FG Aachen/Düsseldorf: Tänzer investieren 20 Stunden pro Woche

Von: Helga Raue
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Im Aachener Rathaus und im kleinen Schwarzen: Die FG-Tänzerinnen Sabrina Letzel (von links), Nicole Rosendahl, Jennifer Greve, Madita Danek, Nicole Güttler, Ines Behrendt und Julia Franken. Krankheitsbedingt musste Nadine Frings passen. Foto: Jürgen Karl
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Mit Blick auf den Aachener Dom: Noel Borchardt (vorne von links), Christian Marx, Erik Soeterboek, Torben Bölk, Marc Horvath (hinten von links), Niklas Freche und Felix Meurer. Julian Bruns musste krank passen. Foto: Jürgen Karl

Aachen. Es war wohl einer der emotionalsten Momente überhaupt. Ratlos hatten die Tänzer die uneinheitliche Wertung verfolgt, die WM-Medaille fast abgehakt. Dann flackerte die Anzeigetafel auf – und der Jubel war grenzenlos. Die Lateinformation der FG Tanzsportzentrum Aachen/TD TDC Düsseldorf Rot-Weiß gewann Bronze bei der Weltmeisterschaft in Bremen.

Das war Mitte Dezember. Doch statt ausgiebiger Weihnachtsferien gab es zur Belohnung – Training. Denn schon an diesem Wochenende startet in Dorsten die Bundesliga der Lateinformationen. Das zweite Turnier richtet das TSZ Aachen am 25. Januar in der Arena Kreis Düren aus.

„Wir haben wieder normal trainiert, und das war doch schon fast Erholung für uns nach der WM-Vorbereitung“, sagt Torben Bölk, im dritten Jahr Kapitän des Teams, lachend. FG-Cheftrainer Oliver Seefeldt und sein „Co“ Bernd Waldschmidt hatten das Training angezogen – auf fünf Mal, je drei Stunden in der Woche und sechs am Wochenende. Und das bei lupenreinen Amateuren, die keinen Cent dafür erhalten. Im Gegenteil investieren sie noch eigenes Geld in ihr Hobby, denn Fahrt- und Make-up-Kosten müssen selbst getragen werden, nur die Kostüme und die Anreise zu den Turnieren finanziert der Klub. „Wir tanzen nur für die Ehre“, sagt Bölk.

Hochleistungssport und Show

Für den Ruhm ganz sicher nicht, denn neben dem Parkett erkennen die meisten Zuschauer die Tänzer in Alltagskleidung nicht. Wenn sie nicht die schillernden, mit Strass und Pailletten besetzten Kostüme tragen, stark geschminkt sind und die Frisuren mittels schwarzer Farbe und Haarteil gleich aussehen. „Wir betreiben Hochleistungssport, machen aber auch eine gute Show, da gehört das Äußere mit dazu“, erläutert Seefeldt. Doch wer sind die Menschen hinter dem Glitter und dem Make-up, die ihre Freizeit für ihr nicht ganz billiges Hobby opfern?

Bereits seit 2005 ist Bölk dabei, der seinem Bruder Dennis von Wolfsburg ins Aachener Team und später ins Kapitänsamt folgte. „Es gibt wenige andere Sportarten, die Höchstleistungen, Kunst und Disziplin so vereinen wie das Tanzen. Man kann seine Persönlichkeit einbringen, sich nonverbal ausdrücken und muss während der Choreographie verschiedene Emotionen rüberbringen“, versucht der 32-Jährige, der im Marketing der Deutschen Knochenmarkspenderdatei arbeitet, die Vielschichtigkeit zu verdeutlichen.

Ebenfalls seit 2005 im Team ist Nadine Frings, die 1995 im C-Team der TSG Erkelenz – die damals jüngste Formation Deutschlands – erste Erfahrungen sammelte. „Dann begannen die Aufstiege über das B- ins A-Team, und damit fing eigentlich der ganze Wahnsinn an“, sagt die 28-Jährige lachend. Als Diplom-Sozialarbeiterin arbeitet sie in der Psychiatrie der LVR-Klinik in Süchteln – Tanzen ist ihr Ausgleich. „Meine Leidenschaft. Mir würde das Team, die Leute um mich herum fehlen. Ein Einzelsport würde mir nicht liegen. Zudem liebe ich die Bewegung, die den ganzen Körper einbezieht“, schwärmt Frings. „Tanzen ist einfach etwas Besonderes, auch wenn es vom Aufwand her fast wie ein zweiter Beruf ist. Das sind viele einzelne Leute, ganz unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Verrücktheiten, und dann wird daraus ein Ganzes.“

Aus den Niederlanden kam 2008 Erik Soeterboek nach Aachen, lebt und arbeitet inzwischen in Köln, um Beruf, Hobby und Partnerschaft unter einen Hut zu bringen. „Das Tanzen hat mein ganzes Leben bestimmt, alle Entscheidungen waren dem untergeordnet. Aber ich möchte es nicht missen, kann mir auch nach 22 Jahren ein Leben ohne Tanzen nicht vorstellen“, sagt er. Mit seinen 34 Jahren ist er der älteste Herr im Team, Nicole Rosendahl ist – auch wenn es uncharmant klingt – mit 38 Jahren die älteste Dame. Auf der Fläche sieht man das der Tänzerin, die gemeinsam mit Seefeldt das B-Team in der Zweiten Liga trainiert, jedoch nicht an.

