Domspringen: Der plötzliche Höhenflug des Carlo Paech

Von: Lukas Weinberger
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Hat wieder großen Spaß am Springen: Carlo Paech. Foto: sport/Chai v.d. Laage/Beautiful Sports
Carlo Paech dpa
Der Carlo springt wieder: Nach seiner Pause wegen mentaler Probleme ist Carlo Paech erfolgreicher denn je – und startete auch bei der WM in Peking. Foto: epa/Wu Hong

Aachen. Es gibt da diese Geschichten, von denen es heißt, dass es sie nur im Film gebe. Solche Geschichten faszinieren, manche sind schön, manche sind traurig und manche sind kaum zu glauben. So eine Geschichte, die könnte so gehen: Ein Stabhochspringer schafft den Durchbruch, er feiert große Erfolge, misst sich mit den Besten. Und dann kommt alles anders.

Der Stabhochspringer hat plötzlich Angst vor dem Springen; er will nicht mehr, und er springt nicht mehr. Fast ein halbes Jahr. Bis ihn ein anderer Sportler überredet, es noch einmal zu versuchen. Der Stabhochspringer traut sich, es funktioniert, und er springt wieder. Er ist stärker als je zuvor, Podiumsplätze, persönliche Bestleistungen, WM-Teilnahme.

Diese Geschichte könnte aus einem Film stammen. Aber sie ist wirklich passiert. Es ist die Geschichte von Carlo Paech.

Mittwochabend startet der Stabhochspringer von Bayer Leverkusen beim 11. NetAachen-Domspringen auf dem Katschhof, in den vergangenen Monaten hat er mehr erlebt als mancher Sportler in seiner gesamten Karriere.

Mitgenommen von Mutti

Aber der Reihe nach: Paech, heute 22, hat in seiner Heimat Brandenburg ziemlich früh mit der Leichtathletik angefangen. Das hatte nicht nur mit Begeisterung zu tun, das hatte auch praktische Gründe: Seine Mutter war Leichtathletik-Trainerin, und ihren Sohn, den nahm sie einfach mit. Paech war zuerst Mehrkämpfer, als er ein bisschen älter war, entschied er sich für den Stabhochsprung. Das habe ihm immer den größten Spaß gemacht, sagt er, und, nun ja, „das sah einfach am spektakulärsten aus“. Paech war gut, sein Talent wurde früh erkannt, und schon mit zwölf wechselte er ans Sportinternat in Potsdam. Dieser Paech, das wird mal einer, da waren sich die Experten einig.

Der junge Leichtathlet brachte die Leistungen, die alle von ihm erwarteten. Im Sommer 2009, Paech war 16, wurde er in Brixen Vize-Weltmeister der U 18, 5,10 Meter hoch sprang er damals in Südtirol. Und auch danach lief es gut: 2011 holte er in der Halle den deutschen Jugend-Meistertitel, 2013 schaffte er mit 20 einen fünften Platz bei der Deutschen Meisterschaft der Männer. Das war auch das Jahr, in dem Paech nach Leverkusen gezogen ist; er heuerte bei Bayer 04 an, „weil es dort die besten Bedingungen für Stabhochspringer gibt“. Es sieht nach rosiger Zukunft aus.

Doch dann, dann kam der große Bruch.

Im Januar 2014, da hat Paech noch einen Wettkampf in der Halle gemacht, und das sollte es dann auch erst einmal gewesen sein. „Kurz danach ging gar nichts mehr“, sagt der Leverkusener, und er weiß dabei gar nicht mehr so genau, wann dieses „kurz danach“ eigentlich gewesen ist. „Und ich habe auch keine Ahnung, woher das kam.“ Es ist jedenfalls so, dass Paech plötzlich „irgendwie eine Art von Angst vorm Springen“ entwickelte, so sagt er das. Genauer könne er das nicht beschreiben, vielleicht will er das auch nicht. Stabhochsprung ist eben gefährlich, das hat der tragische Unfall von Kira Grünberg Mitte Juli wieder einmal gezeigt.

