Christoph Sandmann gibt die Zügel aus der Hand

Von: Roman Sobierajski
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Sandmann bereitet sich vor für das CHIO 2013. Foto: Wolfgang Birkenstock
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Perfektes Zusammenspiel: Gespannfahrer Christoph Sandmann beim CHIO 2013 in der Aachener Soers. Foto: Uwe Anspach
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„Fit for compete“ müssen die Pferde sein, also in gesundheitlicher Hinsicht wettkampftauglich.Gespannfahrer Christoph Sandmann mit einem seiner Pferde bei der Gangkontrolle. Foto: Uwe Anspach

Aachen. Und dann begann der Tag für Christoph Sandmann doch noch mit einem Aufreger. Es war nicht die vorsorgliche Untersuchung seiner fünf Pferde am frühen Morgen beim Mannschaftstierarzt der deutschen Gespannfahrer auf dem CHIO-Gelände, denn das ist für Menschen und Tier Routine.

„Bei mir wird morgens um halb acht immer gefüttert. Die Pferde haben eine innere Uhr und sind es gewohnt, dass um diese Zeit was los ist.“

Es war die Zeitungslektüre beim anschließenden gemeinsamen Frühstück zwischen Wohnmobil und Transporter, die den 46-Jährigen elektrisierte. Der Fahndungserfolg der Polizei, der zur Ergreifung des mutmaßlichen Schützen führte, der in den letzten Jahren mindestens 762 Mal auf der Autobahn auf andere Fahrzeuge schoss. Sechs Mal davon war Sandmann selbst, der im richtigen Leben im Emsland ein Speditionsunternehmen mit 140 Lkw besitzt, Opfer der Taten.

Und so denkt er als Betroffener laut über die Diskussion und die Abwägung zwischen Datenschutz und kriminalistischen Fahndungsmethoden nach. Knappes Fazit: „Ich hätte nichts zu verbergen.“

Nichts zu verbergen?

Ob Christoph Sandmann, der 1992 in Riesenbeck, 1994 in Den Haag und 2006 bei den Weltreiterspielen in Aachen den Weltmeistertitel mit der Mannschaft gewann, nichts zu verbergen hat, muss sich knapp eine Stunde später herausstellen, als neben dem Trainingsgelände der Fahrer zwischen Soerser Weg und Eulersweg die offizielle tierärztliche Untersuchung der vier Gespannpferde und des Ersatzpferdes ansteht, die darüber entscheidet, ob Sandmann an den Wettbewerben teilnehmen darf, die für die Kutschführer gestern begonnen haben.

„Fit for compete“ müssen die Tiere sein und der ersten Begutachtung auf äußere Verletzungen schließt sich die Gangkontrolle an. Christoph Sandmann stellt im roten Dress des Nationalkaders das erste Pferd förmlich der dreiköpfigen Kommission vor: „Nummer 540, Amico“.

Und dann beginnt auch für den Piloten der sportliche Teil des Morgens, denn er muss mit dem Pferd einen Teil der Strecke im Gang, dann im Trab und wieder zurück absolvieren. Mit allen fünf Pferden, es folgen nacheinander „541 Asztor, 542 Scicco, 543 Variant“. „Ihr habt die Bahnen zu lang gemacht“, stöhnt der 46-Jährige zwischendurch in Richtung der Tierärzte. „Einer kommt noch, 544 Wierd.“ Gelassene Entgegnung des Veterinärs: „Ich weiß, ich habe ja auch noch nicht ‚Guten Tag‘ gewünscht.“

Da auch die Papiere in Ordnung sind, in denen etwa alle vorgeschriebenen Impfungen eingetragen sein müssen, bekommt Christoph Sandmann fünf Häkchen auf dem Meldebogen und somit grünes Licht.

Somit ist das offizielle Programm bis zur Besprechung mit Bundestrainer Ewald Meier am Mittag erst einmal beendet und es bleibt Zeit für eine weitere Tasse Kaffee im Kreise der Familie im Fahrerlager am Eulersweg. Familiär geht es hier abseits des Millionenspektakels der Springreiter tatsächlich zu: Ein Nachbar kommt vorbei, um sich eine Zange auszuleihen, Ehefrau Karin hilft an anderer Stelle mit der Zuckerdose aus. Und ohne die Unterstützung der eigenen Familie wäre so ein Unternehmen wie die Teilnahme am CHIO vermutlich auch nicht zu stemmen.

