Mönchengladbach - Christoph Kramer: „Wir wollen in der Liga ein Zeichen setzen“

Christoph Kramer: „Wir wollen in der Liga ein Zeichen setzen“

Von: Bernd Schneiders
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Spieler mit Auge: Christoph Kramer. Foto: imago/Sven Simon

Mönchengladbach. Seine Aufgabe ist es, Lücken zu schließen. Das beherrscht Christoph Kramer im Mittelfeld von Borussia Mönchengladbach. Außerhalb des Platzes aber steht der 26-Jährige für Offenheit, mittlerweile der kontrollierten Art. Seine Wortwahl ist überlegter als zu Beginn seiner Profikarriere, „aus Fehlern lernt man, aber meine offene Art werde ich immer beibehalten“, sagt der gebürtige Solinger. Das beweist Kramer vor dem Bayern-Spiel im Gespräch mit Bernd Schneiders.

Ähneln Borussias Leistungen einer Echternacher Springprozession?

Kramer: Das würde ich nicht als Synonym für Borussia, sondern eher für die ganze Liga sehen, die eben extrem ausgeglichen ist. Bei den meisten Mannschaften ist es: drei Schritte vor, drei zurück. Oder zwei Schritte vor und drei zurück. Bei uns drei Schritte vor und zwei zurück – das heißt, wir kommen immerhin vorwärts.

Worin drückt sich das konkret aus?

Kramer: Es kommen halt Woche für Woche Ergebnisse zustande, die teils nicht erklärbar sind, und da nehmen wir uns nicht aus. Am ehesten noch die Bayern, obwohl sie in diese Saison auch nicht so krass erfolgreich sind wie sonst.

Wie ist es denn erklären, dass es bei Borussia sogar innerhalb eines Spiels krasse Gegensätze gibt?

Kramer: Das ist eine schwierige Frage, weil ich meine, dass jeder, der mit Fußball zu tun hat, ob Fan, Journalist oder wir Profis, sich davon freimachen muss, nach einem Spiel gleich eine längerfristiges Urteil abzugeben. Wenn man uns nach dem Spiel in Berlin bewertet, sagt man, Borussia ist eine Champions-League-Mannschaft. Nimmt man das 1:1 gegen Mainz als Maßstab, sind wir nur ganz graues Mittelmaß. In der heutigen Zeit ist es sogar schwer, zwei bis drei Monate zu bewerten. Selbst wenn man vier Spiele hintereinander gewinnt, ist es nur ein Trend. Was man beurteilen kann, ist der Weg der Borussia etwa in den letzten fünf, sechs Jahren. Den muss man bewerten und den kann man bewerten.

So läuft aber das Geschäft nicht.

Kramer: Ja, und das finde ich verkehrt. Dabei geht es natürlich auch um Angebot und Nachfrage. Fußball ist enorm im Fokus, jeder möchte ganz viele neue Infos. Und dann muss man sich auch ein bisschen was einfallen lassen. Jedes Blatt muss auf seine Zeilen kommen. Und dafür ist es natürlich gut, wenn die Bundesliga jedes Wochenende neu bewertet wird. Wenn du aber von Spiel zu Spiel bewertest, musst du akzeptieren, dass du innerhalb von sieben Tagen zwischen Extremen pendelst.

Gladbachs Extreme waren Dortmund und Leverkusen.

Kramer: Ohne das schönreden zu wollen: So ein Spiel wie gegen Leverkusen kommt ein Mal in 100 Jahren vor. So eine phantastische erste Halbzeit zu spielen, und es dann so aus der Hand zu geben. Das passiert uns nicht mehr. Gegen Dortmund war es einfach ein Totalversagen. Wir haben uns nicht gewehrt, mutlos gespielt, da sind wir als Mannschaft komplett untergegangen. So ein Spiel kannst du mal drin haben, solltest du aber nicht. Bei der Entwicklung unserer Mannschaft musst du so einen Ausreißer auch mal in Kauf nehmen.

Alle schwärmen immer vom Fohlenstall, dass wir so viele junge Spieler rausbringen. Da kann ein 1:5 gegen Leverkusen mal passieren, Elvedi ist 21, Zakaria 21, Cuisance 18 Jahre – wir haben eine extrem junge Mannschaft. Und wenn die auf dem Platz steht, dann feiern das alle, dann ist es der Weg von Borussia Mönchengladbach. Das wird für nachhaltigen Erfolg sorgen, aber dann muss man außen auch mal Fünf gerade sein lassen. Intern malt eh keiner den Teufel an die Wand. So läuft die Entwicklung einer sehr jungen Mannschaft, da kann und muss das auch mal passieren.

