Carsten Lichtlein: „Man muss auch an die Zukunft denken“

Von: Heribert Förster
Letzte Aktualisierung:
9084098.jpg
Den Ball immer im Blick: Carsten Lichtlein, Torwart des Bundesligisten VfL Gummersbach und der deutschen Handball-Nationalmannschaft, bei einem Länderspiel gegen Norwegen im vergangenen Jahr. Foto: sport/René Schulz
9084075.jpg
„Wenn ich heute davon spreche, kommen mir oft noch Tränen in die Augen“: Carsten Lichtlein (Mitte), beim WM-Triumph 2007 dritter Torwart hinter Henning Fritz (rechts) und Johannes Bitter. Foto: sport/Contrast

Gummersbach. Als der gerade 21-jährige Carsten Lichtlein sein Debüt in der Handball-Nationalmannschaft feiert, fehlen die Spieler der damals besten deutschen Klubs THW Kiel, TuSEM Essen und des Meisters SC Magdeburg. Der Großteil von Lichtleins Teamkollegen beim 30:21-Sieg gegen Österreich im württembergischen Aischwald/Schanbach kommen an diesem 27.

November 2001 von der SG Wallau-Massenheim, der SG Bad Schwartau-Lübeck, der SG Willstätt/Schutterwald, der HSG Nordhorn und des TSV Baden Östringen. Von Klubs, die längst von der Bundesliga-Landkarte verschwunden sind. Carsten Lichtlein ist immer noch da.

Der „ewige Carsten“

Der „ewige Carsten“, 34 Jahre alt, nach dem TV Großwallstadt (2000 – 2005) lauten seine Bundesliga-Stationen noch TBV Lemgo (2005 – 2013) und Gummersbach. Seit anderthalb Jahren hütet er das Tor des ruhmreichen VfL aus dem Bergischen Land. Und natürlich das der Nationalmannschaft. 182 Mal bisher, an diesem Sonntag und Montag in Reykjavik bei den Testländerspielen gegen Island und bei den Weltmeisterschaften in Katar (15. Januar bis 1. Februar) natürlich auch.

Carsten Lichtlein ist der mit Abstand älteste Spieler im Team von Bundestrainer Dagur Sirgurdsson. Der deutsche Handball befindet sich im Umbruch, viele talentierte Spieler rücken nach, „aber wir brauchen eine gesunde Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern“, sagt der gebürtige Würzburger. „Einen gewissen Umbruch muss man machen, aber dass man komplett einen Schnitt macht und nur junge Spieler nach Katar schickt, nein, dafür ist unsere Gruppe auch zu stark.“

Wie wahr, und gleich zum Auftakt muss die deutsche Auswahl die dicksten Brocken aus dem Weg räumen. Gegen Polen (16. Januar), Russland (18. Januar) und Dänemark (20. Januar) geht es schon um eine gute Platzierung, um im Achtelfinale gegen ein Team der Gruppe C eine gute Ausgangsposition zu haben. Gegen Argentinien (22. Januar) und Saudi-Arabien (24. Januar) darf und wird sich die DHB-Auswahl keine Patzer erlauben, diese beiden Länder sollten gegen keines der vier „großen“ Teams punkten können.

In Doha dürfte Lichtlein bei jedem Spiel mit dem Berliner Silvio Heinevetter das Tor hüten, nachdem er in der Vergangenheit oft „nur“ der dritte Mann war, der sich für den Notfall bereithalten musste. Für einen so emotionalen Sportler wie Lichtlein ein Gräuel. „Das ist schlimmer, als wenn man selbst spielt, wenn man nicht eingreifen kann. Das ist brutal.“ So empfand der Torwart auch seine Nicht-Nominierung für die Olympischen Spiele 2008 in Peking.

Lichtlein galt damals als bester deutscher Torwart, doch Bundestrainer Heiner Brand setzte auf sein 2007er Weltmeister-Duo Henning Fritz und Johannes Bitter. 2004 in Athen hatte Brand statt Lichtlein lieber Christian Ramota nominiert, mit der Begründung, Ramota hätte er schon in Sydney 2000 zu Hause gelassen. „Dass ich 2004 zu Hause bleiben musste, spielte dann 2008 keine Rolle...“

Aber diese Negativ-Erlebnisse, auch wenn er bei Großereignissen nicht zum Einsatz kam, „das war immer Ansporn für mich, noch mehr zu tun, noch mehr zu trainieren. Ich hab’ mich nie entmutigen lassen“. Es nagt aber noch heute an Lichtlein, für den die Teilnahme an Olympischen Spielen der letzte große sportliche Traum ist.

