Auf nach Rio: Ehrgeizig, hart im Nehmen und jetzt mit Losglück

Von: Lukas Weinberger
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Mit ganzem Einsatz: Michael Feistle aus Kelz reist mit der Goalball-Nationalmannschaft nach Rio. Foto: Ralf Kuckuck

Aachen. Dass Michael Feistle Mittwochabend Abend ins Flugzeug nach Rio de Janeiro gestiegen ist, kommt nicht besonders überraschend, er spielt ja seit 2012 für die deutsche Goalball-Nationalmannschaft für Sehbehinderte, er hat in den vergangenen vier Jahren kaum eine Partie verpasst.

Feistle, 23, ist Stammspieler, und so einer wird immer nominiert. Wenn er denn fit ist. Und das hätte ein Problem werden können.

Vor knapp drei Monaten hatte Feistle einen Unfall, er fiel auf die Rippen, verletzte sich an der Lunge. Sieben Woche Pause, keine Belastung, kein Training, nichts. Viele hätten Angst gehabt, dass sie nicht bei den Paralympics starten können, Feistle nicht; er hatte nur eine andere Sorge.

„Ich habe immer gesagt, dass ich schnell wieder fit werden muss“, erzählt er, „weil ich absolut keine Lust habe, auf der Bank zu sitzen.“ Feistle ist fit, es hat geklappt, er sagt: „Die Trainer haben mich wieder hinbekommen – Gott sei Dank.“ Feistle ist ehrgeizig. Und er ist hart im Nehmen.

Das ist eine ganz gute Voraussetzung, weil Goalballer einiges einstecken müssen. Bei der beliebtesten Ballsportart für Menschen mit Sehbehinderung stehen sich zwei Teams mit je drei Spielern auf einem neun mal 18 Meter großen Feld gegenüber. Damit wirklich kein Spieler etwas sehen kann, tragen sie alle blickdichte Brillen.

Eine Partie dauert zwei Mal zwölf Minuten, gespielt wird mit einem anderthalb Kilogramm schweren Ball. Die angreifende Mannschaft versucht, ihn ins gegnerische Tor zu werfen, mit bis zu 70 Stundenkilometern; die andere versucht, genau das zu verhindern, indem sich die Spieler vor das Tor legen.

Und das kann ab und zu schmerzhaft sein. Feistle sagt: „Klar, den Ball bekommt man schon mal ins Gesicht.“ Auf so hohem Niveau müsse man aber eben einfach aufstehen und weitermachen. „Und wenn du blutest, unterbricht der Schiedsrichter ja sowieso.“

Feistle, der aus Kelz im Kreis Düren kommt, ist seit seiner Geburt sehbehindert, sein Sehvermögen liegt bei nur fünf Prozent. Er hat sein Abitur in Marburg am einzigen Gymnasium für Blinde und Sehbehinderte gemacht, dort lebt er auch heute noch, mittlerweile studiert Feistle BWL.

Und er spielt Goalball für den Bundesligisten SSG Blista Marburg. Wenn man das denn so sagen will, ist Marburg im Goalball das, was Bayern München im Fußball ist: die beste Mannschaft Deutschlands. Feistles Team ist Rekordmeister, bis zur vergangenen Saison hat es kein Spiel in der Liga verloren, und auch im Pokal wurde es nur ein Mal besiegt. Die SSG ist zuletzt nur nicht Meister geworden, weil sie den direkten Vergleich mit Chemnitz verloren hat.

Feistle hat 2009 mit dem Goalball in Marburg angefangen, und er hat sich schnell mit guten Leistungen für die Nationalteams empfohlen, erst für die der Junioren, dann für die der Männer. Die Paralympics vor vier Jahren in London hat die Mannschaft verpasst, sie hat sich damals neu aufgestellt, auf junge Spieler wie Feistle gesetzt. Und zum Ziel gesetzt, 2020 bei den Spielen in Tokio dabei zu sein. Jetzt hat es schon vier Jahre früher geklappt, Rio 2016.

Ein Favorit sind die Deutschen sicher nicht, aber ins Viertelfinale würde das junge Team schon gerne einziehen. 19 und 20 sind die anderen beiden Kandidaten in der Startelf, „ich bin mit 23 der alte Sack“, sagt Feistle. Insgesamt fahren sechs Spieler mit nach Rio, die Mannschaft hat sich akribisch vorbereitet, in den vergangenen Wochen meist zwei Mal am Tag trainiert.

Das würde mancher Fußballprofi nicht schaffen, findet Feistle. „Aber eins haben wir dann doch noch mit den Fußballern: das Losglück.“ Mit Kanada und Algerien haben die deutschen Goalballer zwei Mannschaften in der Gruppe, denen sie vielleicht sogar ein bisschen überlegen sind, so sieht es zumindest Feistle. „Da rechnen wir uns schon sechs Punkte aus.“ Und ab dem Viertelfinale sei dann sowieso alles möglich – auch einem der Favoriten wie Titelverteidiger Finnland ein Bein zu stellen, K.o.-Phase eben.

Feistle hat jedenfalls nichts dagegen, möglichst weit zu kommen, das ist bei seinem Ehrgeiz ja sowieso klar. Und dennoch kommt es Michael Feistle nicht nur aufs Gewinnen an, er sagt: „Es ist mir wirkliche eine Ehre, zu den Paralympics fahren zu dürfen.“

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