Die Leidenschaft für den Stabhochsprung, die sei auch in der schwierigen Phase noch da gewesen, „Sport ist mein Leben“, sagt Paech, aber ans Springen sei eben nicht zu denken gewesen. Er machte Pause, drei Monate, vier Monate, fast ein halbes Jahr, „so genau weiß ich das gar nicht“, sagt der Stabhochspringer. Die Karriere, und das kann man so schreiben, hing am seidenen Faden.

Paech hielt sich fit, er machte alternative Übungen. Und dann kam dieser Tag im Oktober, an dem er zufällig in derselben Halle trainierte wie die Leverkusener Stabhochsprunggruppe von Trainer Michael Kühnke. Hendrik Gruber, einer der Sportler, hat Paech damals gefragt, ob er nicht mitmachen wolle. Er wollte. Seit diesem Tag ist er wieder dabei, er ist Teil der Gruppe, Kühnke ist jetzt sein Trainer. Das Springen klappt wieder, die Angst, „ist einfach wieder weggegangen“, sagt Paech. Wieso, weshalb, warum? Das ist gerade egal. „Ich bin einfach nur froh, dass wieder alles funktioniert.“

Eine starke Hallen-Saison

„Funktionieren“ ist in diesem Fall ziemlich tiefgestapelt, denn Paech ist seit seiner Pause besser als vor ihr. Anfang des Jahres lieferte er eine bärenstarke Hallensaison ab, er belohnte sich mit einem zweiten Platz bei der Deutschen Meisterschaft und der Teilnahme an der Europameisterschaft in Prag. „Das kam schon überraschend“, sagt er, „da musste ich mich schon ein paar Mal kneifen.“

Und einmal in Form ging es weiter bergauf, auch in den Freiluft-Wettbewerben lief es rund, „damit habe ich dann vielleicht sogar ein bisschen gerechnet“. Er steigerte seine ursprüngliche Bestleistung von 5,53 Metern fast von Meeting zu Meeting, Ende Mai sprang er 5,75 Meter in Dessau, Mitte Juni knackte er in Zweibrücken die 5,80 Meter, das ist Paechs bislang größter Satz. Bei der Deutschen Meisterschaft Ende Juli wurde er Dritter.

Er durfte mit zur Weltmeisterschaft nach Peking reisen, das war der Lohn für seine Leistungen. Dort schaffte er es Ende August zwar nicht ins Finale, „ich war aber trotzdem gut drauf, und meine Sprünge waren vollkommen in Ordnung“, sagt Paech. Die Erfahrung, die er in China gesammelt hat, sei enorm wichtig gewesen für einen jungen Athleten wie ihn. Und mit den 5,65 Metern, die er in der Qualifikation gesprungen war, wäre er im Finale Siebter geworden, er sagt, das wäre ein gutes Gefühl gewesen.

So ein Gefühl will er auch Mittwochabend wieder haben, dann, wenn er auf dem Anlaufsteg auf dem Aachener Katschhof steht. „Ich habe richtig Lust“, sagt Paech. Für ihn ist es eine Premiere, Kollegen hätten ihm viel Gutes vom Domspringen der Alemannia erzählt.

Ach, die Höhe

Ein paar Ziele hat er sich gesteckt, auch wenn die nicht genau definiert sind. „Ich will da weitermachen, wo ich in Peking aufgehört habe“, sagt er. „Was da am Ende für eine Höhe liegenbleibt, das ist mir eigentlich fast egal.“ Das gleiche gelte für eine Platzierung. Er will mit einem guten Gefühl aus der Saison gehen, sagt er, „einfach noch ein paar schöne Sprünge zeigen“. Die Geschichte von Carlo Paech, sie ist noch nicht zu Ende.

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