Wanderungen und Radtouren auf Bachs Notenspur

Von: Cornelia Höhling, ddp
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Das Bach-Stammhaus in Wechmar: Bachorte und Bachfeste gibt es viele. Die meisten Menschen verbinden Bach mit Leipzig. Thüringens Bachorte geraten da leicht ins Hintertreffen. Dabei verfügt das Reiseland in der Mitte Deutschlands über die meisten authentischen Bachstätten: seine Geburtsstadt Eisenach mit Bachhaus und Taufkirche, die Traukirche in Dornheim, seine frühen Wirkungsstätten in Mühlhausen, Arnstadt und Weimar sowie die Häuser der Vorfahren in Erfurt und Wechmar. Foto: Gemeinde Guenthersleben-Wechmar/ E. Kowalski/ ddp

Arnstadt. Siegfried Neumann weiß alles über Bach - den Bach, Johann Sebastian (1685-1750). Besonders seine Jugendstreiche kann er lebendig erzählen: die Eskapaden mit der fremden Jungfer auf der Kirchenempore, den eigenmächtig verlängerten Urlaub in Lübeck und die Prügelei mit dem „Zippelfagottisten” Geyersbach in Arnstadt, wo er mit 18 Jahren seine erste Festanstellung als Organist hatte.

Wer im thüringischen Dornheim den lebhaften Schilderungen lauscht, sieht förmlich die Hochzeitsgesellschaft singend die etwa vier Kilometer aus Arnstadt durch Stoppelfelder herüberkommen. Am 17. Oktober 1707 wurde Bach in Dornheim das erste Mal getraut. Seine Braut war die vermeintlich fremde Jungfer, eine Cousine zweiten Grades, auch eine Bach - Maria Barbara Bach aus Gehren.

Ohne Siegfried Neumann gäbe es die Traukirche vermutlich nicht mehr. Das über 900 Jahre alte Gotteshaus war verfallen und wäre abgerissen worden, hätte er nicht die knapp 600 Seelen zählende Gemeinde zum freiwilligen Wiederaufbau von St. Bartholomäus animiert. 1999 konnte das Kleinod mit der barocken Innenausstattung wieder eröffnet werden.

Heute ist es als anerkannte Bachgedenkstätte nicht mehr wegzudenken. Hochzeits- und Tauftermine sind auf lange Zeit ausgebucht. Den Besuchern - es sind zig Tausende jährlich - scheint kein Weg zu weit. Sie kommen aus ganz Europa, sogar aus Japan, Indien, Mexiko, Neuseeland und den USA. Die Gewölbetonne aus Holz hat eine gute Akustik für die Orgelkonzerte. Auch Jazz wurde hier schon gespielt. „Einmal kamen 54 Posaunenfrauen”, erinnert sich Neumann. „Ich fürchtete schon, die blasen die Kirche auseinander”, erzählt er in seinem breiten thüringischen Dialekt.

Bachorte und Bachfeste gibt es viele. Die meisten Menschen verbinden Bach mit Leipzig. Hier verbrachte er die längste Zeit seines Lebens. Hier wurde die Bezeichnung Thomaskantor für ihn zum Synonym. Auch Köthen und Lüneburg sind mit dem Leben und Wirken des großen Barockmusikers verbunden.

Thüringens Bachorte geraten da leicht ins Hintertreffen. Dabei verfügt das Reiseland in der Mitte Deutschlands über die meisten authentischen Bachstätten: seine Geburtsstadt Eisenach mit Bachhaus und Taufkirche, Ohrdruf, die kleinste aller Bachstädte, wo er nach dem frühen Tod der Eltern beim Bruder Zuflucht fand und fünf Jahre zur Schule ging, die Traukirche in Dornheim, seine frühen Wirkungsstätten in Mühlhausen, Arnstadt - der ältesten Stadt Thüringens und Tor zum Thüringer Wald - und Weimar sowie die Häuser der Vorfahren in Erfurt und Wechmar, der Wiege der „Bache”. In den Thüringer Bachwochen mit einer langen Nacht der Hausmusik sind sie einmal pro Jahr vereint.

Neuerdings lassen sich die Wege der „Bache” in Thüringen per Rad erkunden. Auf der Bach-Raderlebnis-Route sind vor allem in Arnstadt, Dornheim, Wechmar und Ohrdruf Originalschauplätze und Sehenswürdigkeiten zu entdecken. Die 55 Kilometer lange Rundtour startet und endet am Arnstädter Markt, wo der junge Bach vis-à-vis dem ochsenblutroten Rathaus mit goldener Sonnenuhr hemdsärmelig auf dem Denkmal lümmelt.

Schon seit seinem 250. Todestag gibt es den Bachwanderweg, der den Spuren des Musikers von Arnstadt nach Gehren folgt, wo Bachs erste Frau 1684 geboren wurde und ihr Vater begraben liegt. Wandern und Thüringen gehören zusammen, hat es doch alle Voraussetzungen: eine abwechslungsreiche Landschaft mit Bergen bis fast 1000 Meter Höhe - der höchste Punkt auf der Bach-Rad-Erlebnisroute ist allerdings nur 490 Meter hoch - unzählige Wiesen und schier endlose Wälder, Natur- und Nationalparks und mehr als 16.000 Kilometer ausgeschilderte Wanderwege.

Kein Wunder, dass der Bachwanderweg abschnittsweise auf dem Pilgerweg oder dem Ilmtal-Radwanderweg verläuft. Seit Goethe hat keiner die Vorzüge Thüringens treffender zusammengefasst: „Wo noch in deutschen Landen findet man soviel Gutes auf so engem Fleck?” Damit meinte er sicher auch die sagenhafte Dichte an Burgen und Schlössern und die unvergleichliche architektonische und kulturelle Vielfalt.

Das Dornheimer Schloss gibt es leider nicht mehr. Aber am Ortsausgang steht seit 1863 das „Drei-Monarchen-Denkmal”. Es erinnert daran, dass sich hier unter einer Linde eine Woche nach der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 der russische Zar Alexander I., der preußische König Friedrich Wilhelm III. und der österreichische Kaiser Franz I. trafen, um die weiteren Kampfhandlungen gegen Napoleon zu koordinieren. Deshalb trägt das Wappen von Dornheim drei goldene Kronen und ein Notenband mit den Noten „b a c h”.

Indes werden die drei Glocken „d, g und h” der Bach-Traukirche weiter per Hand geläutet. Als Comic gezeichnet, wird hier die Geschichte Bachs auch für Kinder lebendig. Immer wieder ist er zu hören, der „liebe Gott der Musik”, wie der französische Komponist Claude Debussy (1862-1918) ihn ehrfurchtsvoll nannte: Konzerte, Motetten, Bachoratorium. Aber Vorsicht: Das Quodlibet Nr. 524 im Bachwerkeverzeichnis sei nicht jugendfrei, warnt Neumann. Die für die Familienfeier geschriebene fröhliche Stegreifmusik enthalte im Text eine Anspielung auf die Hochzeitsnacht.
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