Torwart von Mainz 05 klagt auf Festvertrag: Profisport vor Umbruch?

Der Fall: Heinz Müller gegen das System Fußball

Von: Marlon Gego und Christoph Pauli
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Nach den sportlichen Hürden geht Heinz Müller jetzt die juristischen an: Weil sein Vertrag als Torwart bei Mainz 05 nach der Saison 2013/2014 nicht mehr verlängert wurde, klagt er und fordert die gleichen Rechte ein, die jeder andere Arbeitnehmer auch hat. Foto: imago/Jan Huebner
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Der Direktor des für die Region Aachen, Düren, Heinsberg zuständigen Arbeitsgerichts Aachen, Dr. Klaus Brondics. Foto: Arbeitsgericht Aachen

Aachen/Erfurt. Am 16. Januar wird in Erfurt ein Urteil gesprochen, das den deutschen und in der Folge den gesamten europäischen Profisport verändern könnte. Das Bundesarbeitsgericht entscheidet darüber, ob der frühere Fußball-Bundesliga-Torwart Heinz Müller während seiner Zeit bei Mainz 05 einen Anspruch auf eine unbefristete Festanstellung gehabt hat.

Müller spielte seit 2009 in Mainz, nach der Saison 2013/2014 wurde sein Vertrag nicht mehr verlängert. Im Kern geht es um die Frage, ob für Profifußballer dieselben Rechte gelten wie für andere Arbeitnehmer auch. Würde das Gericht Müller am Dienstag recht geben, hätte dieses Urteil wohl ähnliche Umwälzungen zur Folge wie 1995 das so genannte Bosman-Urteil des Europäischen Gerichtshofs, demzufolge die freie Wahl des Arbeitsplatzes innerhalb der EU auch für Profifußballer zu gelten hat.

Der Direktor des für die Region Aachen, Düren, Heinsberg zuständigen Arbeitsgerichts Aachen, Dr. Klaus Brondics, erklärt im Gespräch mit Marlon Gego und Christoph Pauli, warum es sinnvoll sein könnte, dass Profisportler künftig nicht mehr fest angestellt, sondern als selbstständige Unternehmer für Vereine arbeiten würden.

Herr Brondics, würden Sie eine Prognose wagen, wie Ihre Kollegen am Bundesarbeitsgericht entscheiden werden?

Klaus Brondics: Das Bundesarbeitsgericht wird sich zu entscheiden haben, welche Folgen sein Urteil haben wird. Soll der Profi-Fußball aus den Angeln gehoben werden oder soll das System weiter gelten? Wie auch in den beiden Instanzen vorher werden die Arbeitsrichter prüfen, ob die Befristung von Profifußballern der Eigenart der Arbeitsleistung entspricht. Zuletzt hatte das Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz diese Frage bejaht mit dem Hinweis: Der Aspekt des Verschleißes von Profispielern rechtfertigt zeitliche limitierte Verträge. Arbeitnehmer mit einer Befristung haben den Nachteil, dass der Vertrag zeitnah endet. Sie haben den Vorteil, dass der Vertrag während der Laufzeit nicht gekündigt werden kann. Es könnte deshalb sein, dass das Bundesarbeitsgericht die Befristung für wirksam hält.

Welche Gegenposition steht im Raum?

Brondics: Verschleiß gibt es auch in anderen Berufen. Wie kann ich denn erklären, dass ich einen 18-jährigen Profi nur für drei Jahre einstelle? Nach drei Jahren ist er hoffentlich nicht verschlissen. Wenn ich nach deutschem Recht aber einen befristeten Vertrag wirksam abschließe, muss ich beim Abschluss sicher darlegen können, wie die Voraussetzungen sind. Das ist aber bei Sportlern Kaffeesatzleserei. Er kann sich verletzten oder durchstarten. Ein Fußballer oder Arbeitnehmer schuldet keinen Erfolg, sondern seine Dienstleistung.

Ist Verschleiß bei der Frage der Befristung das gravierende Kriterium?