„Einige der Fahrer wie der Australier Boyd Exell oder der Niederländer Ijsbrand Chardon sind Profis und leben von dem Sport, für uns andere ist es Hobby“, schätzt Sandmann ein. Ein äußerst ambitioniertes Hobby allerdings: Täglich werden die Pferde im heimischem Lähden trainiert, acht bis zehn Mal im Jahr geht es mit ganz großem Gepäck zu den sportlichen Herausforderungen. Wohnmobil, Pferdetransportter, Kutsche, die ganze Logistik. Alles erinnert ein wenig an die Siedlertrecks in den Westernfilmen.

Karin Sandmann füllt dabei die Rolle des logistischen Zentrums aus, sorgt dafür, dass die Hemden und Helme, Zaumzeug und Zylinder bereitliegen, dass die Krawatte ihres Gatten ordentlich sitzt, wenn es um offizielle Auftritte geht – und fährt am Mittwoch mal eben kurz zurück nach Lähden, weil für die beiden daheim gebliebenen Kinder der Sandmanns Zeugnistag ist und es anschließend ins Ferienlager geht.

Die anderen Mitglieder des Teams Sandmann sind für die sportlichen Erfolge mitzuständig. Adolf „Arno“ Fischer, ist seit zwölf Jahren selbst mit Zweispääern unterwegs und heimste 2010 den „Ernst Reeker Gedächtnispreis“ für den stilistisch besten Fahrer ein. Fischer, der heute seinen 39. Geburtstag feiert, gibt als offizielle Berufsbezeichnung „Sirupausmischer“ an, was abenteuerlicher klingt als das, was sich dahinter verbirgt und viel mit der Herstellung von Erfrischungsgetränken zu tun hat, wird im Team Sandmann als „Groom“ geführt.

ie schnöde deutsche Übersetzung lautet Beifahrer, die möglichen Bedeutungen des englischen Wortes von „präparieren“ und „striegeln“ bis hin zu jemanden „aufbauen“ oder „heranziehen“ beschreiben das Arbeitsfeld allerdings deutlich besser.

Pinke Fahr-Amazonen

Die beiden weiblichen Teamangehörigen sind ebenfalls mit Zweispännern sportlich erfolgreich, übersetzt in den Motorsport also DTM statt Formel 1. Carola Diener ist die eine Hälfte im „Pink Team“ und amtierende Weltmeisterin bei den Zweispännern. Die 25-Jährige, die seit sechs Jahren als Pferdewirtin bei Sandmann Pferdesport angestellt ist und alle Angelegenheiten rund um den Stall managt, trainiert zudem die andere Hälfte der pinken Fahr-Amazonen, die mit ihren sportlichen Erfolgen in der Männerdomäne Fahrsport für Furore gesorgt haben. Und diese andere Hälfte heißt Anna, ist 17 Jahre alt und hört ebenfalls auf den Namen Sandmann.

Als Tochter Sandmann und Vater Sandmann dann am frühen Nachmittag ihren Ablaufplan (16.30 Uhr Anspannen, 16.40 Beginn der Eröffnungsfeier, 17.10 Einfahren als Teil des Schaubildes zum 100-jährigen Bestehen des „Deutschen Olympia-Komitees Reiterei“) erhalten haben, bleibt für den dreimaligen Weltmeister Zeit den großen Bogen zu schlagen. Schließlich überblickt Sandmann fast 25 Jahre als Aktiver beim CHIO Aachen, eine komplette Karriere.

Und macht der Veranstaltung in Aachen ein anderes Kompliment als die manchmal pflichtschuldigst begeistert klingenden Adressen der Medienprofis aus dem Sprungviereck. „In Aachen haben wir Kutschfahrer einen unglaublichen Stellenwert. Kein Zuschauer könnte sich vorstellen, dass wir hier nicht fahren“, freut sich Sandmann auf dem CHIO als Teil des gesamten Pferdesport wahrgenommen zu werden, mittendrin statt nur dabei zu sein. Oder wie so häufig allein unter seinesgleichen, abseits der großen Turnierveranstaltungen.

