Von Mooren und Menschen: Grenzenloser Wanderspaß auf dem „Hochrhöner”

Von: Martin Oversohl, dpa
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Thüringen/ Hochrhöner
Wandern mit Fernblick - der „Hochrhöner” führt zwischen Bad Salzungen in Thüringen und dem bayerischen Bad Kissingen durch das Unesco-Biosphärenreservat Rhön. Foto: dpa

Tann. Irgendwo hier muss es gewesen sein, damals. Irgendwo an dieser Landstraße müssen die Menschen Schlange gestanden haben in ihren Trabis, ungeduldig hupend vielleicht. 20 Jahre nach der Öffnung der deutsch-deutschen Grenze ist zwischen den Rhön-Dörfern Andenhausen und Theobaldshof nur noch wenig zu sehen von damals.

Verwitterte Wachtürme, ein zerfallenes Kasernenareal der früheren DDR-Grenztruppen oder Panzerplatten begleiten Wanderer auf dem Fußweg von Thüringen entlang der hessischen Landesgrenze bis hinunter in den Norden Bayerns. „Hochrhöner” heißt der rund 175 Kilometer lange „Premiumweg” durch drei Bundesländer.

Zwischen den beiden Kurorten Bad Salzungen in Thüringen und dem bayerischen Bad Kissingen erstreckt sich der 2006 eröffnete Weg durch das Unesco-Biosphärenreservat Rhön. Während die ersten und die letzten Etappen in beide Richtungen ohne Alternative gelaufen werden, kann man von Kissingen kommend entscheiden, welche Strecke es sein soll: Die eine führt über die Basalthügel der Kuppenrhön und die Wasserkuppe in Hessen. Vom baumlosen Gipfel aus schweben Segelflieger ins Tal. Hier findet sich auch die US-Radarstation, der „Point Alpha”, ein Relikt des Kalten Krieges.

Die östliche Route zieht sich einige Kilometer kürzer über das Plateau der Langen Rhön und bringt den Wanderer durch das Rote und Schwarze Moor und über den mehr als 800 Meter hohen Ellenbogen. In der Nähe von Tann, dem einstigen deutsch-deutschen Grenzort, kommen beide Wege zusammen, um schließlich um den Katzenstein herum und auf den Gipfel des Pleß hinauf nach Bad Salzungen zu führen. Verbunden werden die Etappen immer wieder durch Zubringer, die es qualitativ mit dem Hauptweg aufnehmen können.

„Die beliebteste Variante ist aber die normale Hochrhön-Runde durch das Herz der Rhön über die Ost- und Westroute, also ohne die Abstecher in die Kurorte”, verrät Geerd Müller vom Tourist-Infozentrum Rhön. Auf diese Weise kommt der Wanderer auch an seinem Anfangspunkt wieder raus - und vermeidet so das große Manko dieses Wegs: An Wochenenden und Feiertagen fahren weder Busse noch Bahnen durch die Orte der Rhön. Wanderer auf dem Hochrhöner sind gezwungen, per Anhalter zu fahren, wollen sie nur einige Etappen laufen. Als Rundwege, die von einem Wanderparkplatz beginnen und als Halbtages- oder Tagestouren erwandert werden können, stehen 20 Extratouren zu Wahl.

In der Rhön lädt die jahrhundertealte Brautradition des Franziskanerklosters auf dem Kreuzberg ebenso ein wie die Wasserkuppe und der sagenumwobene Felsrücken der Milseburg, an deren Fuß bereits die Kelten eine mächtige Wallanlage errichteten. Aber wer möglichst viele Sehenswürdigkeiten entlang des Weges sucht, für den gibt es geeignetere Gebiete. Die wahren Attraktionen des Vulkangebiets sind naturgemacht: der fortwährende Blick auf die sanften Kegel und Kuppen, der Gang über die weiten Borstgraswiesen und durch die größten Buchenwälder Mitteleuropas, die einsamen Hochflächen und dunklen Hochmoore.

Mit einer durchschnittlichen Kondition lässt sich der Hochrhöner in einer anstrengenden Woche oder in neun bis zehn gemütlicheren Tagen erwandern. Steile Auf- oder Abstiege halten sich in Grenzen. Zu den Voraussetzungen für das begehrte Zertifikat „Premiumweg” gehören möglichst naturbelassene Wege. „Also Waldboden oder Wiesenwege”, erklärt Tourismus-Experte Geerd Müller. „Außerdem wenig bis gar kein Teer und grobschottige Wege.” Die „Premiumwanderwege”, von denen es bisher erst eine Hand voll in Deutschland gibt, sollten auch nicht an großen Straßen entlang führen und hier und dort zum Rasten einladen.

Pensionen, Hotels und kleine Waldhütten des Wandervereins „Rhönklub” entlang des Hochrhöners gibt es ausreichend, noch dazu in guter Preislage. Auf regionale Küche wird Wert gelegt, oft und gern mit Fleischbeilage, zum Beispiel vom einst vom Aussterben bedrohten Rhönschaf, das Wappentier der Region mit seinem schwarzen Kopf.

An die gemeinsame Vergangenheit der deutsch-deutschen Grenze wollen die Tourismusexperten offensichtlich nicht so gerne erinnert werden. Kaum ein Schild widmet sich der mehr als vier Jahrzehnte währenden Trennung, die gerade in dieser Region so tiefe Spuren hinterlassen hat. Vor allem zwischen Tann und Bad Salzungen passiert der Hochrhöner verlassene Wachtürme der DDR-Grenztruppen und Plattenwege. Hinter Stacheldraht verfällt der Stützpunkt einer Kompanie der Volksarmee, und immer noch schneidet sich der frühere Grenzstreifen durch die Wälder.

Dabei könnte der Tourismusverband die Geschichte als Pfund nutzen: Denn mit ihr verbindet sich mehr als nicht nur die Erinnerung an Passierscheine für abgelegene Dörfer, geschliffene Siedlungen und die übergroßen Felder und Äcker der Genossenschaften. „Es soll in unserem Konzept darüber hinweggesehen werden, dass man über Ländergrenzen läuft”, erklärt Geerd Müller. „Der Hochrhöner ist ein grenzenloser Weg.”

Es gibt aber auch Geschichten, an die zum Beispiel im Museum von Tann erinnert wird: Drei Wochen nach dem Fall der Mauer durften rund 300 Menschen aus dem Osten die Grenze überqueren, um in einer Kneipe im benachbarten westlichen Theobaldshof ein Wiedersehen zu feiern. Sie gaben den Grenzern ihr Ehrenwort zurückzukommen - und bis Mitternacht waren alle wieder zu Hause. Der damalige Grenzer leitet heute die Tourismus-Information in Tann.

Weitere Informationen: Rhön-Info-Zentrum, Wasserkuppe 1, 36129 Gersfeld (Tel.: 06654/91 83 40, E-Mail: tourismus@rhoen.de); Tourist-Information Rhön, Spörleinstraße 11, 97616 Bad Neustadt/Saale (Tel.: 09771/94 670, E-Mail: tourist@rhoen-grabfeld.de); Rhönforum e.V., Marktplatz 29, 36419 Geisa (Tel.: 036967/594 82, E-Mail: info@thueringerrhoen.de); Tourist-Infozentrum-Rhön, Rhönstraße 97, 97772 Wildflecken (Tel.: 09749/912 20, E-Mail: tourismus@info-rhoen-saale.de).
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