ATG-Athletin Johanna Bechthold: Zurück in den Tempo-Rausch

Von: Bernd Schneiders
Letzte Aktualisierung:
10430555.jpg
Zielbewusst bis zum Brechzustand: Johanna Bechthold beim Langsprint mit Team-Kollegin Mira Jacobs. Die Analyse mit ihrem Trainer Andreas Schauer spielt sich eher im Unterbewusstsein ab. Foto: Wolfgang Birkenstock

Aachen. Montagabend, Pflegestation Aachener Waldstadion: Johanna Bechthold liegt rücklings auf dem Boden, platt im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Atmung geht stakkatoartig, die Augen sind geschlossen, die linke Hand liegt auf der Stirn, als wolle sie Fieber messen: Später wird die Aachener Sprinterin dennoch wieder reden können. Und wenn man diesen minutenlangen Erschöpfungszustand miterlebt hat, verwundern die Worte der 18-Jährigen: „Ich war wie im Rausch!“

Weniger ein Höhen- als ein Strecken bzw. Tempo-Rausch. Seit zwei Jahren hat sie keinen 100-Meterlauf mehr gemacht. Am letzten Wochenende dann gab es ein Comeback beim Sportfest in Kamen. Mit nur drei Trainingseinheiten in den Beinen sprintete sie nach 12,24 Sekunden über die Ziellinie. „Ich war megahappy“, ordnete sie die Zeit ein, die rund fünf Zehntel über ihrer Bestzeit liegt. Damit hatte sie die Quali für die Westdeutschen Meisterschaften am Sonntag in Recklinghausen und den Deutschen Jugendmeisterschaften in vier Wochen in Jena in der Tasche.

Wichtiger aber war das Gefühl, endlich mal wieder ohne Schmerzen laufen zu können. Muskelverletzungen hatten ihre beiden vergangenen Freiluftsaisons komplett torpediert, in der Halle funktionierte es leidlich – aber da sind es halt nur 60 Meter. Und jetzt über 100 Meter wieder 12,24 trotz retardierener Angst im Gepäck, weil ein weiterer Rückschlag nur sehr schwer zu verkraften gewesen wäre. „Nach 50 Metern habe ich die Beine nicht mehr gespürt“, schildert Johanna Bechthold die ungewohnte Belastung. Der Zuruf von Mutter Marlies, die den verhinderten Trainer Andreas Schauer vertrat, „Knie hoch!“ war nicht mehr umsetzbar.

Das Trainings-Programm ergibt sich nun von selbst. Sprintausdauer, „Läufe gegen den Willen“, sagt ihr Coach fünf Tage später im Waldstadion. „Drei bis fünf 150-Meter-Sprints“, verkündet der ATG-Trainer. Ein kalter „Schauer“ für die junge Athletin, die nach ihrem Wettkampfcomeback so frohgestimmt und glücklich zum Training kam. Andreas Schauer erwartet keine Begeisterung. Und wird bestätigt, als Johanna den pädagogischen Futterbrocken „Willst Du in der Sonne oder im Schatten laufen?“ verweigert – „Ist mir egal.“

Wundersame Zeiten

Zu fünf Langsprints wird es auch nicht kommen, was den Trainer ebenfalls nicht verwundert. Erstaunt aber ist er über die Zeiten. 20,5 Sekunden gibt er vor. Und dann schaut er drei Mal verwundert auf seine Stoppuhr: 19,3, 19,4 und 19,9 – deutlich unter der Vorgabe, nicht bewusst, eben im Rausch. So lange vermisst hat Johanna Bechthold dieses Glücks-Gefühl, auch wenn es sie gefährlich nah an die Brechschwelle brachte. Und nur zu gut erinnert sie sich an die psychische Belastung beim so lange verlorenen Kampf mit Muskelzerrungen und -riss. „Natürlich stellt man sich in solchen Talphasen die Sinnfrage, man investiert so viel in den Sport, opfert sich auf und verzichtet auf vieles. Und das Schlimmste ist, dass man nicht zeigen kann, was in einem steckt.“

In vier Wochen will sie das erneut – und mit einem größeren Ausrufezeichen als in Kamen. Anfang August bei den Deutschen Meisterschaften der U 18/20 in Jena will Johanna Bechthold einen Erinnerungssprint hinlegen: „Hier bin ich wieder!“ Ihre Kampfansage: „Unter 12 Sekunden.“ Die Westdeutschen Meisterschaften am Wochenende dienen lediglich als Trainingsläufe. Im kommenden Jahr soll es Richtung persönliche Bestmarke gehen: 11,71 Sekunden. Und Andreas Schauer glaubt: „Sie kann 11,5 laufen“ und nach einer kurzen Pause: „und eigentlich auch noch schneller“.

Positives aus Negativerlebnissen

Womöglich hilft ihr die Talfahrt 2014, für sie „ein Null-Jahr“, bei diesem ehrgeizigen Projekt. Die Abiturientin, die vor ihrem Studium ein Freiwilliges Soziales Jahr bei ihrem Verein, der Aachener TG, absolvieren wird, ist sich sicher: „Die Erlebnisse machen mich noch stärker.“ Auch Bechtholds Trainer traut ihr zu, Positives aus den Negativerlebnissen zu ziehen. „Johanna ist eine Kämpferin. Aber natürlich haben die Verletzungen sie um Großveranstaltungen gebracht.“ Wie etwa die U 20-EM nächste Woche in Schweden. Aber auch das Leben einer 100-Meter-Läuferin vollzieht sich nicht immer im Sprinttempo. Johanna Bechthold feilt an ihrer Ausdauer, physisch und psychisch. Nächstes Jahr stehen die U 20 Weltmeisterschaften in Kasan/Russland an . . .

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert