Aachen - Ein Punkt, ein Strich: Fair Play aus der Spraydose

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Ein Punkt, ein Strich: Fair Play aus der Spraydose

Von: Bernd Schneiders
Letzte Aktualisierung:
Freistoß
Der Sprayer vom Dienst: Ein Schiedsrichter markiert die Linie, die von der Freistoßmauer nicht überschritten werden darf. Foto: dpa

Aachen. Langsam wird’s eng am Körper des Schiedsrichters: das Headset auf dem Kopf, wenn es nach DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig geht, demnächst noch eine Google-Brille auf der Nase, die Karten traditionell in der Brust- oder Gesäßtasche – und bald auch noch eine Spraydose im Halfter?

Die Unparteiischen als Cyber-Cops. Zumindest die Sprühbehälter sind bereits wesentlich mehr als eine Vision. Bei der Klub-WM im Dezember in Marokko sollen die Schiedsrichter nicht ihr Revier, aber die Distanz zwischen Mauer und der Position des Balles für den Freistoßschützen markieren.

Ein Punkt, ein Strich – und fertig ist die stress- und ärgerfreie Ausführung einer eventuellen Großchance. Die Punktgenauigkeit im Doppelpass zwischen Unparteiischem und Schützen fördert nicht nur ein geregeltes Miteinander aller Beteiligten auf dem Platz, es erhöht zudem die Attraktivität des Fußballspiels: Statistiken des brasilianischen Verbandes – in Südamerika wird dieses Instrument schon länger bei Turnieren benutzt – belegen, dass durch die Einhaltung des 9,15-Meter-Abstandes zwischen Ball und Mauer mehr Freistoßtore fallen. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Gelben Karten ab. Das Gedränge und Geschubse im Kampf um jeden Zentimeter wird verhindert, Landklau verhindert und die Spielunterbrechung minimiert.

Ein Schritt nach vorn

„Überragend“ urteilt Max Eberl, der mit diesem Fair Play aus der Dose auf einer Linie liegt. Der Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach hält dieses Instrument für einen Schritt nach vorn, weil es eben keinen Schritt nach vorn mehr geben würde. „Endlich wäre es damit vorbei, dass hier nicht nur Zentimeter, sondern sogar Meter geklaut werden. Dann steht vielleicht mal jemand nur noch mit der Hacke auf der Linie, aber nicht mehr Meter davor.“

Schäumen, damit die Bestohlenen nicht mehr vor Wut schäumen: Die vom Schiedsrichter aufgesprühte weiße Farbe aus der Dose, die vom argentinischen Unternehmen „9.15 Fair play Limit“ produziert und lizenziert wird, verschwindet wieder innerhalb einer Minute. Die deutsche Schiedsrichterschaft schäumt allerdings nicht gerade vor Begeisterung. „Grundsätzlich müssen wir aufpassen, dass unsere Schiedsrichter nicht mit technischen Hilfsmitteln überfrachtet werden“, warnt Michael Fröhlich, Leiter der DFB-Schiedsrichterabteilung. „Am Ende ziehen sie Konzentration von der eigentlichen Aufgabe ab, Spielvorgänge zu beurteilen und Spiele mit Persönlichkeit zu leiten.“

Die Fifa sieht das anders – und Jörg Schmadtke auch. Der Manager des 1. FC Köln hält „das für eine gute Idee. Es erleichtert die Arbeit der Schiedsrichter. Aber ich weiß, dass die deutschen Schiris das doof finden.“ Das ist erstaunlich, weil Massimo Busacca, Leiter der Schiedsrichterabteilung der Fifa, nach den Probespielen bei der U20-WM 2013 in der Türkei und der U17-WM 2013 in den Vereinigten Arabischen Emiraten urteilt: „Die große Mehrheit der Offiziellen hat das Spray als nützliches und sinnvolles Hilfsmittel angesehen.“ Der Weltverband hat es den einzelnen Verbänden überlassen, die Markierungshilfe zu übernehmen. Er selbst will die Ergebnisse der Klub-WM analysieren und dann entscheiden, „ob das Spray auch zukünftig bei Fifa-Wettbewerben zum Einsatz kommt“.

Sprayer vom Dienst: Eine positive Entwicklung, die auf Dauer auch von deutschen Fußballspielen nicht auf Distanz gehalten werden kann, wie Peter Schubert glaubt. „Ich bin sehr aufgeschlossen gegenüber allen Dingen, die eine Erleichterung bringen“, urteilt der Trainer des Regionalligisten Alemannia Aachen und prophezeit: „Und auch unsere Schiedsrichter werden sich fügen...“

Grundsätzlich aber ist Schubert durchaus angetan vom Distanzgefühl der deutschen Unparteiischen. „Die haben ein echt gutes Gefühl.“ Für Schiedsrichter mit Gefühlsstörungen muss ja nicht unbedingt das Maß aller Freistoß-Dinge auch noch seinen Platz am neuen Halfter-Gürtel finden. Es könnte wohl problemlos in die von Andreas Rettig vorgeschlagene Google-Brille integriert werden. Als Hightech-Lasermessung: Distance-Controll 9.15.

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