Jahrelang wurde Gladbachs Auswärtsfluch thematisiert. Plötzlich spielt die Mannschaft in fremden Stadien stabiler als im Borussia-Park. Wie erklären Sie das?

Kramer: Ich kann es nicht. Das ist das Schöne am Fußball, du kannst nicht immer alles erklären. Deshalb lieben wir den Fußball ja auch.

Gegen offensivstarke Gegner hat Borussia schon mal große Probleme. Was macht sie optimistisch, dass das ausgerechnet gegen die Bayern anders ist?

Kramer: Wenn es so ein Spiel gibt, dann jetzt: Du bist Vierter, hast ein Spiel 18.30 Uhr, gegen Bayern München – also, da kannst du nicht viel verlieren. Da wollen wir unser bestes Tennis zeigen. Die Münchner sind sicher nicht die Unschlagbaren, die sie mal waren. Aber klar, bei uns muss vieles passen, bei ihnen ein bisschen weniger.

Wie geht man in so ein Spiel an?

Kramer: Wie in jedes andere auch. Bange machen gilt nicht. Raus gehen, Attacke – und denn nachher schauen, was dabei rausgekommen ist. So schwer ist der Fußball auch nicht.

Sie treffen aber auf die Pressingweltmeister der Liga. Wollen Sie das spielerisch lösen? Heckings Vorgänger André Schubert würde die Fünferkette auspacken.

Kramer: Ich glaube, dass wir mit unserer Spielart für eine seltene Konstanz stehen. Wir wollen Fußball spielen. Das mag ich sehr an Gladbach. Es ist immer schwieriger, ein Spiel mit Ball zu kreieren als ohne Ball. Wenn ich andere Mannschaften sehe – die hauen das Ding nach vorne und gehen ins Gegenpressing. Das ist nicht unser Weg. Wir bevorzugen das Spiel mit dem Ball, und das versuchen wir gegen jeden Gegner, natürlich ohne unnötig ins Risiko zu gehen. Aber wir werden immer versuchen, unsere fußballerischen Qualitäten, die wir im Kader besitzen und die uns auszeichnen, aufs Feld zu bringen. Auch gegen die Bayern. Dass wir, wenn wir extrem gepresst werden, auch andere Lösungen haben, die wir in Dortmund leider nicht benutzt haben, ist auch klar.

Wie wird Euch Hecking für die Bayern einstellen?

Kramer: Wie für jedes andere Spiel. Er stellt uns auf jeden Gegner vernünftig ein. So wird es auch am Samstag sein. Ist ja kein Hexenwerk, nur weil die Bayern kommen. Es ist auch nur eine Bundesligamannschaft, eine sehr gute, die beste. Und auf die muss man uns genau so vorbereiten wie auf die schlechteste. Sonst hast du keine Chance, weder gegen die schlechteste noch gegen die beste.

Was würden Sie am liebsten Samstagnacht in Ihr Tagebuch eintragen, das Sie seit Jahren führen?

Kramer: Ich würde gerne von einem richtigen Punch schreiben, von drei Bonuspunkten. Gegen die Bayern verliert die ganze Liga –wenn wir dann gewinnen, ist das ein Zeichen.

Fußballerische Urteile finden auch Eingang?

Kramer: Nein, es geht um emotionale Dinge, vielleicht eine halbe Seite lang. Damit ich das später alles noch mal nachlesen kann als schöne Erinnerungen.

Oder Ihre Kinder.

Kramer: Oder so.

Wenn die das lesen können.

Kramer: Das wird klappen. Ich habe nicht so eine Sau-Klaue wie Sie.

Was unterscheidet den Fußballer Kramer 2017 von dem aus dem Jahre 2014?

Kramer: Da muss man den von heute eher vergleichen mit dem von Ende 2013 – der hatte gerade zehn Bundesligaspiele absolviert, ein Newcomer also. Heute habe ich über 100 Bundesligaspiele bestritten, zwölf Länderspiele, 30 Europapokaleinsätze gehabt, war unter welchem Trainer auch immer stets Stammspieler, und habe auch meine Persönlichkeit auf und neben dem Platz weiterentwickelt. Wenn mir das vor vier Jahren jemand prognostiziert hätte, hätte ich das blind unterschrieben. Ich bin sehr froh, sehr zufrieden und sehr stolz auf meine Leistung in den letzten Jahren.

