Ärzte klagen über schlechte Behandlung
Von Mischa Wyboris | 29.07.2010, 17:45
Kreis Düren. Lachen ist die beste Medizin. Wenn das stimmt, kann Dr. Manfred Rütten seine Patienten fortan rein verbal behandeln. «Wenn sie genau Bescheid wüssten, würden meine Patienten aus dem Lachen nicht mehr rauskommen», sagt der Facharzt für Allgemeinmedizin.
Es krankt am Gesundheitssystem, sagen die, die es wissen müssen: die Hausärzte. Und es liegt ein neuer Erreger in der Luft. Diesmal geht es um die jüngsten Reformpläne von Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP), den Allgemeinmedizinern die höhere Vergütung beim gerade erst eingeführten Modell der Hausarztverträge wieder zu begrenzen. Der Deutsche Hausärzteverband hat bereits Protestaktionen bis hin zum Streik im kommenden Herbst angekündigt, von denen auch Praxen im Kreis Düren betroffen sein könnten.
Rezept mit Nebenwirkungen
«Unser Gesundheitssystem gehört nach wie vor zu den besten der Welt - aber nur, weil wir viele Leistungen zum Nulltarif bringen», sagt Gerd Schloemer, Facharzt für Allgemeinmedizin und Mitglied der Freien Ärzteschaft sowie der Ärztekammerversammlung Nordrhein. Mit diesem generellen Problem der Hausarzt-Honorierung müsse endlich Schluss sein. Jetzt, da auch noch die erhoffte Finanzspritze für Ärzte mit Hausarztverträgen wieder strittig geworden ist, warnt der Hausärzteverband vor Nebenwirkungen: höhere Krankenkassenbeiträge, weniger Hausärzte.
Im Kreis Düren ist die Situation schon jetzt prekär. Hier sind gerade einmal sieben niedergelassene Allgemeinmediziner jünger als 40 Jahre. Mehr als die Hälfte der Hausärzte ist älter als 50, rund 30 Prozent sind gar älter als 60 Jahre. Diagnose: Hausarztsterben. Kein Wunder, es gibt lukrativere Jobs. «Junge Kollegen können ihr Geld in anderen Fachbereichen und anderen Ländern besser verdienen», sagt Rütten. Und auch die «Falschverteilung der Gelder», die Schloemer beklagt, macht´s nicht besser: In Deutschland behandeln die niedergelassenen Ärzte zwar 90 Prozent aller Patienten, bekommen aber nur 15 Prozent vom Gesundheitsetat.
«Wir werden von der Politik wie ein Auslaufmodell behandelt», sagt Dr. Bernd Nießen, Facharzt für Allgemeinmedizin in Nörvenich, «und man versucht uns den Geldhahn zuzudrehen.» Bestimmte Leistungen nur abgestaffelt zu honorieren, sei betriebswirtschaftlich kritisch. Nießen spricht von einer «Sozialpolitik nach Kassenlage» und zieht die Teilnahme an einem Streik in Erwägung.
Auch Ulrich Drießen, Facharzt für Allgemeinmedizin in Langerwehe, hat noch keine Entscheidung getroffen, will einen Streik aber nicht ausschließen. «Wir haben keine Planungssicherheit für unsere ärztlichen Leistungen», sagt Drießen. «Das sind keine Reformen, das ist ein gruseliges System.» So sieht das auch der Hausärzteverband, der sich deshalb zu drastischen Äußerungen verleiten ließ. Die Ausdünnung der hausärztlichen Versorgung könne am Ende «Menschenleben kosten», warnte der Hauptgeschäftsführer Eberhard Mehl in der vergangenen Woche. Rütten halte die Reaktion des Hausärzteverbands zwar für «überzogen»; beim derzeitigen Honorarsystem seien große Praxen und Praxisgemeinschaften allerdings deutlich bevorzugt - eine bittere Pille für die «Einzelkämpfer» unter den Hausärzten, von denen einige Insolvenz befürchten.
Dr. Wolfgang Deiters, Hausarzt und Vorsitzender der Kreisstelle Düren der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, betrachtet die Entwicklungen etwas gelassener. «Ich rechne im Kreis Düren nicht mit einem nennenswerten Streik. Die ärztliche Versorgung wird nicht leiden», sagt Deiters. Hausarztverträge betrachte er «als Mogelpackung», hier werde «von der linken in die rechte Tasche gewirtschaftet», und der bürokratische Aufwand sei «gigantisch».
Am Gesundheitssystem ist viel herumgedoktert worden. «Seehofer, Schmidt, Rösler: Ich weiß nicht, die wievielte Reform das für mich schon ist», sagt Rütten. Nur eins weiß er: Wenn ihn seine Patienten fragen, wo eigentlich ihre Beiträge bleiben, sei seine Antwort immer dieselbe: «Bei mir jedenfalls nicht.»
Bei den Hausarztverträgen soll jetzt wieder Geld eingespart werden
Hausarztverträge werden zwischen Allgemeinmedizinern und Krankenkassen geschlossen. Durch dieses Modell sollen Kosten gespart werden, da der Hausarzt die gesamte ambulante, fachärztliche und stationäre Behandlung der freiwillig teilnehmenden Patienten steuern und damit unnötige Mehrfachbesuche bei Spezialisten vermeiden soll.
Für das bessere Honorar zwischen 65 und 80 Euro pro Patient je Quartal verpflichten sich die Ärzte zu Sonderleistungen. Dazu gehören zum Beispiel nächtliche Hausbesuche, Früh- und Spätsprechstunden, bestimmte Geräteanschaffungen und eine garantierte Wartezeit von nicht mehr als einer halben Stunde für Patienten.
Nach den Sparplänen von Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) soll der Zuwachs des Honorars nun wieder begrenzt werden, den Hausärzte mit Hausarztvertrag im kommenden Jahr erwarten. Rösler will auf diese Weise 500 Millionen Euro einsparen. Was den Medizinern dann noch bleibt, ist derzeit unklar.
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