Gap - „Über den Wolken” gilt hier nicht: Die Provence im freien Fall

„Über den Wolken” gilt hier nicht: Die Provence im freien Fall

Von: Alexander Brüggemann , kna
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Gap. Von hier sind es noch acht Minuten in die Provence - oder eineinhalb, wenn der Fallschirm sich nicht öffnet. Der Höhenmesser an Raphaels Handgelenk steht auf 3800 Meter. „Mach dich fertig!”

Die Pilatus Porter, das lärmige Schweizer Transportflugzeug, öffnet ihre Tür. Und dann geht alles ganz ganz schnell. Routiniert lassen sich sechs tollkühne Männer rücklings in die Tiefe purzeln. Einer nach dem anderen saust aus dem Blickfeld. Einer winkt, übermütig und in Zeitlupe, bevor er wie von einer unsichtbaren Kraft nach unten gerissen wird. Und dann sind nur noch zwei übrig: Raphael Coudray, früherer Weltmeister im „Freien Flug”, und sein Sozius auf „Jungfernflug”.

Ein kleiner Hopser ins Nichts, und das ist es also: der „freie Fall”. Ein unkontrolliertes Taumeln erst, ein paar Drehungen, dann nur noch diese braungrüne Erde da unten - und die Geschwindigkeit. Über 200 Stundenkilometer Fahrtwind reißen am T-Shirt, an der Brille. Und eine sichere Erwartung ist schon enttäuscht: Die Angst, dass der Schirm sich nicht öffnet, sie bleibt aus. Keine 50 Sekunden Bangen - nein, 50 Sekunden ein Gefühl größter Freiheit. Drei Kilometer in weniger als einer Minute, dann der Weckruf von hinten: ein Klaps auf die Schulter. Die Bauchmuskeln angespannt, ein furchtbarer Ruck: Der Lebensretter schirmt vorschriftsgemäß bei 800 Metern.

Nun gehören die schneebedeckten Berge ringsum uns - zumindest für die nächsten sieben Minuten: der Vieux Chaillol, der Mourre Froid oder die Tete de Vautisse. Die Provence - schon auf der Erde wähnt sich hier mancher wie im Himmel. Und über den Wolken - wenn es denn mal welche gibt - liegt ein weiteres Paradies: für Flugsportler. Die bevorzugte Wetterlage mit amtlich 300 Sonnentagen im Jahr und die besondere Thermik der Region sorgen für optimale Bedingungen. Zudem ist man hier in den höheren Lagen vor den starken örtlichen Winden, etwa dem legendären Mistral aus dem Rhonetal, durch das Relief des Naturparks Ecrins gut geschützt.

Die vier Flugsportzentren des Departements Alpes-de-Haute-Provence bieten alles, was das Herz begehrt: Von Februar bis November Fallschirmspringen, dazu Segelflug, Paragliding und Drachenfliegen, Helikopter, Heißluftballon und Ultraleichtflugzeug. Geeigneter Ausgangspunkt aller Aktivitäten ist Gap, die gemächliche Departement-Hauptstadt mit ihren 37.800 Einwohnern. Mit rund 740 Metern über dem Meeresspiegel rühmt sich der Ort, die höchstgelegene „Metropole” Frankreichs zu sein. Rund um das Städtchen führen fast ebenerdig 45 Kilometer Radweg - ideal für kleine Natur-Touren mit dem Mountainbike am Treffpunkt von mediterranem und alpinem Klima, das eine ganz besondere Pflanzenwelt hervorbringt.

Oder eben einem Ritt durch die Lüfte. Wie beim Gleitschirmfliegen in Orcieres-Merlette, einer kleinen Gemeinde inmitten des Naturparks Ecrins, umgeben von über einem Dutzend Drei- und Viertausendern. Hier bekommt der Flieger-Frischling einen ganz unmittelbaren Eindruck von der majestätischen Bergwelt der Seealpen. Bei guten Bedingungen steigt der Schirm bis über den höchsten Gipfel der Region, die Barre des Ecrins mit 4.102 Metern, berichtet Fluglehrer Jean-Michel Herard abgebrüht. Im Winter sei auch der Flug mit Skiern und anschließender Abfahrt möglich.

Für Profi-„Parapentistes” dauert der Flug an guten Tagen vier bis fünf Stunden - und bis zu 140 Kilometer weit nach Chamonix. Heute, beim Tandemsprung und nur mäßigem Wind, reicht es voraussichtlich für elf Minuten. Absolute Stille, dann das Pfeifen eines Murmeltiers; eine Biene summt. Irgendwann raschelt der Gleitschirm, bläht sich auf. Jetzt gegenhalten, immer gegenhalten - und gehen.

Gehen, bis der Boden unter den Füßen verschwindet. Langsam und lautlos gleitet das Gefährt vor die gegenüberliegende Kulisse eines Dreitausenders. Nach viel zu kurzer Zeit die Landung auf nur noch 1300 Metern - und ein Merkspruch des Profis: Dicke fliegen in der Provence am besten abends, da gibt es den besseren Auftrieb.
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