Brondics: Verschleiß und das Publikumsbedürfnis nach neuen Attraktionen ist das Hauptargument der Verbände und Vereine. Anerkannt sind die Befristungen längst im Bereich von Rundfunk und Theater. Das Publikum möchte mal irgendwann einen anderen Dirigenten erleben, damit die Mahler-Sinfonie anders klingt. Aber kann man diese Regelung auf den Profisport übertragen? Ich möchte schönen Fußball sehen, egal durch wen. Wir haben in der Branche die Befristungen als gottgegeben angenommen, weil es keinen Kläger gab. Jetzt befürchte ich, dass sich bei der Urteilsfindung die normative Kraft des Faktischen durchsetzt, also das Motto: Das haben wir immer so gemacht bislang. Damit würden wir eine Chance zur überfälligen Generalrevision des Profifußballs verpassen. Nach meiner Auffassung können wir den Profifußballer nicht mehr wie einen klassischen Arbeitnehmer behandeln.

Können Sie sich mit dem Verschleißgedanken juristisch anfreunden?

Brondics: Ich habe da Bedenken. Die ganze Nation freut sich, dass der 72-jährige Jupp Heynckes quietschfidel auf der Bank des FC Bayern sitzt. Ich erkenne da keinen Verschleiß. Das Argument wirkt sehr bemüht.

Was ist Ihre Beobachtung?

Brondics: Die Dimension und die Möglichkeiten der Profis haben sich unglaublich verschoben in den letzten Jahrzehnten. Spieler können inzwischen noch parallel zu ihrem Beruf weitere Werbeverträge abschließen. Ich kann mir wirklich nur schwer vorstellen, dass ein Profi der gehobenen Klasse so schutzwürdig wie ein normaler Arbeitnehmer ist, der im Supermarkt an der Kasse für 2400 Euro sitzt.

Zur normativen Kraft des Faktischen würde auch gehören, dass Vereine jegliche Planungssicherheit verlieren würden, wenn es keine Befristung mehr geben dürfte.

Brondics: Das wäre aus Klubsicht der „worst case“. Dann können wir in diesem System nicht weitermachen, denn dann wäre Lothar Matthäus heute noch beim FC Bayern auf der Ersatzbank. Natürlich ist anzuerkennen, dass aufgrund der körperlichen Beanspruchung bei den Profis früher als bei vielen anderen Arbeitnehmern eine Zäsur erfolgen muss. Wenn das Bundesarbeitsgericht die Befristung kippen sollte, wäre das keine Katastrophe für den Fußball, sondern eine gute Möglichkeit für einen zukunftsorientierten Neustart. Als das Bosman-Urteil gefällt wurde, dachten auch die Beteiligten, dass das System kippt. Es war nicht so.

Die Verbände befürchten dennoch einen kompletten Kollaps.

Brondics: Es wäre ein Systembruch. Aber er wäre verkraftbar.

Vereine würden mit einem Urteil einen großen Teil ihres Anlagevermögens verlieren.

Brondics: Ja, das könnte so kommen, dann benötigte man Übergangsregelungen.

Ein naheliegender Ansatz wäre, die Profis als Selbstständige mit allen daraus erwachsenen Verpflichtungen zu behandeln – bis hin zur Begleichung der Provision für den Berater.

Brondics: Das hielte ich für die ehrlichste Variante. Jede andere Sichtweise wirkt doch konstruiert. Betrachten wir doch mal den Fall des Beschäftigungsanspruches: Jeder Arbeitnehmer schuldet eine Arbeitsleistung. Wenn zum Beispiel ein Maurer von seinem Arbeitgeber aus irgendwelchen Gründen nicht auf die Baustelle gelassen wird, bleibt dem Maurer der einklagbare Anspruch auf Beschäftigung. Der Fußballer schuldet den Einsatz als Teamspieler. Wenn er suspendiert wird, kann er auf dem Klageweg nicht erreichen, dass er im Team landet, sondern nur, dass er am geregelten Trainingsbetrieb teilnehmen darf. Erkennbar bekommt er hier weniger Rechte, weil es sich nicht anderes regeln lässt.

Es gibt im Profifußball viele Bereiche, die sich in juristischen Grauzonen abspielen: Die Suspendierung eines Spielers würde wohl von keinem Arbeitsgericht bestätigt, ebenso wenig wie von Vereinen gegen Spieler ausgesprochene Geldstrafen. Urlaubsansprüche und Urlaubsgeld könnten wohl gerichtlich eingeklagt werden, was aber seit Karlheinz Pflipsen 1997 niemand mehr versucht hat. Würden diese Grauzonen beseitigt, wenn Profifußballer als Selbstständige arbeiten würden?

Brondics: Der Urlaub ist auch ein Problem. Jeder Arbeitgeber darf von diesem Anspruch nur aus dringenden betrieblichen Gründen abweichen. Damit reduziert sich der eigentliche Urlaubsanspruch eventuell auf die spielfreie Zeit. Der Arbeitgeber darf über den Urlaub alleine befinden, auch das ist schwer nachvollziehbar im Arbeitsrecht.

Wir reden doch von einer Parallelwelt mit eigenen Gesetzmäßigkeiten.

Brondics: Die haben sich im Laufe der Jahre mit eingeschlichen, und sie sind schwer durchschaubar. Wie funktioniert zum Beispiel das Leihgeschäft von Profis? Dabei ist der Vorgang im Arbeitnehmerüberlassungsgesetz geregelt. Im Bereich des Fußballs laufen die Dinge jenseits solcher Regularien.

Bewerten Richter die Vorgänge nur juristisch oder berücksichtigen sie in ihren Urteilen die gravierenden Auswirkungen ihrer Entscheidungen?

Brondics: Als Richter muss ich den einzelnen Fall entscheiden und auch abwägen. Ich kann aber keine Lösung präsentieren, weil sie vermeintlich besser ins Gesamtbild passt.

Sind denn vor dem Gesetz nicht alle gleich, und für den durchkommerzialisierten Fußballmarkt gelten andere Regeln?

Brondics: Nein, vor dem Recht müssen alle gleich sein. Es gibt aber Leute, die aufgrund ihrer hohen Gehälter darauf verzichten, gewisse Dinge wie zum Beispiel einen zeitlich eingeschränkten Sommerurlaub einzuklagen.

Ein Wegfall der Befristung würde auch für andere Sportarten gelten?

Brondics: Man wird es übertragen müssen zum Beispiel auf den Handball, Basketball oder vielleicht auch auf den Motor- oder Radsport, bei dem es auch Saisonverträge gibt.

Auch Trainer könnten dann nicht mehr auf Zeit angestellt werden? Ein Verein wie der überhitzte Hamburger SV hätte gleichzeitig zehn Trainer auf der Gehaltsliste?

Brondics: Ja, das wäre so. Ein Trainer wird nicht fristgestellt, sondern nur freigestellt. Bislang hat noch kein Trainer die Befristung angegriffen. Vielleicht kann man seine Rolle auch noch etwas anders bewerten als die des Spielers. Wenn aus Vereinssicht, der Trainer keine gute Arbeit abliefert, kann es sinnvoller sein, ihn statt eines Dutzend Spieler zu entlassen.

Wie immer das Bundesarbeitsgericht über Heinz Müllers Klage entscheiden wird, kann man davon ausgehen, dass sich im Anschluss der Europäische Gerichtshof mit der Klage befassen wird, oder? Der frühere belgische Profi Jean-Marc Bosman erhielt ja auch erst in dieser allerletzten Instanz recht.

Brondics: Das Bundesarbeitsgericht hat drei Möglichkeiten. Die Klage kann abgewiesen werden, weil es die Befristung für zulässig hält. Die Richter können das Gegenteil feststellen oder sie können die Frage, ob eine Befristung mit EU-Recht vereinbar ist, an den Europäischen Gerichtshof weiterleiten.

Kann man Ihre Einschätzung so zusammenfassen, dass Sie nicht davon ausgehen, dass die Regelung verändert werden und das eher für eine vertane Chance halten?

Brondics: Ich will nicht spekulieren. Mich würde es aber nicht extrem überraschen, wenn die Befristung für unwirksam erklärt würde. Es gibt viele gute Argumente um festzustellen, dass die bisherige Praxis nicht dem Gesetz entspricht. Wenn die Klage abgewiesen würde, würde sich die Fußballbranche freuen, für andere Bereiche wäre die Botschaft nicht so gut. Sind Lehrer nicht einem sehr viel höheren beruflichen Verschleiß ausgesetzt als 20-Jährige Fußballer? Wenn ich die Befristung beim Profi zulasse, könnte der Umkehrschluss auch sein, auch Lehrerstellen zu befristen.

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