Zu Pferde den Stieren hinterher: Kölner Cowgirl in der Camargue

Von: Ulrike Koltermann, dpa
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Pferd Reiterin Camargue
Stephanie Arnaud hält eines ihrer Camargue-Pferde in Saintes-Maries-de-la-Mer in Südfrankreich. Cowboy ist weitgehend ein Männerberuf, das gilt auch in der südfranzösischen Camargue. Es gibt nur wenige Frauen, die als Stierzüchterin zu Pferde arbeiten. Unter ihnen ist die gebürtige Kölnerin Stephanie Arnaud. Foto: dpa

Saintes-Maries-de-la-Mer. Misstrauisch beäugt der Stier die Reiterin auf dem cremefarbenen Pferd. Er lässt sie bis auf ein paar Meter an sich herankommen, dann weicht er rasch aus und stiebt durch das hohe Gras davon. Die Reiterin stoppt kurz ihr Pferd, dann galoppiert sie im weiten Bogen um den fliehenden Stier herum und zwingt ihn in die entgegengesetzte Richtung. Als er schließlich zum Stehen kommt, hat er sich weit von seiner Herde entfernt.

Die blonde Reiterin mit dem breitkrempigen Cowboyhut hat ihr Ziel erreicht: Der Stier lässt sich nun mühelos auf eine andere Weide treiben.

Die Kölnerin Stéphanie Arnaud hätte früher herzlich gelacht, wenn ihr jemand gesagt hätte, dass sie einmal als Cowgirl in der südfranzösischen Camargue arbeiten würde. Bis sie 30 Jahre alt war, hatte sie kaum je auf einem Pferd gesessen, und Französisch konnte sie auch nicht.

Heute sitzt sie auf ihrem Hengst Orlando so selbstverständlich im Sattel wie ein Beamter auf seinem Bürostuhl. Französisch geht ihr mittlerweile leicht über die Lippen, sie würzt es mit dem deftigen Akzent des Südens. Gemeinsam mit ihrem Mann Gilbert wacht die 48-Jährige über einen Zuchtbetrieb der weitgehend wildlebenden Camargue-Stiere.

„Meine Freundin hatte mir eine Reise in die Camargue geschenkt”, erzählt Stéphanie, die mit ihrer durchtrainierten Figur und ihrer blonden Mähne auch für Mitte 30 durchgehen würde. „In dem Urlaub habe ich Gilbert kennengelernt, ich fand ihn nett, aber er war gar nicht mein Stil”, erinnert sie sich. Er sei immer mit diesem seltsamen Hut herumgelaufen und habe von seinen Stieren erzählt. Stéphanie hatte damals mit ihrer Freundin in Köln eine Produktionsfirma gegründet und dachte gar nicht daran, ihre Selbstständigkeit aufzugeben. Doch Gilbert zeigte sich hartnäckig.

„Er hat immer wieder angerufen, und irgendwann bin ich wieder runtergefahren”, erzählt sie. Und dann hatte es sie gepackt: die große Liebe, die Leidenschaft für die herbe Camargue-Landschaft, die Begeisterung für Pferde. „Ich habe schnell gelernt, es ist, als ob ich das ganze Leben darauf gewartet hätte, Stierzüchterin in der Camargue zu werden”, erzählt sie.

Während sie im Haus verschwindet, um Verwaltungsdinge zu erledigen, sattelt ihr Mann schon mal sein Pferd. Gilbert ist Anfang 60, sonnengegerbt, eher ein ruhiger Typ und fest in der Camargue verwurzelt. Sein Ledersattel ist ein handgearbeitetes Meisterstück, das perfekt für seine Arbeit als Cowboy zugeschnitten ist. Ein guter Camargue-Sattel kostet mehrere tausend Euro.

„Unsere Sättel sind maßgeschneidert, deswegen darf man nicht zunehmen”, erklärt Gilbert und legt seinem Pferd den schweren Ledersitz mit einem Knauf und einer niedrigen Rückenlehne auf. „Darin sitzt man auch bei abrupten Manövern fest”, sagt er. „Er ist sehr bequem, da kann man es gut mehrere Stunden drin aushalten”, sagt er und dreht den Schweif des Pferdes zu einer Kordel, um ihn durch eine Lederschlaufe zu ziehen. Sie verhindert, dass der Sattel seitlich herunterrutscht. Am Rückenteil ist das Zeichen seines Zuchtbetriebs eingebrannt: eine stilisierte aufgehende Sonne.

Das kräftige kleine Pferd scharrt unruhig mit den Hufen, Gilbert tätschelt ihm den Hals. Seine Mähne flattert im Wind, der in dieser Gegend oft heftig weht. Camargue-Pferde sind keine eleganten Reittiere, eher ausdauernde Arbeitspferde. Ihr helles Fell ist selten ganz weiß, es wirkt oft ein bisschen schmutzig. In der schilfgrünen Landschaft bilden sie einen schönen Kontrast zu den schwarzen Stieren.

Gilbert setzt den Fuß in den Steigbügel, der vorne mit einem Drahtbügel versehen ist, so dass der Fuß nicht durchrutschen kann. Mit einem eleganten Schwung sitzt er auf und reitet im Abendlicht einer Stierherde entgegen, die friedlich grast. Mit seiner Weste über dem gemusterten Hemd und dem hellen Cowboyhut wirkt er wie ein Komparse einer Zigarettenwerbung, die im Wilden Westen spielt.