Das fehlt noch in seiner Vita (2007 wurde er Weltmeister, wenn auch ohne Einsatz, 2004 Europameister), die international mit der Auszeichnung zum besten Torwart der Jugend-EM 1999 in Portugal begann. Rio de Janeiro 2016, das ist sein erklärtes Ziel, das er auch ziemlich früh Dagur Sigurdsson mitgeteilt hat. Die verkürzte Wiedergabe des langen Gesprächs: „Trainer, ich will nach Rio.“

Mehr als Abwechslung

Für diesen Traum investiert Lichtlein viel. Handball, Familie, Beruf, er versucht das alles bestmöglich unter einen Hut zu bekommen. Zweimal in der Woche arbeitet der 34-Jährige in einer Kanzlei als Steuerfachangestellter, und das hat mehr Sinn, als nur eine nette Abwechslung zum durchaus stressigen Leben als Profi-Handballer zu sein.

Unter dem Titel „Man muss auch an die Zukunft denken“, versucht der erfahrene Torwart, jungen Spielern den Sinn einer Ausbildung schmackhaft zu machen. Wird er erhört? „Ja schon“, sagt der seit Februar 2014 zweifache Familienvater, und man merkt, dass er gerne noch mehr Gehör finden würde.

Carsten Lichtlein hat in seiner langen Laufbahn bislang nur drei Nationaltrainer erlebt. Heiner Brand, Martin Heuberger und aktuell Dagur Sigurdsson. Und auch wenn der Isländer noch nicht allzu lange im Amt ist, hat sich Lichtlein mit dem Arbeitsstil Sigurdssons bereits bestens angefreundet. Ikone Brand hat angeordnet („So wird’s gemacht, basta, basta, zack, zack, zack“) und der aus dem Jugendbereich kommende Martin Heuberger hat in seinen vielen Analysen und Besprechungen manch einem der jungen Nationalspieler möglicherweise zu viel vermittelt: „Da war der Input dann manchmal vielleicht zu groß.“

Es gab mehr Mitsprache, „manchmal war’s gut, aber dann wurde es auf einmal eine Diskussionsrunde...“ Und Sigurdsson? „Er verliert nicht viele Worte, es gibt kurze, gezielte Anweisungen. Er hat ganz genaue Vorstellungen.“ Carsten Lichtlein sagt, „jeder hat seine Philosophie“, doch es wird klar: Sigurdssons liegt ihm.

So, wie Carsten Lichtlein Handball schon immer lag. Vater Artur wurde einst als Torwart mit dem TV Großwallstadt Deutscher Meister auf dem Großfeld (1973), die Karriere war vorgezeichnet, zumal auch die beiden älteren Geschwister Handball gespielt haben. Und schnell zeichnete sich ab, dass der junge Carsten von seinem Handwerk richtig gut etwas versteht. „Ich hab’ alle Jugend-Auswahlmannschaften durchlaufen“, erinnert sich Lichtlein, „ich wurde immer gleich gesichtet“.

Über die TG Heidingsfeld (Landesliga) und den TV Kirchzell (Regionalliga, 2. Liga) führte der Weg in die Eliteklasse zum TV Großwallstadt, wo Lichtlein schnell viele Einsatzminuten bekam. Die beeindruckende Karriere konnte beginnen... 2016 soll sie in Rio enden, wohlgemerkt nur die internationale, „national möchte ich weiterspielen, bis ich keinen Bock mehr habe“.

In Katar könnte Lichtlein erstmals bei einem großen Turnier die Nummer eins im deutschen Tor sein, Silvio Heinevetter spielt nicht seine stärkste Saison, und der Gummersbacher erlebt seinen, dritten, vierten, fünften Frühling auf einmal, ist Garant für den Aufschwung des VfL nach dessen Umzug in die neue Arena.

Wenn dann irgendwann einmal die Karriere beendet ist, zieht es die Familie Lichtlein zurück nach Würzburg, das Grundstück für das geplante Haus ist schon gekauft. Zukunftsmusik, bis es soweit ist, wird Carsten Lichtlein noch viele Kilometer im Mannschaftsbus verbringen. In dem sitzt der 34-Jährige immer ganz hinten, oft vertieft in Unterlagen aus der Kanzlei, „man muss ja auf dem Laufenden bleiben“.

Die Jugend sitzt derweil vorne im Bus, hat den Flachbildschirm aufgebaut und zockt an der Playstation. Als Lichtleins Karriere vor 14, 15 Jahren begann, hat man noch Karten gespielt, „oder sogar Gespräche geführt...“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert