CHIO-Direktor Kemperman: „Auch nach 25 Jahren macht es noch Spaß“

CHIO-Direktor Kemperman: „Auch nach 25 Jahren macht es noch Spaß“

Von: Helga Raue und Lukas Weinberger
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Zeichnet seit 25 Jahren für den CHIO Aachen verantwortlich: Turnierdirektor Frank Kemperman hat auch nach einem Vierteljahrhundert immer noch Spaß an seiner Arbeit. Foto: Michael Jaspers
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Im Redaktionsgespräch: Frank Kemperman mit Thomas Thelen (links), stellvertretender Chefredakteur, Helga Raue (von rechts) und Lukas Weinberger.

Aachen. Nachts liegen Stift und Notizblock auf dem Nachttischchen neben ihm. „Ich schlafe meist gut ein, werde aber nach ein, zwei Stunden wieder wach. Dann fällt mir ein, was alles noch zu erledigen ist. Das notiere ich mir.“ Frank Kemperman, 63 Jahre alt und Niederländer, lacht.

In den Tagen vor dem CHIO Aachen gibt es noch viele Kleinigkeiten zu erledigen, wie verblühte Rosen entfernen, kaputte Tore reparieren oder den Anstrich des Pferdewaschplatzes organisieren. Auch darum kümmert sich der Chef des „Weltfest des Pferdesports“ persönlich. Kurz nachdem am Freitag der Startschuss zum Turnier mit den Voltigierern in der Albert-Vahle-Halle fiel, schaute der Vorstandsvorsitzende des Aachen-Laurensberger Rennvereins (ALRV) auf ein Gespräch vorbei und meinte lachend: „Ich habe ja heute sonst nicht viel zu tun.“

Herr Kemperman, Sie zeichnen seit 25 Jahren für den CHIO verantwortlich, zuerst als Geschäftsführer, seit 2009 als Vorstandsvorsitzender. Wie lange machen Sie denn noch weiter?

Frank kemperman (lacht): Die meisten Turniere habe ich hinter mir, ich würde sagen über die Hälfte. In zwei Jahren werde ich 65. Aber es macht immer noch Spaß. Natürlich hat man auch mal Stress oder Probleme, das ist der Job. Aber wenn es keine Probleme gäbe, wären wir arbeitslos.

Was ist das Maßgebliche, das sich beim CHIO verändert hat?

Kemperman: Das Turnier hat sich stetig weiterentwickelt. Wichtig ist: Aachen ist Aachen. Ich weiß noch gut, dass ich als kleiner Junge von zehn, zwölf Jahren jemanden gesucht habe, der mit mir nach Aachen fährt. Mein Vater hat gefragt: „Bist du verrückt, weißt du, wo das ist? Ganz weit weg im Ausland, geh zum Fußballklub.“ Aber ich habe gesagt, nein, ich will zum Reiten. Schon vor 80, 90 Jahren war Aachen bedeutend, die Nummer eins in der Welt. Aber Aachen hat sich weiterentwickelt. Ich kenne Turniere in der Welt, die ebenfalls eine große Tradition haben, sich aber nicht weiterentwickelt haben.

Die Weiterentwicklung betrifft aber nicht nur den Sport.

Kemperman: Ich glaube, wir haben es immer geschafft, einerseits Traditionen hochzuhalten, aber mit der Zeit zu gehen. Stichwort Social Media: Es ist heute wichtig. Und was für eine Wirkung es hat, habe ich bei unserem Jugendturnier im Dezember gesehen. Da lief alles über Social Media. Die Halle war bei der Gala am Samstagabend voll. Man sieht, wie wichtig das heutzutage ist. Aachen hat es geschafft, da mitzugehen.

Aber Tradition ist auch wichtig.

Kemperman: Ja, sehr. Es gibt 100 000 Traditionen, die zu Aachen gehören und die wir beibehalten müssen, wie das Winken zum Abschied der Nationen. Aber: Augen auf, auch die nächste Generation muss das Turnier lieben. Jeder Aachener ist schon als Kind mit der Schule zum Turnier gekommen. Den Kindertag machen wir immer noch. Und den Soerser Sonntag, an dem die Familien nach Aachen kommen. Die Begeisterung für das Pferd, für das Turnier muss da sein. Jeder Aachener, jeder Rheinländer, jeder Deutsche muss ein Botschafter für unser Turnier sein. Und das sind auch fast alle. Jeder in Aachen kennt den CHIO, das Turnier lebt in der Stadt, ist in der Stadt.

