Der Jubel ist vorbei: Totilas startet nicht mehr

Von: Helga Raue
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Das Abschiedsbild: Matthias Alexaner Rath reißt die Arme nach seinem Ritt hoch. Einen Tag später sieht die Welt ganz anders aus.

Aachen. Als Freitagmittag das offizielle Eingeständnis kam, wurde am anderen Ende des Turniergeländes Totilas gerade auf den Lkw verladen. Ziel: eine Tierklinik in Belgien, von der man sich Aufschluss über den Gesundheitszustand des Hengstes erhoffte.

Lange hatte die deutsche Mannschaftsführung mit sich gerungen, das einzugestehen, was tags zuvor im Viereck nicht zu übersehen gewesen war. Totilas ging hinten unklar, gerade im Trab war deutlich geworden, dass er Probleme mit dem linken Hinterbein hatte. Doch erst Freitag folgte das Eingeständnis und die einzig richtige Entscheidung: Für Totilas ist die EM beendet. Und damit vermutlich auch die Sportkarriere des schwarzen Hengstes.

„Wir – das sind Matthias Alexander Rath, Bundestrainerin Monica Theodorescu, unser Mannschaftstierarzt und ich – haben nach der Videoanalyse des Ritts am Freitag gemeinsam entschieden, dass Totilas nicht mehr bei der EM starten wird“, verkündete Klaus Roeser, Equipechef der deutschen Dressurreiter, erkennbar angeschlagen. Unverständlich genug, dass die Fachleute dazu erst ein Video benötigten. „Das war für uns von der Position aus, an der wir standen, nicht so deutlich zu sehen“, verteidigte Roeser sich und seine Kollegen, musste aber eingestehen, „ ja, heute muss ich sagen, es gab hinten links deutliche Taktunreinheiten, das können wir nicht wegdiskutieren“.

Totilas hatte mit seinem Auftritt Richter, Fachleute und Zuschauer, die sich von dem Hype um das vermeintliche Wunderpferd blenden ließen, gespalten. Das spiegelte sich auch in den Noten wider. Während die deutsche Richterin Katrina Wüst den Ritt mit realistischen 72,9 bewertete, hatten zwei ihrer Kollegen Totilas auf utopische 80,1 Prozentpunkte gesetzt. „Es kommt darauf an, wo man als Richter sitzt. Auf der langen Seite sieht das anders aus als auf der kurzen“, hatte der niederländische Cheftrainer Eduard de Wolff van Westerrode nach dem Grand Prix versucht, die unterschiedlichen Richterurteile zu verteidigen.

„Auf der anderen Seite“ – das war auch am Freitag der Tenor in allen Begründungen. Schon beim Vet-Check soll es Diskussionen gegeben haben. „Dazu kann ich nichts sagen, ich stand auf der anderen Seite, Totilas stand zwischen mir und den Richtern“, so Roeser.

Auf der falschen Seite...

Auch auf dem Abreiteplatz hatten aufmerksame Beobachter die ungleichen Tritte des Hengstes bemerkt, „da war ich im Stadion und habe mit die Briten und Niederländer angesehen“. Und bei Raths Ritt standen alle geschlossen an der falschen Position. Roeser: „Auch Matthias hat nach dem Ritt nicht gesagt, dass er das Gefühl gehabt hätte, es sei etwas nicht in Ordnung gewesen.“ Rath hatte aber auch nicht gefühlt, dass Totilas wieder Fehler in den Einerwechseln hatte…

Natürlich muss sich die Mannschaftsführung nun die Frage gefallen lassen, ob man ein angeschlagenes Pferd nominiert hat, ob die Aussicht auf 80 Prozent und mehr den Einsatz Totilas‘ im Kampf um Gold rechtfertigte. „Ja, so kann man das sehen und zur Diskussion stellen. Auf der einen Seite wollten wir Gold gewinnen, auf der anderen hat Totilas in Hagen zwei gute Runden, wenn auch mit Fehlern, gezeigt, so dass wir keine Veranlassung hatten, uns zu sorgen.“ Fakt ist: Es gab im Vorfeld eine Lex Totilas. Obwohl der Hengst fast ein Jahr kein Turnier gegangen war, erhielt er Dispens für die DM, die erste EM-Sichtung. Zwei Starts in Hagen, der zweiten Sichtung, reichten, um das EM-Ticket zu sichern. „Auch im Trainingslager war Totilas stabil“, betonte Roeser, „und auch jetzt ist äußerlich nichts festzustellen, weder etwas zu sehen noch zu fühlen. Wir hoffen, in der Klinik herauszufinden, was ihm fehlt.“ Zum Wohl des Pferdes, wie es auch der Deutsche Tierschutzbund am Freitag in einer Erklärung forderte.

In „kleiner Runde“ soll nach der EM analysiert werden, wie der Sichtungsweg in Zukunft aussehen soll – schließlich stehen in einem Jahr Olympische Spiele an. Dass man aber Totilas im Sport wiedersehen wird, darf nach der EM bezweifelt werden...

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