Ein Abend beim Rollstuhlsportclub Aachen

Von: Nina Leßenich
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Gemeinschaft wird hier groß geschrieben: Auch unsere Volontärin Nina Leßenich wurde beim RSC Aachen sofort herzlich aufgenommen. Foto: Tobias Königs
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Erklärt mir, wie das Spiel funktioniert: der erste Vorsitzende des RSC, Dirk Branigk. Foto: Tobias Königs

Aachen. Das menschliche Fluchtverhalten funktioniert einfach: Wenn uns etwas zu nahe kommt und wir uns bedroht fühlen, laufen wir weg – so schnell es geht. Das ist ein Reflex. Hockey-Schläger, die durch die Gegend sausen und dabei die Luft zerschneiden, gehören in jedem Fall zu den Dingen, die eben diesen Fluchtreflex bei mir auslösen. Das Problem ist nur: Ich kann nicht weglaufen.

Reifen quietschen auf dem Hallenboden in der Turnhalle Schagenstraße in Aachen-Brand, immer wieder knallen Schläger hart auf das Linoleum, dann scheppert Metall gegen Metall. Es wird gebrüllt, geflucht und vor allem immer wieder herzhaft gelacht. Hin und wieder zerreißt ein inbrünstiger Jubelschrei die Geräuschkulisse.

Eins steht auf jeden Fall fest: Rollstuhl-Hockey ist kein leiser Sport. Und auch keiner für zart besaitete Gemüter – das macht man mir schon klar, bevor ich überhaupt selbst dabei bin. Bei vielen Rollstuhl-Sportarten gäbe es keinen Körperkontakt, erklärt mir Dirk Branigk, erster Vorsitzender des Rollstuhlsportclubs Aachen 2003 e. V. (RSC), schon vor dem Training. Ob das beim Hockey anders sei? Für meine Frage ernte ich schallendes Gelächter, ein paar wissende und belustigte Blicke werden ausgetauscht. „Oh, und wie!“, sagt Herbert Baldrian, zweiter Vorsitzender des Vereins. „Hier kullert auch schon mal jemand aus dem Stuhl!“

Den Fluchtreflex bekämpfen

Davor habe ich aber keine Angst, als ich eine Viertelstunde später im Rollstuhl auf dem Spielfeld sitze. Mein Rollstuhl hat hinten ein drittes Rad – umkippen ist also nahezu unmöglich. Dafür kämpfe ich allerdings mit meinen Beinen und dem Drang, aufzuspringen und aus dem Weg zu rennen, während die Rollstühle um mich herum rasen. Wären meine Füße nicht zum Schutz hinter einer Metallstange verhakt, wäre ich sicher schon davongerannt. „Zwölf km/h schafft man mit dem Stuhl locker“, sagt mir Herbert stolz. Ich schaffe gefühlt nur zwei.

Nach einer Viertelstunde auf dem Spielfeld tun mir die Hände weh. Wie man es schaffen soll, gleichzeitig zu rollen und den Schläger festzuhalten, ist mir ein Rätsel. Ich bräuchte dringend einen dritten Arm. Es ist egal, wie viel Mühe ich mir gebe, mit den anderen mitzuhalten: Mir ist schnell klar, dass hier ich diejenige mit dem Handicap bin. „Hier haben wir den Fußgängern gegenüber einen echten Vorteil“, sagt auch Dirk. „Wir fahren eben immer mit einem Rollstuhl!“

Mit „wir“ meint Dirk sich und die anderen fünf Rollstuhlfahrer, die an diesem Tag beim Training sind. Die übrigen sechs, die gerade über das Spielfeld sausen, brauchen den Rollstuhl, in dem sie sitzen, eigentlich nicht: Sie sind Fußgänger wie ich.

„Egal ob Schlaganfallpatient, Querschnittsgelähmter oder eben Gesunder: Bei uns kann jeder mitspielen“, erklärt Dirk. Also Integration genau andersrum, sage ich. Die Fußgänger sind die, die hier integriert werden. Dirk lacht. „Ja, den Fußgängern werden so die Hemmungen genommen“, sagt er.

Für ihn sei das Training aus genau diesem Grund noch viel mehr als nur sportliche Betätigung. „Rausgehen und auf gesunde Menschen treffen. Wer von uns kann das schon?“, fragt er. Viele Behinderte hätten kaum noch sozialen Kontakt und zögen sich zurück. „Egal ob Unfall oder Krankheit: Erst wenden sich Freunde ab, dann häufig sogar die Familie. Mit gesunden Menschen kommt man kaum noch in Kontakt. Hier aber schon!“

Nach einer halben Stunde im Training verstehe ich langsam, an welchem der beiden Räder ich schieben muss, um in die richtige Richtung voran zu kommen: Rechts schieben – Linkskurve, links schieben – Rechtskurve. Jetzt, wo ich auch schneller als im Schneckentempo von einem Tor zum anderen komme, fängt es sogar an, richtig Spaß zu machen. So ein Rollstuhl ist viel wendiger, als ich gedacht habe!

„Hast du es dir so vorgestellt?“, fragt mich Bianca. Die 28-Jährige ist Fußgängerin und spielt seit acht Jahren in dem Verein – wie sie dazu gekommen ist, weiß sie schon nicht mehr. „Es war wohl ein Zufall“, sagt sie. Über ihre Frage muss ich kurz nachdenken und weiß trotzdem keine Antwort. Offen gestanden habe ich nie wirklich darüber nachgedacht, wie es sein muss, im Rollstuhl zu sitzen. „Das hier ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen“, sagt Bianca. Und genau das fände sie so schön. „Man lernt voneinander: Die Fußgänger von den Behinderten und die Behinderten von den Fußgängern!“

Besser als jedes Gespräch

Das kann auch Herbert Baldrian aus seiner Erfahrung nur bestätigen. „Wer hier einmal mitgespielt hat, dem muss man nicht mehr erklären, warum Behindertenparkplätze breiter sind“, sagt er. Wer sich einmal selbst in den Rollstuhl setze, verstehe solche Dinge eben plötzlich. Das bringe mehr, als jedes Gespräch.

Obwohl meine Muskeln brennen und meine Arme zittern, ziehe ich die gesamten eineinhalb Stunden Training durch. Denn auch wenn ich kein Tor geschossen habe (Es ist mir ein Rätsel, wie der Rest der Mannschaft das schafft, wenn zwei Rollstühle das kleine Tor blockieren!), hatte ich lange nicht mehr so viel Spaß beim Sport.

Nicht zuletzt liegt das wohl an der unglaublichen Freundlichkeit, die Dirk, Herbert, Bianca und die anderen mir entgegengebracht haben: Ich wurde in einer Gruppe wohl noch nie so spontan aufgenommen und akzeptiert. So sollte sie wohl aussehen, denke ich: Inklusion. Jeder ist gleichberechtigt. „Immer wieder schön, danach aufzustehen“, sagt Bianca und schwingt sich im gleichen Moment leichtfüßig aus ihrem Rollstuhl. „Wenn man hier mitspielt ändert sich der Blick auf viele Dinge,“ sagt sie. Ich lächle.

Was das wirklich bedeutet, verstehe ich allerdings erst am nächsten Morgen, als ich mich mal wieder in mein Auto quetschen muss, weil der Wagen neben mir viel zu dicht geparkt hat. Am Ende habe ich beim RSC Aachen zwar kein Tor geschossen, aber dafür etwas wichtiges gelernt: Wie Inklusion aussehen sollte.

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