Nicht nur in der Stadt...

Kemperman: Stimmt. Wenn jetzt wieder die Championate vergeben werden, sagt bei den Sitzungen jeder: „Macht das bitte in Aachen.“ Ich sage dann immer, die ersten grauen Haare habe ich 2006 bei den Weltreiterspielen bekommen. Es ist toll, dass jeder sagt, Aachen ist die Nummer eins – und das schon seit vielen Jahren. Unsere Aufgabe ist es, dass man das noch lange sagt: Aachen ist und bleibt die Nummer eins in der Welt. Ich würde formulieren, wir wollen vorn bleiben, andere sollen darüber urteilen, wie gut wir sind.

Was beschäftigt Sie in diesen Tagen zum Turnierstart vor allem?

Kemperman: Langfristig müssen wir uns fragen, was können wir tun, damit Aachen vorne bleibt. Kurzfristig steht die Frage „Was habe ich vergessen?“ im Vordergrund. Wenn ich mir nachts Dinge notiere – die müssen aus dem Kopf, sonst kann man nicht schlafen –, haben sich einige Dinge schon von selbst erledigt, oder ich denke, was ist das für ein Blödsinn. Das ist die Kunst: vorauszudenken. Einserseits denken wir darüber nach, was in zwei, drei Jahren ist – in meinem Büro steht der Ordner „2022“. Andererseits machen wir uns Gedanken, weil es am Dienstagabend während der Eröffnungsfeier regnen soll. Einige Nummern dürfen aber keinen Regen abbekommen. Wie etwa die Instrumente der Trommler aus China, das steht sogar so im Vertrag. Da müssen wir überlegen: Wie ist das Szenario bei Regen?

Gibt es in diesem Jahr Neuerungen?

Kemperman: Nein, keine Neuerungen, nur kleine Themen. Wir müssen nicht erneuern, um zu erneuern. Man muss erneuern, um es besser zu machen, das ist wichtig. Es gibt zwei neue Videowände auf der Geländestrecke, das ist Service für die Zuschauer. Es gibt immer viele kleine Sachen, die wir verbessern wollen: Da wird gepflastert, hier gebuddelt – ein Kabel verlegt, damit die Internetverbindung und die Telefone besser funktionieren. Man muss nicht immer Neuerungen haben: Es hat lange gedauert, bis der Nationenpreis am Donnerstagabend angenommen wurde. Es gab Diskussionen mit den Zuschauern, den Reitern und bei uns im Haus – jetzt ist der Donnerstag in den Köpfen. Das dauert, die Zuschauer wollen auch nicht jedes Jahr ein anderes Programm. Wir haben das gelernt, bei der EM 2015 haben die Zuschauer ihren CHIO vermisst. Es gab nicht das normale Programm, alles war anders. Zuschauer sind – bei allem Respekt – auch Gewohnheitstiere.

Aachen ist sportlich immer ein erstklassiges Turnier. Da will jeder Reiter hinkommen und starten.

Kemperman: Ja, aber man muss realistisch sein, das geht nicht von allein. Man sieht, was in der Welt im Turniersport passiert. Es kommen immer mehr Turniere, auf denen man viel Geld verdienen kann, Turniere, auf denen es nur darum geht, den hoch dotierten Großen Preis zu reiten, und der Rest ist Nebensache. Dem müssen auch wir Rechnung tragen, haben daher unser Programm ein bisschen angepasst: Früher starteten die Springreiter mit ihren Top-Pferden schon am Dienstag, jetzt erst am Mittwoch. Es gibt viele andere Fünf-Sterne-Turniere in der Welt, der Turnierkalender ist voll. Deshalb müssen wir wach sein, um attraktiv für die Reiter zu bleiben. Der eine hat eine andere Turnierplanung – plant Richtung Weltreiterspiele –, bei anderen ist ein Pferd verletzt. Jeder will Aachen gewinnen, aber es muss auch passen.

