Die Tour kann nur Impulsgeber für mehr sein

Von: Annika Thee
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Gehört zum Gesamtpaket „Radsportstadt Aachen“: das Traditionsrennen „Rund um Dom und Rathaus“ am 1. Juli. Foto: Martin Ratajczak

Aachen. Zum vierten Mal überhaupt wird eine Etappe der Tour de France rund 200 Radfahrer durch Deutschland führen. Erst zweimal zog der Tross durch die Region. 1965 war die Tour in Köln gestartet, 1992 führte sie durch Aachen und die Eifel. „Das ist etwas Besonderes und ein Alleinstellungs-Event“, sagt Jörg Höhne, Leiter der Kölner Fachschule für Tourismus am Alfred-Müller-Armack-Berufskolleg in Köln. „Und alles, was nicht alltäglich ist, kann zu etwas Besonderem vermarktet werden“, fügt er hinzu.

Professor Helmut Wachowiak, Fachbereichsleiter für Hotel-, Tourismus- und Eventmanagement an der Internationalen Hochschule in Bad Honnef, ist sich sicher, dass die Tour kurzfristig positive Auswirkungen auf die Region haben wird. „Es geht gar nicht anders. Allein durch die Berichterstattung und Millionen von Zuschauern gibt es einen positiven Effekt für das Image der Städte, die Derartiges mit ihren Werbebudgets niemals hätten leisten können“, führt er aus. Die Stadt Aachen schätzt, dass die zweite Etappe in 100 Länder übertragen wird und 50 Millionen TV-Zuschauer weltweit am 2. Juli auf die Kaiserstadt und die Region blicken.

Die Teilnahmekosten der Stadt Aachen (circa 50.000 Euro) werden nach Angaben der Stadt komplett von privaten Investoren abgedeckt. Lediglich organisatorische Kosten, zusätzliches Personal und den Stadtbetrieb muss die Kommune laut Oberbürgermeister Marcel Philipp selber finanzieren. „Die Investitionen sind aber nicht so hoch. Die Kosten für Absperrungen, Sicherheitsvorkehrungen und Aufräumarbeiten halten sich hier in Grenzen, sodass der Nettoeffekt für die Stadt positiv sein müsste“, schätzt Daniel Wentzel, Professor für Marketing an der RWTH Aachen. „Auf alle Fälle kommen mehr Leute in die Region als an einem normalen Wochenende. Das wirkt sich kurzfristig immer positiv auf Einzelhändler und Gastronomie aus.“

Ob aber auch die erhofften positiven Auswirkungen für die Region realistisch sind, sehen Tourismusexperten kritisch. „Die Chancen, die das wichtigste Radrennen der Welt mit sich bringt, sind nur die halbe Miete. Wichtig ist, ob die Region diese Chancen nutzt“, stellt Höhne fest. Dies hänge von dem angebotenen Rahmenprogramm ab. „Wenn die Konzepte gut entwickelt sind, kann nachhaltig von der Tour profitiert werden“, sagt er.

Zweistellige Millionen-Investition

Die Stadt Düsseldorf, in der der Auftakt der 104. Tour de France stattfindet, werbe seit Langem intensiv für das Event. „Die Investition von Stadt, Landesregierung und Tourismusverband sind riesig“, sagt Höhne. Düsseldorf erhofft sich, langfristig mit dem Grand Départ ein Vielfaches der zweistelligen Millionen-Investition durch die Veranstaltung wieder einzunehmen. „Zwar gibt es keine Komplettauslastung der Hotels, jedoch deutlich mehr Übernachtungen als es sonst der Fall ist“, bestätigt Thorsten Hellwig, NRW-Pressesprecher des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga).

Dass die zweite Etappe der Tour, die durch die Kreise Heinsberg und Düren sowie die Städteregion Aachen führt, positive Effekte haben wird, bezweifelt Hellwig allerdings. „In Aachen sind für das Wochenende der Etappe noch 34 freie Hotels verfügbar“, sagt er.

