Carsten Sostmeier: Der Mann, der mit seinen Worten tanzt

Von: Marlon Gego
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„Schauen Sie, wie sehr er in die Waagerechte kommt mit seinem Vorderbein, bei der Passage, aber auch bei der Piaffe, wie er nach oben hinausschwingt durch den ganzen Körper“: Was Carsten Sostmeier einst über Wunderhengst a.D. Totilas sagte, führte er vergangenes Jahr im Aachener Springstadion auf dem Weg zur Preisverleihung praktisch auf, bei der er mit dem „Silbernen Pferd“ ausgezeichnet wurde. Foto: imago/Jacques Toffi
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Zwei Bildschirme und freie Sicht auf den Turnierplatz: Carsten Sostmeier am Mittwoch in seiner sechs Quadratmeter großen Kommentatorenkabine über den VIP-Logen. Im Foto rechts der große Hans-Heinrich Isenbart, ARD-Pferdesportexperte und CHIO-Ansager von 1954 bis 2004. Foto: Gego, imago/Camera 4, dpa
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Zwei Bildschirme und freie Sicht auf den Turnierplatz: Carsten Sostmeier am Mittwoch in seiner sechs Quadratmeter großen Kommentatorenkabine über den VIP-Logen. Im Foto rechts der große Hans-Heinrich Isenbart, ARD-Pferdesportexperte und CHIO-Ansager von 1954 bis 2004. Foto: Gego, imago/Camera 4, dpa
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Sostmeiers selbst verschuldeter Alptraum: Bei den Olympischen Spielen in Rio 2016 beleidigte er die Vielseitigkeitsreiterin Julia Krajewski, und Millionen wurden an den Fernsehgeräten Zeuge. Der Vorfall geht ihm bis heute nach.

Aachen. Der Carsten Sostmeier, den niemand kennt, saß vor fast einem Jahr auf seinem Bett in einem Hotel in Rio und konnte nicht schlafen, er starrte auf die weiße Wand. Hin und wieder schaute er auf sein Handy, jede Minute rechnete er mit einem Anruf, in dem ihm mitgeteilt würde, er solle seine Sachen packen und nach Hause fahren.

Sein Chef hatte sich öffentlich für ihn, Sostmeier, entschuldigt und angekündigt, es werde ein ernstes Gespräch geben. Der Sostmeier, den niemand kennt, saß in seinem Hotel in Rio, fühlte sich klein und rechnete mit dem Schlimmsten.

Am Tag davor waren die Emotionen ein bisschen mit ihm durchgegangen. Der Sostmeier, den alle Reitsportfans kennen, saß in Rio am Mikrofon, als die deutsche Vielseitigkeitsmannschaft um Gold ritt. Sostmeier ist der Reitsportexperte der ARD, selbstverständlich kommentiert er auch die Olympischen Spiele. Niemand ist so dicht an den deutschen Vielseitigkeits-, Dressur- und Springreitern dran wie er, niemand ist im Reitsport ähnlich kompetent. Als also die 27 Jahre alte Julia Krajewski bei ihren ersten Olympischen Spielen während ihres Geländeritts ausschied und die Chancen der deutschen Equipe auf die Goldmedaillen dadurch gegen null sanken, brach seine ganze Enttäuschung aus Sostmeier heraus:

„Sie hatte von Anfang an einen braunen Strich in der Hose“, echauffierte sich Sostmeier, „schlimmer geht es fast nimmer.“ Krajewski habe „den chicken way“ gewählt, „den der Angsthasen, den der blassen Nasen“. Und obwohl Sostmeier in der Sache völlig recht hatte, war ihm in dem Moment, als er es ausgesprochen hatte, schon klar, dass ein solcher Ausbruch nicht in Ordnung ist.

Die mediale Empörung ließ in Deutschland nicht lange auf sich warten. Sostmeier entschuldigte sich bald darauf, doch Julia Krajewski nahm diese Entschuldigung bis heute nicht an. Und Sostmeier leidet bis heute, jedenfalls der Sostmeier, den niemand kennt.