„Vielleicht habe ich gute Gene, meine Knochen spüre ich noch nicht. Vielleicht ist es aber auch die Leidenschaft, die mich bei der Stange hält“, sagt Nicole Rosendahl, die 2012 von Velbert zum FG-Team stieß und in Düsseldorf als Architektin arbeitet Erst mit 15 Jahren entdeckte sie ihre Liebe für den Tanzsport, die knapp 24 Jahre später immer noch Bestand hat. „Der Zusammenhalt auf der Fläche ist unglaublich. Alle Strapazen des Trainings sind vergessen, die sechs Minuten im Wettkampf holen das wieder raus. Wenn man aufmarschiert, kommt die Gänsehaut, die Zuschauer nehme ich kaum wahr, dafür aber das Team ganz intensiv um mich herum, das fühle ich. So lange es irgendwie geht, mache ich weiter.“

Die Liebe zum Tanzen – dafür verändern manche ihr gesamtes Leben. Neu im Team ist Madita Danek, gerade 22 Jahre jung. Von Baden-Württemberg hat es die zierliche Tänzerin ins Rheinland verschlagen. „Ich wollte einmal bei einem richtig guten Team tanzen“, erzählt Madita Danek, die zuvor mit Bundesliga-Absteiger TSG Backnang aufs Parkett ging. „Als Oliver Seefeldt mir eine Zusage für die FG gegeben hat, habe ich mein ganzes Leben umgekrempelt und mir im Rheinland eine Lehrstelle gesucht“, sagt die 22-Jährige, die im Einzel bis Klasse S und erst seit 2012 Formation tanzt. Es verschlug die Kaufmännische Auszubildende nach Köln, „fahrtechnisch“ günstig gelegen, da das Training teilweise in der Aachener Sporthalle An der Schanz, teilweise in den Düsseldorfer Klubräumen stattfindet.

Manchmal hilft auch der Zufall auf die Sprünge. „Ich studiere an der RWTH Maschinenbau, Fachrichtung Kraftfahrzeugtechnik, und für den Master noch Wirtschaftswissenschaften“, sagt Marc Horvath, gebürtiger Leverkusener und Kampfsportler. „In Aachen habe ich einen Tänzer des TSZ kennengelernt, der mich mitgenommen hat“, erinnert er sich an das lebensverändernde Erlebnis. Der „Virus“ packte ihn, seit 2009 tanzt er, kämpfte sich 2012 über das Zweitliga-Team bis in die A-Formation vor.

„Ich war gleich begeistert, es klappte aber auch von Beginn an gut.“ Rund 20 Stunden in der Woche opfert der 25-Jährige seinem Hobby. „Es ist immer wieder faszinierend, wenn man vier bis fünf Mal in der Woche abends und an den Wochenenden trainiert und bis zum Umfallen tanzt und schwitzt, die Trainer verflucht und an sich und dem Team verzweifelt. Und dann erlebt man auf den Turnieren dieses Gefühl in den wenigen Momenten vor, während und nach den Durchgängen, in denen man sich dem Team so nah wie nie fühlt und den Jubel des Publikums spürt“, versucht er die besonderen Momente zu erklären.

„Vor der WM wurde das Training angezogen, das war schon krass. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so hart trainiert“, sagt Horvath, fügt aber grinsend hinzu: „Wir wurden mit Bronze belohnt – daher würde ich das vor der EM wieder in Kauf nehmen!“ Zumal danach eine Tanzpause folgen könnte. „Ich würde sehr gerne ein Auslandssemester machen, bisher habe ich wegen des Tanzens darauf verzichtet.“

Da schlägt Julia Franken zwei Fliegen mit einer Klappe – sie studiert Physiotherapie in den Niederlanden. Seit 2007 gehört die Aldenhovenerin dem TSZ Aachen an, „diente sich“ durch die Formationen bis ins A-Team hoch. „Und dann gleich dieser Erfolg, das war alles einfach nur krass. Der Unterschied vom B- zum A-Team ist gewaltig, eine ganz andere Erfahrung, jedoch wird man ganz anders darauf vorbereitet. Aber die WM-Vorbereitung war für den Kopf und Körper sehr anstrengend, wir sind bis an unsere Grenzen gegangen“, sagt die 25-Jährige.

Bis an die Grenzen und darüber hinaus – vor der Europameisterschaft am 3. Mai in Düren kommen erneut harte Wochen auf das Team zu. Denn für das Championat, das das TSZ Aachen ausrichtet, muss sich die Formation erst einmal qualifizieren und in der Bundesliga einen der ersten beiden Plätze belegen. Gelingt das, werden die Trainer wieder unerbittlich sein, und die Tänzer werden bis zum Umfallen tanzen und schwitzen – allein für die Ehre. Und für den Beifall der Zuschauer.

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