Auf die Pfeife wird zunehmend gepfiffen

Von: André Schaefer
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Während die Karte gezückt wird, baumeln zwei Pfeifen am Handgelenk: Schon bald könnten solche Szenen in den Niederrungen des Kreisliga-Fußballs Seltenheitswert haben. Foto: Sport/Claus Bergmann
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Nimmt bei der Lösung des Schiedsrichter-Problems auch die Vereine in die Pflicht: Tim Hausen. Foto: W. Birkenstock

Aachen. In Panik verfällt Bernd Jungherz nicht. Zumindest noch nicht. Doch der Vorsitzende des Schiedsrichter-Ausschusses im Fußballkreis Düren ist kein Schönredner. Und deshalb versucht er auch gar nicht erst, seine Kopfschmerzen zu verschweigen, die sich beim Gedanken an die Zukunft des Amateurfußballs bei ihm einschleichen.

„Die nackten Zahlen verdeutlichen, dass das Engagement der Spielleiter in den unteren Fußballklassen sinkt“, sagt Jungherz. „Und zwar rapide“. Der C- und D-Ligafußball ist auf dem besten Wege, seine Schiedsrichter zu verlieren.

Zweimal im Jahr bietet der Fußballverband Mittelrhein einen Lehrgang für Schiedsrichteranwärter an. Im kommenden Frühjahr haben interessierte Unparteiische in Spe erneut in den Fußballkreisen Düren, Heinsberg und Aachen die Möglichkeit, sich den theoretischen und praktischen Anforderungen zu stellen. Ein bisschen Spielregeln pauken, ein paar Fallbeispiele lösen, eine kleinere Bewegungsaufgabe auf dem Platz. Keine allzu wilde Prüfung, mag man meinen. Und doch liegt die Durchfallquote jährlich bei rund 40 Prozent. Im Schnitt zählen die Kreise jährlich zwischen 20 und 25 neue Spielleiter. Kein allzu schlechter Wert – jedenfalls auf dem ersten Blick. Doch wer genauer hinsieht, stellt fest, dass jährlich mehr Abgänge als Neuzugänge zu verzeichnen sind. „Auch wenn wir aktuell noch in der Lage sind, alle Senioren-Spiele in Düren zu besetzen, könnten wir schon bald angesichts der rückläufigen Zahlen ein Problem bekommen“, sagt Jungherz.

16 Euro für ein Kreisligaspiel

Ganze 168 Schiedsrichter zählt der Fußballkreis Düren aktuell. Nur die wenigsten von ihnen haben den Umgang mit der Pfeife und den Karten auf ihrer Prioritäten-Liste ganz oben angesiedelt. Denn ein kleiner Kern der Dürener Unparteiischen ist bereit, am Wochenende mehr als lediglich eine Begegnung zu leiten. „Wenn jeder nur ein Spiel pfeifen würde, hätten wir einen enormen Engpass“, sagt Jungherz. Bis zur Kreisliga C können am Wochenende in Düren in der Regel noch alle Spiele besetzt werden, im Jugendfußball müssen die Vereine ab der C-Jugend bereits ohne Referee auskommen.

Die Frage nach dem Warum bekommt Jungherz oft gestellt. Seit einem halben Jahrhundert ist der 69-Jährige in der Schiedsrichterwelt unterwegs, pfiff eins selbst bis zur Mittelrheinliga. „Früher war der Ehrgeiz bei der Ausübung eines Hobbys größer“, sagt Jungherz. „Heute schmeißen viele das Handtuch schneller, sobald es mal nicht so gut läuft.“ Mit nicht so gut laufen meint Jungherz unter anderem die Erlebnisse, die die Schiedsrichter Woche für Woche auf den Fußballplätzen erleben. Rauer Umgangston, ständiger Erwartungsdruck, Beleidigungen – gelinde ausgedrückt: Die Wertschätzung für die Leistung der Spielleiter ist nicht besonders hoch. „Es vergeht doch kein Spieltag mehr, an dem nicht irgendein Trainer den Schiedsrichter für die Niederlage verantwortlich macht. Mit Fair Play hat das sicher nicht viel zu tun“, sagt der 69-Jährige.

Eine, die Jungherz‘ Meinung bislang nicht teilen kann, ist Natascha Rouette. Nicht, weil die 41-Jährige jeden Sonntag als Schiedsrichterin die reinste Wohlfühloase auf den Amateur-Plätzen der Region vorfindet, die Dürenerin ist erst auf dem Weg, Schiedsrichterin zu werden. Als bislang einzige Person steht sie auf dem Anmeldebogen für den kommenden Lehrgang in Düren. „Ich weiß, was als Schiedsrichterin bald auf mich wartet. Aber mit dem rauen Umgangston auf den Plätzen komme ich zurecht“, sagt Rouette, die bereits im Kampfsport als Richterin im Einsatz ist. „Ich leite in Zukunft gerne auch Spiele in der C-Liga der Männer. Damit habe ich kein Problem“, sagt sie selbstbewusst.“

Es ist die Lust am Fußball und am Schiedsrichterwesen, das die 41-Jährige dazu verleitet, schon bald das Geschehen auf den Kreisliga-Plätzen zu übernehmen. Was es ganz sicher nicht ist, ist die finanzielle Verlockung. Denn mit einer Entlohnung von gerade einmal 16 Euro plus anfallenden Fahrtkosten erlaubt die Leitung eines Kreisligaspiels keine allzu großen Sprünge.

Doch „ob wir jetzt 16, 20 oder 25 Euro zahlen“, spielt für Tim Hausen ohnehin keine große Rolle. Dem Vorsitzenden des Schiedsrichterausschusses im Fußballkreis Aachen sind ganz andere Baustellen ein Dorn im Auge: „Gehen Sie mal sonntags in eine Schiedsrichterkabine. Dann sehen Sie, wie sehr die Spielleiter in den Kreisligen überhaupt an den Plätzen willkommen geheißen werden. Kleinigkeiten, wie eine Flasche Wasser oder eine saubere Umkleidekabine bereitzustellen, würden auch eine gewisse Wertschätzung symbolisieren. Das wäre mal ein Anfang“, bemängelt Hausen, der sich im Gegensatz zu den Kreisen Düren und Heinsberg mit einer zusätzlichen Senioren-Klasse auseinandersetzen muss: der Kreisliga D. „In der untersten Liga können wir unmöglich regelmäßig Schiedsrichteransetzungen gewährleisten. Einige Vereine beschweren sich dann, dass ihr Top-Spiel ohne Unparteiischen ausgetragen werden musste. Ich zweifle daran, dass es in der Kreisliga D überhaupt Top-Spiele gibt“.

Freunde macht sich Hausen mit diesen Äußerungen nicht bei allen Vereinen. Das weiß er. Doch der Ausschuss-Vorsitzende redet nicht lange um den heißen Brei herum, wenn er die Schiedsrichter-Problematik thematisiert. „Was im Grunde alle vergessen: Es handelt sich nicht um unsere Schiedsrichter, sondern um die Spielleiter der Vereine. Denn die müssen schließlich Schiedsrichter stellen. Und wer keine hat, der bekommt im Zweifel auch am Sonntag niemanden von uns“, sagt er.

Insgesamt 250 Schiedsrichter liegen dem Fußballkreis Aachen als gemeldet vor. Mehr als die Hälfte, unterstreicht Hausen, stehe für die Spielansetzungen auf Kreisebene gar nicht zur Verfügung: Schließlich zähle man zu diesen 250 Schiedsrichtern auch alle Inaktiven, alle Schiedsrichter-Beobachter und alle Ausschuss-Mitglieder. Zudem müsse man alle Jung-Schiedsrichter nochmals abziehen – in der Kreisliga darf man erst ab 18 Jahre pfeifen. „Außerdem müssen zahlreiche Schiedsrichter für die Spielleitungen auf Verbandsebene zur Verfügung gestellt werden. Mann muss kein großer Rechenkünstler sein, um festzustellen, dass das vorne und hinten nicht ausreicht“, sagt Hausen.

Nicht nur die Region ist auf der Suche nach neuen Schiedsrichtern, auch der Deutsche Fußballbund hat indes reagiert. Auf der Homepage des DFB wirbt Ex-Bundesliga-Schiedsrichter Herbert Fandel für den „tollen Job“ als Spielleiter. Für die Einhaltung der Regeln auf dem Platz seien die Unparteiischen unverzichtbar, fügt er hinzu. Es scheint, als sei man schon bald gezwungen, diese Unverzichtbarkeit in Frage stellen. Zumindest in den Niederrungen des Kreisliga-Fußballs.

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