Ein hippologischer Seismograph

Aachen, der CHIO vergangenen Mittwoch, Preis von Europa. Sostmeier sitzt in seiner knapp sechs Quadratmeter großen Kabine über den VIP-Logen, vor sich ein Wust von Zetteln, Zigarillos, ein Aschenbecher und zwei Monitore, weil er durch sein schmales Fenster nicht den ganzen Turnierplatz einsehen kann. Er redet über dies und jenes, dann kommt das Zeichen aus der Regie, dass er gleich auf Sendung ist. Sostmeier dreht sich um, setzt die Kopfhörer auf und begrüßt die Zuschauer zur Sendung und moderiert den Preis von Europa an. Ohne Vorbereitung, als würde er einfach ein Gespräch mit einem alten Freund beginnen.

Frank Schutters ist im Parcours, es sieht gut aus, aber kurz vor Schluss verschätzt er sich in der Distanz, sein Pferd verweigert. Sostmeier sagt, fleht: „Hätte Schutters doch nur den Mut gehabt durchzureiten . . . Aber hätte wenn und aber, der beste Kapitän steht immer an Land.“ Ein echter Sostmeier.

Oder dieser: Mario Stevens ist im Parcours, nach den Doppelgräben zieht sein Pferd Baloubet nach rechts, Stevens korrigiert. Sostmeier sagt: „Stevens zeigt dem Pferd, was Sache ist, und schenkt Baloubet so den zweiten Glauben an sich selbst.“

Noch einer: Die Kamera zeigt Hugo Simon, einen Deutschen, der früher für Österreich geritten ist und nun den Ritt eines Reiters verfolgt, den er trainiert. Sostmeier sagt: „Da steht er, Hugo Simon aus Weisenheim in der Pfalz, mit 1,60 Meter Stockmaß wie ein österreichischer Fels in der Brandung.“

Darauf muss man erst mal kommen.

Mal haucht Sostmeier ins Mikrofon, mal hebt er die Stimme, leicht nasal, bariton, angenehm rollend. Wenn Sostmeier kommentiert, braucht man keine Bilder, eigentlich braucht man auch kein Deutsch zu verstehen, um genau zu wissen, was im Parcours los ist. Seine Stimme ist ein hippologischer Seismograph. Es gibt nicht viele Sportreporter, die können, was Sostmeier kann, 2004 hat er für seine Kunst den Deutschen Fernsehpreis gewonnen.

Was Sostmeier von den meisten anderen Sportreportern unterscheidet, ist nicht nur sein über die Jahre und durch eigene Anschauung erworbener Sachverstand, es ist vor allem seine Fähigkeit, aufrichtig empfundene Emotion zu vermitteln, gleich welcher Art. Marktschreier gibt es unter den Sportreportern viele, Emotionstransporteure und unaufdringliche Wissensvermittler nur wenige.

Anruf bei Peter Luther

Mit der Fähigkeit, auf unterhaltsame, freiwillig und unfreiwillig lustige Weise Emotionen zu transportieren, ist immer auch ein gewisses Maß an Unberechenbarkeit verbunden, die Krajewski-Affäre in Rio 2016 ist dafür ein gutes Beispiel. In einer Zeit, in der im Fernsehen auf maximale Berechenbarkeit wert gelegt wird, alles sekundengenau geplant und durchgetaktet ist, wirkt einer wie Sostmeier unter all den glatten, angepassten Fernsehprotagonisten wie ein Anachronismus. Dabei ist er erst 57. Wahrscheinlich wird es einen wie ihn in 20 Jahren im Fernsehen nicht mehr geben.

