Wenn der ICE fast vier Stunden vor vereister Weiche steht

Von: Dirk Lübke, dpa
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Anhaltende Schneefälle sorgen für erhebliche Beeinträchtigungen im Straßen- und Bahnverkehr. Verwehungen und Weichenstörungen behindern den Nah- und Fernverkehr. Foto: dapd

Fallersleben. Eine Zugfahrt mit vielen Umwegen am Montagfrüh von Hannover nach Berlin. Den Block mit den Bescheinigungen für Zugverspätungen trägt er in der Jacken-Tasche, das Formular für Gelderstattungen, korrekt heißt das Fahrgastrechteschein, liegt bei Zugchef Henning Kucz im fünf Quadratmeter großen Büro direkt am Bistro-Wagen.

Vielleicht 50 Vordrucke und Formulare, sagt er, hat er ausgeben müssen, obwohl der ICE 649 von Hannover nach Berlin-Ostbahnhof seit knapp vier Stunden steht.

Kucz ist Zugchef und wartet mit seinen etwa 200 Passagieren seit 7.00 Uhr auf der Strecke zwischen Braunschweig und Wolfsburg, genauer gesagt zwei Kilometer vor Fallersleben. Der 54-jährige Mann aus Elze bei Hannover hat keinen leichten Job an diesem Montagmorgen.

Sei es wegen Schneeverwehungen, wegen vereister Weichen oder wegen nicht mehr erreichbarer Anschlusszüge oder Flüge oder vorgeschriebenen Ruhezeiten für den Lokführer, der seit 22.00 Uhr am Sonntag unterwegs ist. „Sein” ICE 649 steht, weil eine Weiche bei Fallersleben vom Schnee verweht und vereist ist. „Die Weichen sind leicht beheizt; bei solch einer Dosis Schnee und Eis wie in diesen Tagen reicht das aber nicht immer”, sagt der Zugchef, der seit 30 Jahren für die Deutsche Bahn arbeitet.

Nach der Ticketkontrolle Kuchen verkaufen

„Die Menschen sind gelassen. Sie wissen, dass wir hier im Zug nichts für diese Unannehmlichkeiten können”, sagt er der Nachrichtenagentur dapd. „Wir” - das sind Kucz und seine Mitarbeiterin Monique Woschker, welche die Fahrkarten kontrolliert und nebenbei noch Kaffee, Tee, Süßigkeiten und Kuchen im Bistro verkauft. „Weil der Zug nicht so gut gebucht ist, müssen wir das nebenbei machen. Sonst kommt dafür extra eine Crew”, berichtet der 54-Jährige.

Mit der Transportleitung in Hannover - das ist die Zentrale, von der aus die Strecken bis Göttingen, Bremen, Hamburg und eben Fallersleben koordiniert werden - steht er im ständigen telefonischen Kontakt.

Über das Smartphone erhält er immer wieder neue Daten. An diesem Montag sind es nur Daten über Zugverspätungen. Bei Verschulden der Bahn bekommen die Fahrgäste, so sagt Kucz, bei bis zu einer Stunde Verspätung 25 Prozent des Fahrpreises erstattet, 50 Prozent bei mehr als zwei Stunden Verspätung. „Das ist von der EU so festgelegt worden”, weiß Kucz.

Der Schneefall der vergangenen Tage und das daraus resultierende Wetterchaos mit Zugverspätungen und Zugausfällen könnte als „Unwetter” gewertet werden. „Bei Unwetter sind wir nicht erstattungspflichtig”, sagt Kucz. Man werde sehen.

Ausnahmesituationen werden trainiert

Zwischen zwei direkten Anfragen von Reisenden, die jeweils Flüge ab Berlin gebucht haben und sich berechtigterweise keine Hoffnungen mehr auf die Flüge machen dürfen, klingelt sein Telefon. Die Mutter ist dran und will wissen, wie es dem Sohn geht. „Wir haben Stress, ich melde mich heute Nachmittag bei Dir”, sagt er kurz angebunden und wendet sich dann wieder Fahrgästen zu.

„Wir haben auch solche Ausnahmesituationen mit vermehrten Kundenanfragen vorbereitet und in Rollenspielen trainiert.Aber die Realität ist dann doch immer anders als jedes Training vorher”, sagt der 54-Jährige.

Um genau 10.49 Uhr nach Bahn-Zeit kommt für die Reisenden die Erlösung. „Wir bewegen uns wieder”, sagt ein Fahrgast. Der ICE 649 rollt die zwei Kilometer bis Fallersleben. Außerplanmäßiger Halt, alle aussteigen. Schluss mit diesem Zug, weil die vereiste Weiche beharrlich blieb und den entscheidenden Gleiswechsel für ICE 649 unmöglich macht.

Zehn Minuten später geht es weiter mit einem anderen ICE auf einem anderen Gleis; dieser Zug hat eine Stunde Verspätung. Zugchef Kucz hat noch lange nicht Feierabend, auch wenn sein Zug Feierabend hat oder „ausgelaufen ist”, wie die Bahner sagen. „Private Planungen können meine Kollegen und ich uns in diesem Tagen abschminken”, sagt Kucz, der - wie viele seiner Kollegen - zurzeit vor allem wegen Fahrgastrechteschein und Formularblock für Zugverspätungen ein gefragter Mann ist.
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