Die Aachener Kampf- und Lebensgemeinschaft

Von: Bernd Schneiders
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Der Blick spricht (Liebes-)Bände: Leo Zulic und Ania Fucz bei einer Verschnaufpause im MPC-Gym. Foto: Wolfgang Birkenstock
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Überragend: Trainer Christian Mohr mit seinen Kampfsport-Schützlingen.

Aachen. Geplant war eine Woche im Doppel-Tunnel – bis zum Wochenende. Doch über Nacht löste sich die Anspannung bei Ania Fucz und Leo Zulic auf: Ihre Kämpfe in Serbien wurden abgesagt. Damit sind die beiden Aachener zurück im normalen Sport- statt Wettkampfmodus.

Das In-sich-Gekehrtsein, die Fokussierung allein auf den Kampf, das weitgehende Abschalten aller störenden Momente von außen geht wieder in ein entspannteres Sport- und Privatleben über. Bewährt hat sich diese Symbiose zweier ehrgeiziger Kampfsportler dennoch. Dahinter steckt eine Entwicklung, die Geschichte von einer AKG zu einer AKG/ALG – von einer Aachener Kampf- zu einer Aachener Kampf- und Lebensgemeinschaft.

In der harten und entbehrungsreichen Welt der Highkicks und Würgegriffe bleiben Gefühle vorwiegend im Hintergrund. Besonders, wenn man so ehrgeizig ist wie die hochdekorierten Fucz und Zulic. „Ich wollte keine Beziehung, dafür hatte ich gar keine Zeit. Ich wollte mich nur auf meinen Sport konzentrieren“, erzählt die 34-jährige Frau aus Aachen, die WM- und EM-Gürtel sammelte wie andere Briefmarken.

Und auch Zulic, fünf Jahre jünger als seine Partnerin, hatte keinen Bock „auf Stress, wenn du jemandem erklären musst, dass du wieder zum Training musst. Völlig unmöglich ist es, die Gefühlslage in den letzten Tagen vor einem Kampf zu vermitteln – das verstehen nur Kämpfer.“

Die perfekte Lösung dieses Dilemmas war ein langwieriger Prozess. Vor fünf Jahren wurde die Kampfgemeinschaft Fucz/Zulic gebildet. Mit menschlichen Vorbehalten auf Seiten der Sportlerin. „Ich mochte ihn nicht“, gesteht Ania Fucz. Doch die Vorurteile über den neuen Trainingspartner wetzten sich im täglichen rein sportlichen Miteinander schnell ab.

Zulic spürte schnell die „besondere Aura“, die die gebürtige Polin umgab. Und schnell wuchs auch die Hochachtung vor ihrem sportlichen Leistungsvermögen. „Für die Verhältnisse einer Frau war sie allen Männern überlegen“, erkannte der gebürtige Kroate die physische Ausnahmestellung seiner Kollegin. Dazu kam die Hochachtung davor, „sich in diesem von Männern dominierten Sport so durchzusetzen“.

„Jeder wollte besser sein“

Die Kampfgemeinschaft entwickelte sich schnell zum Erfolgsrezept. „Leo hat für mich die perfekte Größe. Und so haben wir uns permanent gepusht: Jeder wollte besser sein als der andere.“ Die Titelsammlung wuchs rapide an, eine völlig andere Saat ging extrem langsam in Leo Zulic auf. Lange Zeit hatte der privat eher in sich gekehrte Kämpfer seine Partnerin nicht als Frau wahrgenommen.

Die Neutralisierung war aber zu seiner eigenen Überraschung endlich. Sie maßen und sie prügelten sich: Doch ganz zart entwickelten sich beim damals 25-Jährigen Gefühle. Erschrocken unterdrückte der auf Kampf und Training gepolte Aachener die aufkommenden Emotionen. Erfolgreich – wie Fucz schmunzelnd anerkennt. „Ich habe nichts davon gemerkt.“ Leo Zulic trägt sein Herz eh nicht auf der Zunge.

Doch so siegreich er in seinem Sport war, den Kampf gegen seine Gefühle verlor er. Sein Outing erfolgte „standesgemäß“ – in Thailand, dem Mekka für Kampfsportler. Ko Samui wurde für die Aachener Sportler zur Liebesinsel: Eigentlich als reiner Trainingsort gedacht, entlockte sie Zulic die lang niedergekämpften Emotionen, er gestand Ania Fucz seine Gefühle.

Das thailändische Eiland blieb eine historische Stätte: Dieses Jahr kam die nächste Stufe. Erneut auf Ko Samui, erneut während eines Trainingsaufenthaltes: „Leo hat mir einen Heiratsantrag gemacht – ich war total überrascht“, schildert Fucz. Eigentlich brauche sie kein Papier, um glücklich zu sein. Aber der Antrag war für sie „ein Liebesbeweis“, nach dem Geständnis drei Jahre zuvor gab‘s jetzt zwischen Kampf-Ring und Strand die Verlobung. Den ersten reinen Erholungsurlaub wird es im kommenden Jahr geben. Nach der Hochzeit im Juni stehen die Flitterwochen an – auf Ko Samui.

Die lange nicht nur voreinander versteckten Gefühle hielt das Kampf-Duo auch nach außen unter Verschluss. Die Liasion von Trainingspartnern ist eben eine besondere. Doch inzwischen wohnen sie auch zusammen und fanden die nötige Lockerheit für diese allumfassende Symbiose. „Aber wenn wir gemeinsam etwa im MPC-Gym von Christian Mohr trainieren, merken es die meisten noch nicht einmal.“ Die Fokussierung auf ihren Sport ist geblieben, kämpfende Turteltauben werden aus Fucz und Zulic nie werden.

Das beobachtet auch Mohr, ehemaliger NFL-Profi, der an der Schnellkraft der beiden arbeitet. „Sie sind unglaublich konzentriert, offen für alles Neue und extrem ehrgeizig. Wenn Ania sieht, dass jemand anders in einer Übung besser ist, arbeitet sie so daran, bis sie die Bessere ist“, erzählt der Modellathlet, der in seinem Gym in der Bergischen Gasse in Aachen neben der physischen auch die mentale Qualität seiner Schützlinge zu verbessern versucht.

Die Kampf-Absagen aus Serbien können Leo Zulic eh nicht stoppen. Zwar kommt für den Aachener, der wie seine Partnerin für die University of Fighting Düsseldorf startet, die Weihnachtspause etwas verfrüht: „Doch anschließend greife ich wieder an.“ Im Frühjahr bei einer Kampfsportgala in Alsdorf ist sein nächster Kampf geplant. Ania Fucz will es 2016 etwas ruhiger angehen lassen. Sie hat Gefallen gefunden an ihrer Arbeit als Fitnesstrainerin. Doch allen Unterrichtsambitionen und Hochzeitsplänern plus -vorbereitungen zum Trotz: Ohne Sport ist für die mehrfache Weltmeisterin kein Leben denkbar.

Und diese Lust verbindet sie mit Leo Zulic genauso wie das Interesse, an eigenen Schwächen zu arbeiten. Beide haben sich seit geraumer Zeit dem MMA verschrieben. Ihre Stärken im Schlagen und Treten zum Trotz lieben sie den „Kick“ des Bodenkampfes, indem sie naturgemäß noch immer Entwicklungsbedarf besitzen. „Das ist eben die Herausforderung“, sagt Zulic. „MMA (Mixed Martial Arts) ist für mich die kompletteste Kampfsportart.“ Die Arbeit an Schwächen entspricht dem Kämpfer-Naturell der beiden. Inzwischen zählt für sie ihre gegenseitige Liebe nicht mehr dazu.

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