Aber Sie sind kein Nationalspieler mehr.

Kramer: Es ist die Frage, ob ich zu den 23 besten Spielern in Deutschland dazugehören muss oder nicht. Ich bin einer, den man auf dem Schirm haben kann. Der sich im erweiterten Kreis befindet, wie rund 100 andere Namen in der heutigen Zeit. Ich schwimme in diesem erweiterten Kreis mit. Aber ich bin natürlich kein Hummels, Neuer, Kroos. Von diesem Kaliber, von denen man sagt: Der muss dabei sein. Ich bin kein Top-10-Nationalspieler.

Aber ein Weltmeister. Passt deshalb auch der Begriff Märchen auf den WM-Sommer 2014?

Kramer: Das war märchenhaft – nicht nur für mich. Die Bayern-Spieler hatten im Jahr zuvor die Champions League gewonnen und waren dann Weltmeister. Aber ich kam aus der 2. Liga und war plötzlich Weltmeister. Das war noch rasanter. Aber es war für ganz Deutschland ein Märchen.

Sind Sie der typische Ballbesitzfußballer, der Favre-Schüler, und nicht der Umschaltweltmeister?

Kramer: Ich finde beide Ansätze gut. In Leverkusen unter Roger Schmidt war ich auch Stammspieler, habe 45 Spiele gemacht, so viele wie bis dahin in noch keiner Profisaison. Das war auch in Ordnung, wir sind Dritter geworden. Dazu habe ich auch meinen Beitrag geleistet. Aber meine Art zu spielen und was mir lieber ist, ist sicherlich der Ballbesitzfußball. Für mich ist das die bessere Art, den Fußball zu entwickeln. Und wenn wir jetzt zurückkommen auf die Entwicklung eines Vereins, bin ich mir ganz sicher, dass Borussia ihre Trainer von Favre bis Hecking nicht zufällig ausgewählt, sondern den Weg damit vorgegeben hat und heute niemals da stände, wo der Klub jetzt steht, wenn man einen anderen Weg gegangen wäre.

Man darf nie vergessen, wo Borussia Mönchengladbach herkommt. An eine Teilnahme an der Champions League und der Europa League hätte vor fünf Jahren keiner gedacht. Dieser Weg dahin basiert auf junge Spieler, auf Ballbesitz, auf Fußball spielen, nicht auf andere Dinge, die – wie Roger Schmidt bewiesen hat – auch zum Erfolg führen können. Aber Borussias Weg ist mir viel lieber. Es macht mir mehr Spaß, und macht auch mehr Sinn.

Steht auch Dieter Hecking für diesen Weg?

Kramer: Auf jeden Fall, sonst wäre er nicht hier. Natürlich hat er nicht nur diese eine Variante, in Berlin hatten wir weniger Ballbesitz. Es gibt zahlreiche Facetten. Aber Hecking steht dafür, unseren Stil weiterzuentwickeln und dabei das Gute zu erhalten. Und obendrein, was ich schon öfter betont habe, packt er uns einfach gut an. Er weiß, wie man den Einzelnen als Mensch, aber auch die Gruppe zu führen hat. Von seiner Menschenführung her passt es sehr gut.

Mit welchem Jersey erweitern Sie am Samstag ihre Trikotsammlung?

Kramer: Es wird sich ergeben. Hummels, Neuer, Boateng habe ich schon, mal schauen – ich bin nicht wählerisch. Ich liebe es – das sind Trophäen für mich.

Sie haben kürzlich erklärt, bis zum Karriereende in Gladbach bleiben zu wollen. Diese Liebeserklärung hat sicherlich zu einem Blutsturz Ihres Beraters geführt, oder?

Kramer: Mit dem Gehaltsgefüge hier bin ich sehr zufrieden, wenn er damit nicht zufrieden ist, hat er halt Pech gehabt. Ich bin für 15 Millionen gewechselt, mein Berater lebt ganz gut, um ihn brauche ich mir keine Sorgen zu machen. Im Allgemeinen aber: Geld ist natürlich wichtig, auch für mich. Aber ich habe einen sehr guten Vertrag. Andere Dinge sind wichtiger als den einen oder anderen Euro mehr zu bekommen. Irgendwann sollte man dem Geld nicht mehr so nachlaufen. Sonst ist es wie mit dem Schatzsucher, der den Millionenschatz gefunden hat, und dann will er noch einen und noch einen und dann wird er in irgendeine Kammer eingesperrt, weil er im Goldrausch ist.

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