Zweihundert zum Zweihundertsten: In Thüringen herrscht Lisztomania

Von: Andreas Heimann, dpa
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Zweihundert zum Zweihundertsten: Lisztomania in Thüringen
Im Liszt-Haus erinnert alles an den Komponisten und Musiker, der in diesem Jahr 200 Jahre alt geworden wäre - die Büste zeigt den Künstler in jüngeren Jahren. Foto: dpa

Weimar. Er war ein genialer Musiker, ein Ausnahme-Pianist, ein Popstar, nirgendwo wirklich zuhause, in ganz Europa unterwegs. In Weimar hat Franz Liszt lange gewohnt, und auch in vielen anderen Städten Thüringens von Meiningen bis Eisenach hat man ihn und seine Musik bejubelt. Das Bundesland feiert seinen runden Geburtstag am 22. Oktober mit gut 200 Veranstaltungen. Das Motto: „Zweihundert zum Zweihundertsten”.

Am 24. Juni startet die Landesausstellung „Franz Liszt. Ein Europäer in Weimar”. Das Thüringen-Festival vom 18. Juni bis 10. Juli heißt wortspielerisch „Überlisztet”. Und eine neue Stadtführung auf Liszts Spuren gibt es auch. Gudrun Engelhardt zeigt Besuchern, wo der berühmte Komponist lebte und wirkte. Sie führt Besucher zum Hotel „Russischer Hof”, wo Liszt ein und aus ging. Zur Herderkirche, deren Altarbild Lucas Cranach gemalt, auf deren Kanzel Luther gepredigt und auf deren Orgel Liszt gespielt hat. Und sie macht am Nationaltheater Halt, vor dem das berühmte Denkmal von Goethe und Schiller steht.

„Goethe war schon acht Jahre tot, als Liszt das erste Mal nach Weimar kam”, erzählt sie. Das war 1840. Liszt wollte sich das Goethehaus ansehen. Aber schon ein Jahr später war er wieder da, diesmal auf Einladung der Großherzogin Maria Pawlowna, und er spielte für sie. „Er war auch eine charismatische Figur - und ein Liebling der Frauen”, sagt Gudrun Engelhardt. Die Großherzogin, Schwester des russischen Zaren, zog er sofort in seinen Bann.

Sie bot ihm schnell eine Stelle als Großherzoglicher Hofkapellmeister an - bezahlt aus ihrer Privatschatulle. Ab 1848 lebte Liszt in Weimar, reifte nun auch als Dirigent und förderte Richard Wagner: 1849 war in Weimar erstmals dessen Oper Tannhäuser zu sehen, im Hoftheater zum Geburtstag der Großherzogin. Das Publikum war hingerissen. Nur ein Jahr darauf ging Lohengrin über die Bühne.

Gudrun Engelhardt schreitet über den Marktplatz, vorbei am Hotel „Elephant”. Daneben stand zu Liszts Zeit das Hotel „Erbprinz”, die offizielle Postadresse des Musikers. Liszt war ein Frauentyp mit Hang zum amourösen Abenteuer: Er lebte in Weimar jahrelang in wilder Ehe im Haus seiner Geliebten Carolyne zu Sayn-Wittgenstein. Nur die Post durfte dort nicht hingehen, die holte er im Hotel ab.

Nur ein paar Schritte weiter steht ein Denkmal für Johann Sebastian Bach, der selbst etliche Jahre in Weimar zu Hause war. „Liszt hat ihn sehr bewundert”, sagt Gudrun Engelhardt. Die nahe Hochschule für Musik am Platz der Demokratie ist nach Liszt benannt, der Sitz der Liszt-Gesellschaft ist gleich daneben. Der Platz dagegen hat seinen Namen von den „Dienstagsdemos” in Weimar, die hier am 24. Otkober 1989 begannen.

Mitten auf dem Platz der Demokratie steht ein Reiterdenkmal von Herzog Carl August, dem lebenslustigen Herrscher zu Goethes Zeiten. Das Schloss, in dem er residierte, ist von hier zu sehen. Dort spielte Liszt der Großherzogin im Festsaal zum ersten Mal vor. „Man kannte in Weimar damals viele gute Pianisten”, sagt Gudrun Engelhardt, „aber er übertrumpfte sie alle.”

Schon bald danach wurde er zum Megastar, dem die Fans zu Füßen lagen, frenetisch bejubelt wie die frühen Beatles oder heute Justin Bieber - „Lisztomania” trifft es tatsächlich. Im Festsaal des Schlosses erinnert in diesem Jahr „Kosmos Klavier”, ein Teil der Landesausstellung, an den charismatischen Virtuosen. Im Hof davor ist eine Installation geplant, ein „begehbarer Flügel”.