Als Sostmeier zehn Jahre alt war, setzte ihn sein Vater, ein Freizeitreiter, das erste Mal auf ein Pferd, Lotte, eine temperamentvolle Stute. Sein Vater führte ihn eine Weile am Zügel, da raste Lotte plötzlich los. Der Vater musste die Zügel fallen lassen. Sostmeier klammerte sich mit allem, was er hatte, an der Stute fest und fiel erst aus dem Sattel, als Lotte schon fast wieder im Stall angekommen war.

Sostmeier sagte zu seinem Vater: „Ich spiele lieber weiter Handball.“

Aber dann packte ihn doch der Ehrgeiz, Sostmeier nahm Reitstunden, bekam das erste eigene Pferd, ritt Turniere, wollte besser werden, verbrachte 1978 die Sommerferien bei Peter Luther in Schleswig-Holstein.

Anruf bei Peter Luther, früherer Weltklassereiter, gewann unter anderem die Silbermedaille mit der Mannschaft bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles. Luther erinnert sich daran, dass Sostmeier die Reiterei ernst genommen hat und ein wirklich aufmerksamer Schüler war. Natürlich auch daran, dass an Sostmeier kein Weltklassereiter verloren gegangen ist, Luther findet, dass könne man ruhig so sagen. „Aber dass Carsten Sostmeier mit seiner Klappe mal Geld verdienen kann, das hab' ich schon damals gedacht“, sagt Luther und lacht.

Seine reiterlichen Bemühungen haben Sostmeier bis zu den hessischen Meisterschaften getragen, aber dann war Schluss. Vor allem auch, weil er eines morgens im Bett lag und seine Beine nicht mehr spürte, 21 war er da. Bandscheibenvorfall, aus war's mit der Reiterei.

Sostmeier arbeitete nach seiner Banklehre bei einer Spedition, seine Wochenenden verbrachte er aber weiter auf Reitturnieren. Nicht mehr als Reiter, sondern als Ansager. Erst bei seinem Heimatverein, dann in ganz Hessen, Baden-Württemberg, Bayern, schließlich auch im Ausland.

Irgendwann wurden der „Sportschau“-Moderator Addi Furler und der Sportreporter Wolfgang Avenarius auf Sostmeier aufmerksam. „Gute Stimme, sehr kompetent, guter Typ“, sagt Avenarius heute. Als Avenarius Ende der 80er den Hessischen Rundfunk (HR) verließ und Sportchef bei RTL wurde, fragte er Sostmeier, ob er nicht Lust hätte, kleine Reitsport-Beiträge für RTL zu machen. Sostmeier sagte ja.

„Ein Sensibelchen“

Nach den ersten Beiträgen war klar, dass Avenarius in Bezug auf Sostmeier den richtig Instinkt gehabt hatte, aber Avenarius wurde noch etwas anderes klar: Sostmeier würde bei einem anderen Sender besser aufgehoben sein, bei einem, der Reitsport auch live überträgt. „Der Carsten war bei uns ja völlig unterfordert“, sagt Avenarius. Ohne vorher mit Sostmeier zu sprechen, rief Avenarius irgendwann 1990 den damaligen HR-Sportchef Jürgen Emig an und sagte ihm, er habe einen Nachfolger für den großen Hans-Heinrich Isenbart entdeckt, der 1987 in Rente gegangen war. Emig überlegte nicht lange, fortan arbeitete Sostmeier als ARD-Reitsportexperte, 1991 war er zum ersten Mal beim CHIO in Aachen und seitdem ohne Unterbrechung.

Hans-Heinrich Isenbart ist bis heute und wahrscheinlich für alle Zeiten das Maß aller Reitsportberichterstattungsdinge im Fernsehen, und wie Isenbart sieht sich Sostmeier auch als Advokaten für den Reitsport. Wenn Sostmeier auf Sendung ist, versucht er immer auch, für die Nischensportart zu werben. Nicht aufdringlich, aber spürbar.

Wie Isenbart ist Sostmeier Reitsportfan, Pferdefreund und fiebert aus eigenem Interesse bei Spring-, Dressur- und Vielseitigkeitsprüfungen mit. Auf der einen Seite ist so viel Subjektivität für den mitfiebernden Zuschauer angenehm, weil er emotional vom Kommentator sozusagen abgeholt wird. Auf der anderen Seite hat der frühere ZDF-Sportchef Alfons Spiegel festgestellt: „Das wesentliche Merkmal der Begeisterung ist der Verlust der Urteilsfähigkeit.“ Und wenn die Urteilsfähigkeit eingeschränkt wird, sind Ungerechtigkeiten nicht mehr ausgeschlossen.

Wenn Sostmeier heute über Rio 2016 und die Krajewski-Affäre spricht, wird greifbar, wie der am Mikrofon so urteilsfreudige und meist auch urteilssichere Sostmeier seine Selbstgewissheit verliert. Er blickt zu Boden, seine Stimme verliert ein bisschen von ihrer Festigkeit, er sagt: „Der Sostmeier, den niemand kennt, ist halt auch ein Sensibelchen.“

Sein Fauxpas stürzte Sostmeier vergangenen Herbst in eine persönliche Krise, in der er sich und sein Leben sehr grundsätzlich in Frage gestellt hat. Er war enttäuscht über sich selbst. Er machte sich Vorwürfe. Er kam zu dem Schluss, dass sein Job genau das ist, was er im Leben machen möchte. Er war unendlich dankbar dafür, dass er seinen Job behalten durfte. Er findet, dass seine Kollegen ein Teil seiner Familie sind, ohne die er nicht wäre, wer er ist. Sostmeier sagt: „Ich habe eine neue Perspektive auf mein Leben bekommen.“

Noch mal zurück in Sostmeiers Kabine, noch mal zum Preis von Europa vergangenen Mittwoch. Dreieinhalb Stunden Übertragung, ein Sostmeier jagte den nächsten, er tanzt mit seinen Worten. Laura Klaphake, 23-jährige Niedersächsin, reitet das erste Mal in Aachen. Kein Abwurf, starke Runde, die Kamera schwenkt auf ihren Vater und die Pferdepflegerin, die außer sich vor Freude sind. Sostmeier sagt: „Ein toller Ritt, das Bodenpersonal ist glücklich, thank you god for coming home.“ Sostmeier reckt in seiner Kabine die Faust, er freut sich auch.

Dann Schwenk zurück auf die lachende Laura Klaphake, die auf der Anzeigentafel nun sieht, dass sie die erlaubte Zeit überschritten hat, ein Strafpunkt. Wieder Sostmeier: „Laura Klaphake, neeeiiiiin, so ein toller Ritt und dann das . . . Da ist sie emotional natürlich zwischen Baum und Borke unterwegs.“

Wahnsinn?

Genie?

Von beidem ein bisschen?

Als Jugendlicher hatte Sostmeier mehrere Pferde, aber nur eines, mit dem er bis zur hessischen Landesmeisterschaft gekommen ist, es hieß Cassius. Wie Cassius Clay, der Boxer, der als Muhammad Ali zur Legende wurde. Als Sostmeier nicht mehr ambitioniert reiten konnte, war auch Cassius' Karriere vorbei, er verbrachte viel Zeit auf der Weide. Cassius habe ihn gelehrt, was es heißt, Verantwortung für jemanden zu übernehmen, sagt Sostmeier.

Cassius musste mit 17 Jahren wegen einer nicht heilbaren Krankheit eingeschläfert werden, Sostmeier zögerte den Tag hinaus, so lange es ging. Als der Tierarzt Cassius schließlich die Spritze setzte, klammerte Sostmeier sich an sein Pferd, Cassius starb in seinen Armen. 1989 war das.

Der Sostmeier, den niemand kennt, erzählt diese Geschichte hinter der Teilnehmertribüne auf dem Aachener CHIO. Und ihm schießen, er kann es einfach nicht verhindern, nach all den Jahren immer noch die Tränen in die Augen.

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