Wo sich die Hippies heimisch fühlen: Mendocino in Nordkalifornien

Von: Hilke Segbers, dpa
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Mendocino
Wildnis bis zum Wasser - der Blick auf die Küste ist bei Mendocino noch unverbaut. Foto: dpa

Mendocino. Was vereint den Hamburger FC St. Pauli mit dem Schlagersänger Michael Holm? Der 60er Jahre-Hit „Mendocino”. Die Fans des Hamburger Fußballclubs haben den Schlager zum Pokalschlachtruf umgemodelt.

Die Menschen in Mendocino würden sich über die grölende Menge sehr wundern. Ihr Leben in dem nordkalifornischen Örtchen läuft so beschaulich ab, dass die Zeit fast stillzustehen scheint. In den Gärten sind die Vögel noch zu hören, Hunde streunen völlig ungerührt und ungefährdet über die Straßen, und die Leute haben Zeit für einen Plausch mit dem Nachbarn über den Gartenzaun.

Mendocino ist ein kleiner Ort an der Westküste der Vereinigten Staaten, inmitten des Mendocino County. In dem gut 10 000 Quadratkilometer großen Gebiet leben nur 86 000 Einwohner, das macht gerade einmal 9 Menschen pro Quadratkilometer. Gegründet wurde das Mendocino County um 1850. Es soll nach dem Kap Mendocino benannt worden sein, das wiederum seinen Namen von Antonio de Mendoza hat, dem ersten Vizekönig von Neuspanien. Früher lebten in der Gegend mehrere Indianerstämme, aber sie alle wurden im 19. Jahrhundert von weißen Siedlern ausgerottet.

Bevor Mendocino erreicht wird, passiert der Urlauber zahllose Gehöfte, die alle eines eint: ein leicht morbider Charme. Auf den Grundstücken stehen oft Wohnmobile statt Häuser, im Sand scharren Hühner, auf den Wiesen zupfen angeleinte Ziegen mit spitzen Lippen Gras. Die oft nicht mehr ganz jungen Bewohner tragen noch Stirnband und Zopf, egal ob Männlein oder Weiblein. Mendocino war eine Hippie-Hochburg - und ist es offensichtlich immer noch. Dass hier „Jenseits von Eden” gedreht wurde, verwundert nicht: Wo sonst hätte sich James Dean so cool an einen verfallenden Farmzaun lehnen können?

Mendocino selbst hat gut 800 Einwohner und ist eigentlich kein richtiges Dorf, sondern eher ein Siedlungsgebiet mit weit auseinanderliegende Häusern. Nur direkt am Meer steht ein Grüppchen adretter Holzhäuser mit bunten Bauerngärten aus der viktorianischen Zeit entlang einiger Straßen, die mit etwas gutem Willen als Örtchen betrachtet werden können. Mendocino ist als Künstlerkolonie bekannt und zieht in den Sommermonaten zahllose Ausflügler an, die in den Andenkenlädchen kramen. Zu kaufen gibt es neben Keramik und Gemälden zum Beispiel Wallekleidchen im Hippie-Stil, Lederbänder für das Handgelenk und Topflappen mit Peace-Zeichen.

Was Hippies in den 60er Jahren anzog - der Frieden, die tiefen Wälder, die Weinberge und die zerklüftete Küste mit ihren einsamen Stränden -, lockt auch Touristen. Und so haben sich in den vergangenen Jahrzehnten in der Einsamkeit im Norden von Kalifornien auch einige schöne Hotels angesiedelt, die ruhesuchenden Städtern Zuflucht bieten. Zumal der Ort an dem Pacific Coast Highway liegt, der - mitunter mit dem berühmten Highway 101 vereint - entlang des Pazifiks vom Süden Kaliforniens nach Norden führt.

Ein besonders hübsches Beispiel ist das „Agate Cove Inn”. Acht der zehn liebevoll eingerichteten Zimmer des 25 Jahre alten Hotels befinden sich in Cottages in einem zwei Hektar großen Garten. Von dort aus ist fast überall das Meer zu sehen, mit etwas Glück lassen sich auch Wale blicken. Aber auch einfach nur die Seevögel von der Vogelschutzinsel gegenüber zu betrachten, macht schon Freude. Perfekt wird es, wenn dazu auch noch hausgebackene Muffins gereicht werden.

Ebenfalls direkt am Meer liegt die Howard Creek Ranch. Die historische Farm im Mendocino County ist 60 Hektar groß und hat sowohl Strände als auch Berge im Hinterland zu bieten. Die Inhaber des Inn, Charles and Sally Grigg, bewirtschaften die Farm seit mehr als 20 Jahren und haben für ihren Garten bereits Preise gewonnen. Auf ihrer Website werben sie mit einer „deutschen Masseuse” - was Besucher aus Deutschland neugierig macht - und einem umfänglichen Ranchfrühstück.

Zumindest deutschstämmig ist Jeff Stanford, der das „Stanford Inn” leitet, ebenfalls eingebettet in einen wunderschönen Garten mit Wildkräutern, Früchten und Gemüse. Das selbst gezogene Grün wird in der vegetarischen Küche des Hotels verarbeitet, auch Einheimische essen in dem Gourmetrestaurant gerne Citrus Polenta und als Nachtisch Vollkornpfannkuchen mit Beeren. Fleisch gibt es in keiner Form, bei dem Gedanken alleine wird Jeff wütend. „Selbst meine Hunde bekommen nur Getreide”, sagt er. „Und es geht ihnen gut, oder nicht?” Die beiden Retrievermischlinge, die ständig hinter ihm hertrotten, werfen ihm einen leicht vorwurfsvollen Blick zu. Aber Wein, der wird gereicht, wie überall im Mendocino County.

Die Region erinnert klimatisch an ein warmes Deutschland und ist daher perfekt für den Weinanbau. Das benachbarte Napa Valley ist in aller Munde, Wein aus Mendocino dagegen kennen wenige. Dabei hat die Region sieben Anbaugebiete, die bekannteste Winzerei ist Fetzer. Nachts können die Temperaturen im Mendocino County auch im Sommer auf frische Temperaturen im niedrigen zweistelligen Bereich fallen. Was am Morgen oft zu dichtem Nebel an der Küste führt. Im Laufe des Tages aber erwärmt die Sonne die Luft auf gut 30 Grad, und der Syrah, der Pinot Noir, Zinfandel und selbst Riesling und Gewürztraminer gedeihen auf das Prächtigste. Die meisten Winzer - rund 85 Prozent - in den Hügeln von Mendocino produzieren biodynamisch.

Die Winzerei Lolonis zum Beispiel arbeitet auf ihren 410 Hektar seit gut 50 Jahren ohne Chemie und ist damit die älteste Öko-Winzerei der Vereinigten Staaten. Der Familienbetrieb setzt in den Weinbergen zur Schädlingsbekämpfung jedes Jahr fünf Millionen Marienkäfer ein, deren Leibspeise Rebläuse sind. Der älteste Sohn, Phillip Lolonis, attraktiver Nachkomme irisch-griechischer Einwanderer, ist das Gegenteil von Hippie. Er steht mit strammen Fußballerwaden in seinen Weinbergen.

Auch in Deutschland hat er schon gespielt - allerdings nicht in St. Pauli. „In Wolfsburg! Aber ich war zu schlecht, um Profi zu werden”, sagt er, streicht sich die dunkle Mähne aus dem Gesicht und zwinkert. Mendocino und Fußball scheinen tatsächlich irgendwie etwas miteinander zu tun zu haben.
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