Muss man aufpassen, dass der CHIO auch bei der jungen Generation in den Köpfen ist?

Kemperman: Bei den jungen Reitern herrscht fast noch mehr Begeisterung. Bei den deutschen Reitern sowieso, die reiten beim Salut-Festival in der Albert-Vahle-Halle, und deren Traum ist es, auch mal beim CHIO zu starten. Das hat man bei der Pressekonferenz im Vorfeld hören, da sagte die junge Laura Klap-hake: „Ich will angreifen, ich will Aachen reiten.“ Die erfahrenen Jungs wie Marcus Ehning sind oft hier geritten, freuen sich immer auf Aachen, aber die jungen Leute sind begeistert. Und die Ausländer auch. Heute Morgen kam wieder eine Mail aus Kanada: „Mein Traum ist es, in Aachen zu reiten, aber ich stehe nur auf der Reserveliste . . .“ Aber ich kenne auch eine erfahrene Reiterin – Isabell Werth –, die ist immer wieder begeistert, nach Aachen zu kommen und brennt richtig darauf.

Ärgert es Sie, dass der niederländische Weltranglisten-Erste Harrie Smolders nicht kommt?

Kemperman: Ich habe ihn angerufen, gesagt „Du Blödmann“ (lacht). Aber ich habe Verständnis dafür. Harrie hat gesagt: „Die WM im September ist spät, und ich bin bereits in der Mannschaft. Aachen ist Aachen, aber wenn ich ehrlich bin, das passt es diesmal nicht in den Aufbau der Saison.“ Das war, was ich damit meinte, dass die Gesamtplanung passen muss. Ähnlich ist es mit Kent Ferrington (USA), dessen Pferd nicht fit ist und der auf Aachen und die WM verzichtet. Tennisspieler haben ein Regal voll Rackets, aber wir haben ein Lebewesen als Partner.

Haben Sie einen Favoriten für den Großen Preis oder einen Sieger, den Sie sich wünschen würden?

Kemperman: Es gibt die Frage, was für das Turnier am besten ist. Ein unbekannter Ausländer? Wenn alle fragen, wer ist das, hat man eine ganz andere Stimmung. Die Begeisterung im Stadion ist immer am größten, wenn ein Deutscher gewinnt. Ich bin aber nicht böse, wenn am Donnerstag im Nationenpreis Oranje vorn steht oder Belgien, ich lebe in Belgien. Es gibt Reiter, die man auch privat kennt, und andere, die erfolgreich sind, die man vielleicht aber nicht so mag. Mein Wunsch für den Großen Preis? Laura (Klaphake) wäre ein Traum, so ein junges Mädchen. Wie die 2017 die Zuschauer begeistert hat, und sie ist selbst so begeistert vom Turnier, sie träumt von Aachen. Aber das ist das Schöne an unserem Sport, 40 Reiter starten im Rolex-Grand-Prix, und 40 Reiter können ihn gewinnen.

Die Belgier wären für uns in Aachen ein halber Heimsieg...

Kemperman: Ja, die Belgier sind momentan stark unterwegs, unser „Aachener Bundestrainer“, Peter Weinberg, hat eine Auswahlmöglichkeit, da ist selbst sein deutscher Kollege Otto Becker fast neidisch. Die belgische Mannschaft gewinnt momentan viel, sie ist sicher einer der Favoriten am Donnerstagabend.

Überlegt man im Springen auch, ob man frühzeitig vor der WM die Karten aufdecken soll?

Kemperman: Nicht im Springreiten. In der Dressur gibt es Politik. Wie etwa bei den Engländern, die vor dem Championat gar nicht von der Insel kommen. Charlotte Dujardin reitet in England erfolgreich, aber ich habe schon gefragt, ob sie überhaupt einen Reisepass besitzt (lacht). Wir haben in der Dressur ein tolles Teilnehmerfeld – mit Isabell, Laura Graves (USA) und Cathrine Dufour (Dänemark), die sie angreifen wollen. Leider musste am Freitag der Deutsche Meister Sönke Rothenberger wegen eines Infekts seines Pferdes Cosmo kurzfristig absagen. Das ist schade, aber so ist der Pferdesport. Helen Langehanenberg rückt nur wenige Wochen nach der Geburt ihres zweiten Kindes für ihn ins Team, sie will mit Damsey ja auch noch ein WM-Ticket lösen.