Auch Wolfgang Winkler, Kreisvorsitzender des Dehoga in Aachen und Inhaber mehrerer Hotels, ist sich sicher, dass die Tour für die Hotelindustrie in Aachen und der Region keine besonderen Auswirkungen haben wird. Zwar gebe es für das spezielle Wochenende einige Buchungen, jedoch könne er kaum darauf schließen, dass diese Gäste speziell für die Tour anreisen würden. „Es wird ein völlig normales Wochenende für uns, es gibt keinen Boom auf Zimmer“, fasst Winkler zusammen. „Mit dem CHIO Aachen oder dem Pinkpop-Festival ist das jedenfalls nicht vergleichbar“, so seine Erfahrung. Winkler sagt auch: „Die Länge der Veranstaltung ist entscheidend. In 20 Minuten sind die Teilnehmer durch unsere Region durch, da gibt es nicht viel zu gucken.“

Für Aachen und Jülich werden insbesondere Tagestouristen erwartet. „Das Einzugsgebiet von Tagestouristen für den Tourstart in Düsseldorf liegt etwa bei 200 Kilometern“, schätzt Jörg Höhne. Nur etwa maximal 100 Kilometer würden die Besucher für Anfahrten nach Aachen und Jülich in Kauf nehmen. Allerdings werde die Region von ihrer Internationalität profitieren. „Durch die Lage erhöht sich die Attraktivität der Region auch für Niederländer und Belgier, besonders weil in diesen Ländern der Radsport sehr beliebt ist“, sagt Wachowiak.

Dass die Region langfristig von der Tour profitieren wird, sehen nicht nur die Vertreter des Einzelhandels (siehe „Fünf Fragen an“), sondern auch die Tourismusexperten kritisch. „Der Nachhaltigkeitseffekt wird kurz sein. Im Gegensatz zu Olympischen Spielen oder der Fußball-WM ist die Region nicht über mehrere Wochen im Fokus der Medien und der Zuschauer“, glaubt Wachowiak.

Schließlich hingen nachhaltige Einnahmen der Einzelhändler und der Tourismusbranche laut Wachowiak davon ab, was die Eigentümer und das Stadtmarketing langfristig aus der Veranstaltung machten. Daniel Wentzel stimmt ihm zu. „Um Aachen auch nach der Tour auf die Landkarte der Radsporttouristen zu kriegen, sind langfristige Anstrengungen notwendig.“ Ein einziges Event werde nicht ausreichen, um das Ansehen der Region langfristig positiv zu verändern. „Marken leben nicht von einzelnen Aktionen, sondern von Werten und einem Image, das über Jahre hinweg aufgebaut wird“, sagt Wentzel.

Ein Radsportfest als Versuch

Auf den Impuls der Tour müsse ein langfristiges, strategisches Konzept folgen, erklärt Jörg Höhne. „Hierbei gilt das Motto: ‚nicht kleckern, sondern klotzen‘. Das Thema muss einer breiten Öffentlichkeit bekanntgemacht werden, um die Besucher für die Produkte zu gewinnen und langfristig zu binden.“ Der Radsport würde sich dafür gut eignen. „Das Thema liegt im Trend und ist vielfältig“, sagt Höhne. „Vom Radgeschäft bis zur Physiopraxis, von gesunder Ernährung bis zum Sport- und Gesundheitstourismus sollte ein nachhaltiges Marketingkonzept der Städte möglichst viele Akteure wie Einzelhandel, Hotellerie, Gastronomie und Tourismusbranche umfassen“, erklärt Höhne weiter.

Das geplante Radsportfest in Aachen ist ein Versuch, ein solches themenspezifisches Angebot für Besucher zu machen. Die Stadt will so auch mit möglichst niedrigen Kosten einen positiven Eindruck bei den Besuchern hinterlassen, die erwartet werden. Ob das Paket „Radsportstadt Aachen“, inklusive des Rennens „Rund um Dom und Rathaus“ am 1. Juli, die Besucher nachhaltig überzeugt, hänge auch davon ab, ob an den ersten Impuls der Tour de France weitere Veranstaltungen anknüpfen werden.

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