Vom Schloss aus sind es nur fünf Minuten bis zum Park an der Ilm. Dort auf der Sternenwiese wollte Liszt für Wagners Werke ein Festspielhaus bauen, so wie es dann in Bayreuth entstand. Aber daraus wurde nichts. Die Oper „Der Barbier von Bagdad”, die Liszt 1859 uraufführte, provozierte einen Skandal. Es gab Pfiffe und Buhrufe, Liszt gab seinen Posten ab und ging 1861 nach Rom.

Das Thema Weimar schien für ihn durch zu sein. „Er hat zwar zwei Drittel seiner Werke in Weimar komponiert und Weimar als Musikstadt erst bekannt gemacht”, sagt Gudrun Engelhardt. „Aber er sah seine Arbeit als gescheitert an.” Zurück kam er trotzdem - 1869. Zwei Jahre zuvor war er in Eisenach, als auf der Wartburg seine „Legende von der heiligen Elisabeth” aufgeführt wurde. „Liszt war gerührt”, erzählt Prof. Wolfram Huschke. Und Weimar wollte ihn gerne wieder haben: „Der Großherzog bemühte sich um ihn.” Schon aus Imagegründen: „Den Weltstar nicht mehr bei sich zu haben, machte sich bemerkbar.”

Liszt zog in ein Haus nicht weit vom Schloss. „Unten wohnte der Gärtner”, sagt Huschke - im ersten Stock das Musikgenie. „Die Großherzogin besorgte ihm Bettwäsche, Möbel und Geschirr.” In den folgenden 17 Jahren verbrachte er dort jedes Jahr zumindest einige Wochen, oft blieb er länger. „Drei Monate war er in Rom, drei in Budapest, drei in Weimar und drei unterwegs”, erklärt Huschke. „Das Liszt-Haus war seine Sommerwohnung.” Bereits im Jahr nach Liszts Tod 1886 wurde es zum Museum und bald zur Besucherattraktion.

Inzwischen ist es frisch restauriert. Im Musikzimmer steht ein Bechsteinflügel aus Liszts Besitz. „Hier hat er zweimal in der Woche rund 30 Schüler kostenlos unterrichtet”, erzählt Prof. Huschke. „Und komponiert hat er hier.” Huschke zeigt auf den Schreibtisch. In einer Vitrine ist Liszts Brille zu sehen. „Ich hatte sie mal auf - er sah wirklich nicht besonders.” Auch Liszts Schlafzimmer ist zu sehen - mit einem vergleichsweise kurzen Bett, der Komponist war kein Riese.

Im Speisezimmer hängt ein Porträt, das Liszt im Alter von 27 zeigt, er sah gut aus. In den Vitrinen liegen viele der absurden Geschenke, die der Künstler im Lauf seines Lebens bekam: Meerschaumpfeifen, Taktstöcke, ein Lorbeerkranz aus vergoldeten Blättern, ein Kaffeeservice vom Sultan aus Konstantinopel, viele Spazierstöcke und viele Orden. „Von den Ungarn hat er vor allem Säbel bekommen”, sagt Huschke.

Im Park um die Ecke steht seit 1902 ein Liszt-Denkmal aus Marmor - ein Beispiel für die anhaltende Lisztomanie. Es beweist, dass die Begeisterung noch heute manchmal bizarre Blüten treibt: Liszts Pianistenfinger sind dem Denkmal von Souvenirjägern in den vergangenen Jahren mit schöner Regelmäßigkeit geklaut worden.

Informationen gibt es bei der Tourist Info Weimar unter der Telefonnummer 03643/7450, E-Mail: tourist-info@weimar.de

Das Liszt-Haus in der Marienstraße 17 ist von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Führungen gibt es mittwochs um 15 und samstags um 13 Uhr. Der Eintritt kostet vier Euro.

Konzerte im Liszt-Haus gibt es bei der „Matinee am Montag” von April bis Juli sowie im September und Oktober an jedem ersten und dritten Montag im Monat um 12 Uhr. Studenten der Hochschule für Musik spielen dann auf dem originalen Bechstein-Flügel.

Die öffentliche Stadtführung „Auf den Spuren von Franz Liszt” gibt es zwischen dem 25. Juni und dem 29. Oktober an jedem Samstag um 16 Uhr. Treffpunkt ist die Tourist-Information, Markt 10. Die Teilnahme kostet acht Euro.

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