Otto Becker hat vier Vielseitigkeitsreiter für das Springen nominiert.

Kemperman: Michael Jung ist ein super Reiter. Beim Turnier in Genf war er der beste deutsche Springreiter. Bei der DM war er in einer Runde nicht so gut, sonst wäre er in Aachen sicher in der großen Tour dabei gewesen. Jung, Sandra Auffarth, Andreas Ostholt und Ingrid Klimke reiten alle in der kleinen Tour.

Europameisterin Ingrid Klinke startet in drei Disziplinen: Dressur, Springen und Vielseitigkeit.

Kemperman: Ja, ich weiß gar nicht, wie Ingrid das am Freitag schaffen will. Dressur und Springen für die Vielseitigkeit, Spezial-Springen und -Dressur, dazu noch die Vorbereitung auf den Cross-Country. Ingrid ist verrückt (lacht), aber das ist toll.

Und im Gespannfahren gibt es sogar zwei Familienduelle.

Kemperman: Ja, es ist toll, dass auch im Fahrsport junge Leute nachkommen. Vater Christoph Sandmann startet gegen seine erst 22-jährige Tochter Anna, der Niederländer Ijsbrand Chardon sogar im Team mit seinem Sohn Bram (25). Toll ist auch, dass wir diesmal zwei deutsche Fahrerinnen mit Anna und Mareike Harms am Start haben.

Gibt es denn auch wieder Lokalmatadore in der Soers?

Kemperman: René Poensgen, Vierspännerfahrer aus Eschweiler, steht oben auf der Reserveliste und würde nachrücken, falls jemand ausfällt. In der Dressur starten Nadine Capellmann mit einem jüngeren Pferd in der kleinen Tour und Jill de Ridder, die gerade der U 25 entwachsen ist. Wir stimmen mit der Bundestrainerin ab, dass lokale Reiter eine Startgenehmigung erhalten. Im Springen bietet sich momentan niemand an.

Kommen wir auf den Notizblock zurück. Was steht noch drauf?

Kemperman: Gar nicht mehr so viel. Gestern Abend bin ich nach Hause gefahren und habe gedacht, alles ist vorbereitet. Es stehen immer noch sieben, acht Punkte drauf – Kleinigkeiten, wie Unkraut zupfen, Waschplatz streichen. Jetzt sind es mehr Notfälle: Ein Lkw fährt aufs Gelände und rammt ein Tor. Das müssen wir reparieren. Es muss ja super aussehen, wenn das Turnier startet. Oft fahre ich mit dem Fahrrad über den Platz, schaue, was nicht in Ordnung ist, mache ein Foto und fahre weiter. Im Büro sichte ich die Fotos und verschicke Mails oder telefoniere. Es muss alles perfekt sein, denn jeder sagt, in Aachen ist alles vom Feinsten und perfekt organisiert.

Da wird es sicher noch ein paar schlaflose Nächte geben.

Kemperman: Es geht. Besser wird es ab Mittwoch, wenn die Eröffnungsfeier vorbei ist. Bei der weiß man nie genau, was kommt. Der Sport ist dagegen ein Stück weit Routine. Und nicht zu vergessen: Wir haben ein super Mitarbeiterteam, das genau weiß, worauf es ankommt und was zu tun ist. Aber die Eröffnungsfeier bleibt immer spannend. Wir freuen uns, dass die Chinesen kommen. Die Eröffnungsfeier wird ein bisschen anders, es wird – neben Pferden – viel Kultur geben. So stellen wir die Terrakottaarmee nach – mit Kaltblütern, die in derselben Farbe angestrichen werden. Da darf es natürlich auch nicht regnen (lacht).

Ist der CHIO nach 25 Jahren für Sie immer noch etwas Besonders?

Kemperman: Ja, und es macht immer noch Spaß. Es ist mein Leben. Ich kann nichts anderes (zwinkert).

 

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