Aachen - Als Ordnungshüter im Land des Fußballs

Als Ordnungshüter im Land des Fußballs

Von: Christoph Pauli
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Hüter der Fairness auf dem Sportplatz: Peter Büttgen, Vorsitzender der Spruchkammer des Fußballkreises Aachen (links), und sein Stellverterter Günter Ortmanns. Foto: Christoph Pauli

Aachen. Das Königlich Bayerische Amtsgericht tagte Ende der 60er Jahre im fiktiven Ort Geisbach. Ein Gerichtsdiener holte die Zeugen häufig in der Gastwirtschaft ab, im Gerichtssaal fiel der ewig schnupfende, erfahrene Amtsrichter August Stierhammer durch seine zuweilen eigenartige und listige Prozessführung auf. Ende 1972 wurde die erfolgreiche ZDF-Serie eingestellt.

Die Spruchkammer des Fußballkreises Aachen tagt dagegen weiter. Peter Büttgen schnupft nicht, er ist dennoch der Vorsitzende der Kammer, der durch seine zuweilen eigenartige und listige Prozessführung auffällt. Die Kammer wird komplettiert durch die Beisitzer Günter Ortmanns, Gerd Baldus, Roland Wunderlich, Gregor und Manfred Müller. Manfred Müller vom JSV Baesweiler ist auch eine Art Gerichtsdiener, er ruft die Zeugen im angrenzenden Schankraum auf, denn das Gericht tagt im Hinterzimmer der Gaststätte Siedlerklause in Alsdorf-Begau. Dort am Tresen trinkt man während der Wartezeit ein Bier oder Wasser, würfelt ein bisschen – oder ignoriert sich eisig, weil die Fronten verhärtet sind.

Der Montag ist vermutlich ein guter Tag für den Klausenbetreiber, denn abends trifft sich hier fast wöchentlich die Kammer. Die Zahl der Fälle hat drastisch zugenommen. Das hängt auch damit zusammen, dass es Teams gibt, in denen ausschließlich Sportler spielen, die aus der selben Nation kommen. Die Fußball-Jury kommt jede Woche mindestens einmal zusammen, selbst in der fußballlosen Zeit wird der Verhandlungsstau abgearbeitet. Die Hemmschwellen sinken, auch wenn gerade die Zahl der Kopfstoß-Verhandlungen endlich zurückgeht.

Links von der Kammer sitzen die Vertreter des gastgebenden, rechts die des auswärtigen Vereins. Die Plätze sind mit kleinen Aufstellern gekennzeichnet. Dort nehmen die Funktionäre Platz, die vermeintliche Täter, Opfer oder auch Zeugen begleiten. Hinten im Raum steht der Tisch des Schiedsrichters.

Die Fälle sind nicht immer eindeutig. Zeugen widersprechen sich, zuweilen ist die Schilderung widersprüchlich. Manchmal wirken die Aussagen so konstruiert, dass schon das Zuhören peinlich ist. Bei manchen Angaben guckt Büttgen an die Decke. Aber da sind gar keine Balken, die sich biegen können. Nur eine Rigipsdecke.

Warum ruinieren sich die Mitglieder der Kammer für sechs Euro am Abend die Freizeit und zuweilen auch noch die Nerven? Es ist die Liebe zum Spiel, sie fühlen sich weniger als Richter, eher als Ordnungshüter, die dafür sorgen wollen, dass das Fairplay nicht mit Füßen getreten wird. Einer muss es ja machen.

Die Spruchkammer ist kein ordentliches Gericht, die Vorwürfe müssen nicht bewiesen sein. Die Schwelle für ein Urteil sei wesentlich niedriger, sagt Wunderlich, der im richtigen Leben Rechtsanwalt ist. Beim Sportgericht reicht schon ein Eindruck, „ein Bauchgefühl“ für eine Strafe. Sie urteilen nach Lebensnähe. Vermutlich braucht man zuweilen viel Erfahrung, um eine Schneise ins Dickicht der Aussagen schlagen zu können.

Man kann Büttgens Verhandlungsführung durchaus als „straff“ bezeichnen. „Ich brauche nur kurze, aber ehrliche Antworten, das soll keine Mammutsitzung werden.“ Wer die Gunst der Stunde nutzt, um mal seine Sicht der Dinge ungefragt zu schildern, hat eher schlechte Karten. Abschweifungen sind hier so willkommen wie grobe Foulspiele.

Wer ein bisschen an der Autorität des Gremiums kratzt, erfährt dann von Büttgen: „Ich mache das hier schon eine gewisse Zeit.“ Die meisten Zeugen ziehen automatisch das Käppi aus, wenn Büttgen sie befragt. Respekt ist geboten, die Kammer kann Spieler monatelang vom Ball trennen. Im Einzelfall hat Büttgen auch schon notorisch auffälligen Teams die Spielerlaubnis entzogen.

Vielleicht entwickeln Spieler vor der Spruchkammer schnell ein Gefühl dafür, wie weit man gehen kann, so wie sie manchmal auch auf dem Spielfeld merken, wie weit sie beim Schiedsrichter gehen können. Wer der Chef im Ring ist, wird schnell klar. „Unterhalten Sie sich nur mit mir, nicht mit dem Schiedsrichter“, fordert Büttgen den „Angeklagten“ auf, der in den Dialog mit dem Spielleiter treten will.

Rauswurf und Entschuldigung

Ein Zeuge begehrt an diesem Abend auf, er werde völlig unnötig unter Druck gesetzt: „Mir wird von Anfang an nicht geglaubt.“ Büttgen schmeißt ihn kurzerhand hinaus. Nach der Verhandlung passiert etwas Erstaunliches. Der junge Mann kehrt zurück in den Raum – vielleicht, weil ihm sein Vorstand den Tipp gegeben hat – er geht energisch auf den Chef zu, um sich zu entschuldigen, murmelt: „Nicht so richtig verstanden.“ Die Männer geben sich die Hand, das Thema ist erledigt.

Am Ende der Beweisführung hat die Jury noch eine Frage an die vermeintlichen Täter, Opfer, Funktionäre: „Was erwarten Sie von uns für ein Urteil?“ Dann müssen alle Beteiligten in den Schankraum, die Kammer berät sich. Die Urteilsbegründung fängt Büttgen mit einem „Liebe Sportskameraden“ an. Vor ein paar Jahrzehnten hat ihn der ehemalige Kreisvorsitzende Horst Scharra für die Aufgabe gewinnen können. Büttgen hätte längst ein paar Stufen auf der Karriereleiter im Verband nehmen können, er wollte lieber ganz unten an der Basis bleiben.

Später im Nachgespräch bedauert Büttgen, dass die Identifikation der Spieler mit ihren Vereinen in den vergangenen Jahren abgenommen habe. „Und es fehlt häufig auch die dritte Halbzeit.“ Damals ging es noch zu wie beim Königlichen Bayerischen Amtsgericht. Nach getaner Arbeit traf man sich gemütlich auf ein gemeinsames Bier. Geschichte. Büttgen macht die Arbeit seit 32 Jahren, „vielleicht sogar schon zu lange“, merkt er auch schon mal in Verhandlungen an. Aber das ist nur etwas kokettiert. Der 71-Jährige will weitermachen. Als Ordnungshüter im Land des Fußballs.

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