Die ersten Eindrücke von Aachen haben vielleicht auch den Ausschlag gegeben, die Zügel für fast drei Jahrzehnte in die Hand zu nehmen. „Ende der achtziger Jahre bin ich als Zuschauer nach Aachen gekommen, extra aus dem Emsland angereist“, erinnert sich der heute 46-Jährige an die Anfänge. Die Kutscher fuhren nicht wie vermutet am Turniergelände, sondern am anderen Ende der Stadt. Als Sandmann schließlich einen Parkplatz am Öcher Bösch gefunden und sich einen Weg zu einem Hindernis gebahnt hatte, „da war die Veranstaltung schon fast gelaufen. Es kam nur noch ein Gespann, aber es war unglaublich, der Wald voller Zuschauer, die applaudierten und die Strecke mit abliefen.“

Das Handwerk vom Vater gelernt

Sandmann selbst hat in jungen Jahren die Zügel von seinem Vater in die Hand bekommen, der ebenfalls schon viele Jahre auf dem Kutschbock verbracht hatte. Mit 15 Jahren hat er angefangen, mit 18 erste Turniere gefahren. Und die vielen Jahre, die sich die Fahrer bis zum Umzug zu den Weltreiterspielen auf das Turniergelände durch den Aachener Wald schlängelten, waren landschaftlich und vom Publikumszuspruch her zwar mehr als beeindruckend, sportlich aber nicht unbedingt optimal.

„Wir campierten bei den Bauern in der Soers und mussten mit dem gesamten Tross zu den Wettbewerben immer in den Wald umziehen“, erinnert sich Sandmann. Und auch die Wettbewerbs-Vorbereitung gestaltete sich eher schwierig. „Wir Fahrer gehen die einzelnen Hindernisse bis zu 20 Mal ab, schätzen das Risiko bei den kürzeren Wegen ab, die auch schwieriger zu fahren sind, überlegen hin und her.“ Kein leichtes Unterfangen, wenn sich die Hindernisse über den halben Wald verteilen.

Die Hindernisse sorgfältig abgelaufen ist Christoph Sandmann auch am Mittwoch vor der ersten von acht Wettbewerben für die Gespannfahrer, die eine Gesamtdotierung von knapp 140.000 Euro haben – alle acht insgesamt wohlgemerkt. Seine eigenen sportlichen Ambitionen hat Sandmann in diesem Jahr ein wenig in den Hintergrund gestellt.

„Das ist erst mein zweites Turnier in dieser Saison“, räumt der 46-Jährige ein und denkt wohl darüber nach, in absehbarer Zeit ebenfalls die Zügel weiterzugeben, an Tochter Anna, sobald diese auch 18 Jahre alt ist. „Vierspänner-Fahren ist schwer für Frauen“, räumt Sandmann ein, nicht wegen der vier PS, die das Gefährt durch die Landschaft ziehen, sondern eher wegen der knapp zweieinhalb Tonnen schierer Muskelmasse, die durch den Parcours dirigiert werden wollen. „Ein Marathon, der geht richtig in die Arme, das reicht bis hin zur Erschöpfung.“

Dennoch sieht Sandmann in einer Sportart, in der man sich mal nicht eben beim Verein um die Ecke anmelden kann, um seine ersten Erfahrungen zu machen, bei der Jugend. Denn der olympische Traum ist für die Gespannfahrer wohl endgültig ausgeträumt, seitdem Englands Prinz Philipp in die Jahre gekommen ist und nicht mehr selbst Werbung macht für diesen Sport. „Ich denke, der Zug ist abgefahren. Wir müssen es schaffen, die Jugend ranzuführen“, sagt Sandmann und bricht auf zu den letzten Aufgaben des Tages: Sondertraining im Ein- und Zweispänner für drei seiner Pferde, die noch ein wenig Rückstand haben.

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