims-Geschäftsführer Michael Mönig an Bord. Sein Nachfolger soll dann zeitnah mit der Stadt Aachen als neuem Tivoli-Besitzer eine langfristige, bezahlbare Nutzungsvereinbarung treffen.

Als „Auftakt zur Wende“ überschrieb Mönning die gut zweistündige Veranstaltung, die völlig emotionsfrei ablief. In Rekordzeit habe man die Insolvenz – nur acht Monate nach der Eröffnung – abgewickelt, auch auf nachhaltiges Drängen des Vermarkters, der sich nach „normalen“ Verhältnissen sehnt. Bei Beginn des Verfahrens im November 2012 hatte Alemannia 254 Mitarbeiter, aktuell sind es noch 98 – die Spieler mitgezählt. „Die Mitarbeiter stoßen längst an ihre Belastungsgrenzen, zudem bewegen sie sich ständig zwischen Hoffen und Bangen in den letzten Monaten.“

Michael Mönig appellierte ein letztes Mal an die wenigen anwesenden Gläubiger. „Sie entscheiden heute, ob der Verein liquidiert werden muss oder reorganisiert und schuldenfrei aus der Insolvenz entlassen wird.“

Der Gläubigerausschuss hatte sich bereits vorab auf seine Zustimmung zum Plan festgelegt. „Dass das Verfahren vor dem schnellen Ende steht, ist dem großen persönlichen Einsatz von Herrn Mönning und Mönig zu verdanken“, verbeugte sich Rechtsanwalt Johannes Klefisch tief, der im Ausschuss die Anleihezeichner vertritt.

So schnell wie möglich aufsteigen

Die finale Gläubigerversammlung endete mit Beifall, auf dem Podium umarmten sich die Juristen. Auch wenn das Ergebnis letztlich vorhersehbar war, machte sich Erleichterung breit. Der Verein stellt wieder einmal die Uhren auf null Uhr – der nächste Neustart. Mönning: „Der Verein hat das große Glück, dass ein Großteil der Gläubiger trotz des Desasters an Alemannia hängt. Jetzt muss Aufbruchstimmung erzeugt werden, aber das geht nicht per Beschluss.“

Dieser 21. Januar 2014 soll als „Tag der Weichenstellung“ in die turbulente Vereinsgeschichte eingehen, hoffte der scheidende Insolvenzverwalter. Das Ziel ist klar formuliert, Alemannia soll und muss so schnell wie möglich die Regionalliga verlassen. Mönning rechnet damit, dass sein Mandat bei Alemannias Heimspiel am 22. Februar beendet ist. Die Partie gegen RW Essen will er aus seiner Loge heraus genießen. „Nur noch als Fan.“ Sein Fazit: „Das Licht am Ende des Tunnels ist sichtbar, und ich bin überzeugt, dass es nicht der Gegenzug ist.“ 2006 ging es laut Linden darum, dass Alemannia „oben bleibt“, jetzt geht es darum, dass Alemannia wieder „nach oben“ gelangt, meint Mönning.

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