Wo die Kontinente zusammenkrachten: Wandern im wilden Neufundland

Von: Gisela Ostwald, dpa
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Urkräfte: In der Crashzone der alten Kontinente sind beeindruckende Landschaften entstanden. Foto: dpa

St. Johns. Die meisten Besucher kommen wegen der Natur in Kanadas östlichste Provinz, Neufundland und Labrador. In den Klippen der Atlantikküste treffen sich Papageientaucher und Heerscharen anderer Seevögel aus ganz Nordamerika zur Sommerfrische.

Das Landesinnere bevölkern Schwarzbären, Elche und Karibus. Nirgendwo in Kanada leben Elche in einer solchen Dichte wie hier - zum Leidwesen der Autofahrer. Eher wenig beachtet wird noch die unbelebte Natur - außer von den Geologen. Im äußersten Osten Kanadas liegen Formationen, die weltweit ihresgleichen suchen.

Auf der Insel Neufundland laufen Wanderer auf Gestein, dass einst glühend heiß aus dem Erdmantel an die Erdoberfläche trat. Tablelands nennen die Kanadier das Gebiet. Es liegt im Westen Neufundlands, im Gros-Morne-Nationalpark, der 1987 von der Unesco zum Weltkulturerbe gestempelt wurde.

Die Entstehung der Tablelands liegt 470 Millionen Jahre zurück. Auslöser sei der Zusammenstoß von zwei Kontinentalplatten gewesen, erläutert ein Ranger im Besucherzentrum des Parks. David Morrow demonstriert mit Legosteinen, wie der Druck von beiden Platten das Innere der Erde nach oben presste.

Vor dem Zusammenprall der Kontinente lag das Mantelgestein tief unter einem Meer vergraben. Das Meer gibt es nicht mehr, und das einst glühend heiße Erdinnere ist längst erkaltet. Es enthält aber noch so viele giftigen Schwermetalle, dass nichts auf ihm wächst - zumindest nichts Einheimisches. „Nur hier und da ein Kraut, das selbst den extremen Bedingungen des Himalayas trotzen würde.”

„Die Tablelands sind eine Rarität”, sagt Morrow. Weltweit gebe es „weniger als eine Handvoll von Orten, die einen Blick in unsere Erde erlauben” so wie dieser. Über die Hochebene führt ein Holzsteg, vorbei an Bächen, Felsbrocken und einem Wasserfall. Kein Baum, kein Strauch, die Ebene ist karg wie eine Mondlandschaft. Die Farben der Felsen reichen von einem leuchtenden Orange über Ocker bis zu dunklen Rosttönen.

Einige Felsen in Gros Morne sind bis zu 1,25 Milliarden Jahre alt. Damit stellen sie alles in den Schatten, was in der Gebirgswelt Rang und Namen hat. Die Alpen, der Himalaya und die Rocky Mountains sind weitaus jünger als die Formationen im größten Nationalpark Kanadas.

Wer mit dem Auto quer durch Neufundland fährt, etwa von der Hauptstadt St. Johns im Osten nach Rocky Harbor im Westen, wird mit der Nase auf eine weitere geologische Attraktion gestoßen. Mitten auf der Strecke ändert sich die Landschaft plötzlich drastisch: Die dürre Graslandschaft im Osten wird abrupt von schier endlosen Wäldern abgelöst, die sich bis zu den Fjorden im St. Lorenz-Golf ausdehnen.

Die Erklärung für dieses Phänomen datiert ebenfalls Hunderte von Millionen Jahren zurück: Neufundland setzt sich aus Teilen von zwei uralten Kontinenten zusammen. Sie waren einst durch ein Meer getrennt, den längst verschwundenen Iapetus-Ozean. Damals lagen die Landmassen so weit voneinander entfernt wie heute Brasilien und Nigeria. Der Westen stammt von der archaischen Landmasse Laurentia, der Osten von dem längst zerbrochenen Kontinent Gondwana.

In westlichen Gesteinen findet man die gleichen Fossilien wie in Grönland, dem Nordwesten Schottlands und dem Westen Irlands. Die versteinerten Gliederfüßler in der östlichen Region Neufundlands dagegen stimmen mit Fossilienfunden in Afrika überein. Wer Spaß an diesen Zusammenhängen hat, sollte sich unbedingt Zeit nehmen für das unterirdische „Johnson Geo Centre” in St. Johns.

Doch Neufundland ist mehr als nur Erdgeschichte. Wer die Weite liebt, findet sie auf dem East Coast Trail, einem Küstenpfad von 320 Kilometern Länge mit steilen Klippen und tosender Brandung. Wildnis findet der Besucher auch im Gros-Morne-Nationalpark, und zwar das ganze Jahr über.

Rucksackwanderer sind hier manchmal Tage unterwegs, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Im Winter, wenn sich der Schnee bis zu fünf Metern auftürmt, laden Hütten in Gros Morne zum Übernachten ein. Ihre Feuerstellen und Holzvorräte erlauben Langlauf-Skiläufern, sich beliebig lange in die weiße Einsamkeit zurückzuziehen.

Wer genug hat vom Eremitendasein in der Wildnis, bekommt in der Provinzhauptstadt St. Johns eine satte Dosis Kurzweil geboten. Es gibt elegante Boutiquen, Galerien und Restaurants, deren Angebot an Fisch und Meeresfrüchten schwer zu übertreffen ist. Am Abend trifft man sich in den Bars der George Street und tanzt, von einem Ale oder Irish Coffee gelockert, zu irischen Folksongs.
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