Die Camargue-Stiere sind eine eigene Rasse, deswegen gilt die Bezeichnung auch für die weiblichen Tiere. Im Unterschied zu ihren spanischen Artgenossen sind ihre Hörner nach oben gerichtet, und sie sind etwas kleiner und wendiger als diese. Sie leben halbwild das ganze Jahr über im Freien. Ihre Besitzer müssen sie aber mit Ohrenmarken kennzeichnen und impfen lassen. Die Herden lassen sich am besten aus dem Sattel lenken - die Stiere haben Respekt vor den robusten Pferden, die sich mit ihren Hufen gut wehren können. Es kommt nur selten vor, dass ein Stier eines der Pferde angreift.

Die sogenannte Triage gehört zu den Standardaufgaben eines Cowboys: Ziel ist es, ein oder mehrere Tiere aus der Herde auszusondern. Das ist nicht einfach, weil der Stier ein Herdentier ist und überraschend flink Bögen schlagen kann, wenn ein Reiter versucht, ihn davonzutreiben. Es hat etwas von einem Billardspiel, wenn Gilbert sich den Stieren nähert: Je nach dem Winkel, in dem das Pferd sich nähert, weicht der Stier in die eine oder andere Richtung aus.

Stéphanie empfängt derweil eine Touristengruppe aus Freiburg - die Stierzucht ist zwar ein traditionsreicher und angesehener Beruf, aber finanziell brauchen die meisten Züchter noch ein zweites Standbein. Manche bieten Ferienwohnungen oder Reitunterricht an, Gilbert und Stéphanie bringen ihren Gästen die Traditionen der Camargue nahe und lassen sie bei der Arbeit der Cowboys zuschauen.

Damit die Stiere den Touristen nicht zu nahe kommen, werden die Gruppen in einem roten Traktor-Anhänger auf die Weide gefahren. Dieses Gefährt hat vor drei Jahren eine gewisse Berühmtheit erlangt. Der damalige Präsidentschaftskandidat Nicolas Sarkozy war während des Wahlkampfs auf die Idee gekommen, sich naturverbunden, sportlich und männlich zu zeigen. Was eignet sich dafür besser als ein Ausritt in der Camargue? Sarkozy tauchte eines Tages bei den Arnauds auf und ließ sich eines der hellen Pferde satteln.

„Er reitet gar nicht schlecht”, erzählt Gilbert später. Die Bilder zeigen einen Sarkozy, der in Jeans und rotem Hemd lässig im Sattel sitzt, die Zügel in der rechten Hand, die linke in die Hüfte gestützt. Das war genau das Bild, das sich seine PR-Berater gewünscht hatten. Umso ärgerlicher waren sie, als andere Bilder in die Presse gerieten, die das Gesamtbild zeigten: Sarkozy zu Pferde und direkt dahinter der rote Traktor-Anhänger mit Dutzenden von Fotografen, Kameraleuten und Journalisten.

„Wir züchten Stiere vor allem für die Arena”, erklärt Stéphanie und beeilt sich hinzuzufügen, dass damit keineswegs die traditionellen Stierkämpfe gemeint sind, bei denen das Tier verletzt und getötet wird. „Bei den Wettkämpfen in der Camargue geht es darum, dem Stier eine Trophäe abzujagen, die zwischen seinen Hörnern befestigt ist”, sagt sie.

Die Stierkämpfer, die „razeteurs” genannt werden, sind ganz in weiß gekleidet, ohne Taschen und Gürtel, damit die Stiere sie nicht mit den Hörnern packen können. Sie tragen keine Speere, sondern nur kleine Metallkrallen, mit denen sie versuchen, den roten Stofffetzen, die „Cocarde”, zwischen den Stierhörnern zu erwischen. Greift der Stier an, bleibt den „razeteurs” nichts übrig, als Reißaus zu nehmen und sich zur Not mit einem Sprung über die Barriere zu retten.

In der Camargue ist nicht der Torero der Held, sondern der Stier. „Hier wurden toten Stieren schon Denkmäler errichtet”, erzählt Stéphanie. Etwa 850 offizielle Wettkämpfe gibt es jedes Jahr, dazu zahlreiche Dorffeste, auf denen Stiere auftreten. Die „razeteurs” sind meist Hobby-Stierkämpfer, allenfalls ein Dutzend von ihnen kann von den Preisgeldern leben. Wenn berühmte Stiere zu alt für die Arena werden, kommen sie nicht zum Schlachthof, sondern bleiben auf der Weide.

„Wir haben etwa 100 Großtiere”, sagt Stéphanie. „Unser Ziel ist es, Stiere zu züchten, die uns Ehre machen.” Jedes Jahr werden etwa 40 Kälber geboren. Bei einer Geburt war sie allerdings noch nie dabei, die Tiere ziehen sich dafür zurück.

Während der Traktor mit dem Touristenanhänger im Schritttempo durch die Schilflandschaft ruckelt, reitet Stéphanie ihrem Mann Gilbert hinterher. Gemeinsam zeigen sie den Zuschauern, wie sie einzelne Tiere durch geschickte Manöver aus der Herde herausholen. Auf dem Rückweg reiten beide gemeinsam gemächlich nebeneinander her. Auf der Terrasse wartet bereits der Aperitif, gekühlter Roséwein und Oliven.

Die elf Jahre alte Tochter Carla ist inzwischen aus der Schule nach Hause gekommen. Sie hat lange blonde Haare, eine Zahnspange und plappert munter Deutsch und Französisch durcheinander. „Sie nimmt seit zwei Jahren intensiv Reitunterricht und kann schon prima mit den Stieren umgehen”, sagt Stéphanie. Die Frage, ob sie eines Tages die Stierzucht übernehmen wird, stellt sich noch nicht. „Es ist ein Knochenjob, aber er macht wahnsinnig Spaß”, erklärt die 48-Jährige.
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