Taucher und Ruinen: Duisburgs überraschende Seiten

Von: Christoph Driessen, dpa
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Brücken, Taucher und Ruinen: Duisburgs überraschende Seiten
Alte Industrieanlagen als Sehenswürdigkeiten: Der Landschaftspark Duisburg-Nord auf dem Gelände eines stillgelegten Hüttenwerks ist für Besucher frei zugänglich. Foto: Duisburg Marketing/Thomas Berns

Duisburg. Hohe Arbeitslosigkeit, Bauskandale und die Loveparade-Katastrophe haben nicht gerade dazu beigetragen, Duisburgs Image zu verbessern. Gerade deshalb kann man bei einem Besuch eigentlich nur positiv überrascht werden.

Duisburg lässt Träume wahr werden, bizarre Träume jedenfalls. Man stelle sich vor, man steht in einer riesigen Coladose und blickt bei schummriger Beleuchtung von oben in die tiefschwarze Flüssigkeit. Plötzlich steigen Luftblasen auf. Erst nur einige, dann ein ganzer Strahl. Ein gelbliches Licht nähert sich, wird größer, durchbricht die Wasseroberfläche. Da ist einer aus der Tiefe emporgestiegen, mit Maske, Helm, Lungenautomat und Flossen. Es ist ein Taucher, na klar, aber in dieser Umgebung wirkt er nicht so, sondern eher wie ein zusammenfantasiertes Mischwesen.

In Duisburg gibt es immer wieder Orte, die man zunächst nicht zuordnen könnte, wenn man mit verbundenen Augen dorthin geführt würde. In der Coladose zum Beispiel könnte man schwerlich erraten, dass man sich im Inneren eines Gasometers befindet. Mit 45 Metern Durchmesser und 13 Metern Tiefe ist es das größte Indoor-Tauchbecken Europas. Der Taucher ist ein Holländer, angereist aus Utrecht, um hier auf dem Boden der gigantischen Dose ein versenktes Schiffswrack zu durchkämmen.

Der Gasometer ist Teil des Landschaftsparks Duisburg-Nord auf dem Gelände eines stillgelegten Hüttenwerks. Die gewaltige Industrieanlage ist zu jeder Tages- und Jahreszeit beeindruckend. Schornsteine hoch wie Kathedralentürme entsteigen einem Gewirr von Verstrebungen und Rohren. Schwer zu glauben, dass diese verknoteten Leitungen wirklich alle mal eine technische Funktion erfüllten und nicht etwa unter ästhetischen Gesichtspunkten angelegt wurden.

Das gesamte Werk ist frei zugänglich. Man kommt sich vor, als besichtige man die Ruinen einer untergegangenen Kultur. Überall erobert sich die Natur den Raum zurück, überwuchert Mauern und Brachflächen. Der weite Ausblick über Duisburg von der 70 Meter hohen Spitze des einstigen Hochofens 5 ist geradezu niederschmetternd grün - weit über 100.000 Arbeitsplätze sind hier verschwunden. Viele Feuer sind erloschen, viele Räder stehen still. In dieser Hinsicht ist das Hüttenwerk ein Maya-Tempel des Industriezeitalters.

Begeht man die Anlage mit einem Ingenieur, der all die verrosteten und verwitterten Teile benennen kann, so wird es mit einem Mal poetisch. Da ist dann vom Geweih und von der Glockenbühne die Rede, von Möllertaschen, Muschelschiebern, Zyklonen und dem Toten Mann: einer Totzone im Hochofen, in der sich früher, als er noch in Betrieb war, Koks und Eisen ansammelte. Wie ohrenbetäubend laut muss es hier damals gewesen sein! Jetzt hört man nur den Wind und das ferne Rauschen der Autobahn. In der Luft kreisen verwilderte Tauben.

Kaum eine deutsche Stadt hat einen so ramponierten Ruf wie Duisburg. Hohe Arbeitslosigkeit, Bauskandale und vor allem die Loveparade-Katastrophe prägten in den vergangenen Jahren die Schlagzeilen. Dies hat immerhin zur Folge, dass man bei einem Besuch nur positiv überrascht werden kann - die Erwartungen sind denkbar niedrig.

In jedem Fall ist Duisburg eine Ruhrgebietsstadt wie keine andere, denn sie liegt am Wasser. Das Wasser ist nahezu allgegenwärtig: Fährt man mit dem Auto von Westen kommend Richtung Innenstadt, sind da überall Kanäle, Hafenbecken, Schleusen und Brücken. Die Brücken sind ein Fall für sich: Selbst schmale Wasserläufe werden von mächtigen Konstruktionen überspannt, so als gäbe es Eisen und Stahl an diesem größten deutschen Produktionsort im Überfluss.

Duisburg ist zudem die Ruhrgebietsstadt mit den größten Kontrasten. Nirgendwo sonst sind Schwerindustrie und ländliche Idylle so dicht beieinander. Trotz aller Schließungen gibt es am Rhein ja nach wie vor die klassische Kohlenpott-Kulisse. Direkt davor aber liegen beschauliche Flussufer, Fachwerkhäuser und verschwiegene Buchten voller Segelboote.

Am Besten parkt man am Deutschen Binnenschifffahrtsmuseum in Ruhrort und macht sich dann zu Fuß auf den Weg. Rechterhand ist alles niederrheinische Tiefebene mit endlosen Wiesen und der nie abreißenden Prozession der Frachtschiffe. Linkerhand erhebt sich auf der anderen Rheinseite das Hamborner Industrie-Panorama der qualmenden Schlote und Feuer speienden Öfen. Diese Skyline in der Abenddämmerung ist Duisburgs größtes Spektakel.

Für den Regisseur Hajo Gies (66), Miterfinder des Duisburger Schmuddel-Kommissars Schimanski, ist es immer eine magische Erinnerung geblieben, wie er als Kind seine Oma im Ruhrgebiet besuchte und dann mitten in der Nacht vom Abfackelungsleuchten geweckt wurde: „Da wurde dann das ganze Zimmer rot, was sehr geheimnisvoll war.” Eben so sollte 1981 auch der allererste Schimanski-Tatort „Duisburg-Ruhrort” beginnen: „Da wollte ich die Abfackelung zeigen. Aber die wussten damals, dass wir drauf warteten, und haben das dann nicht gemacht. Die dachten, das gibt ein schlechtes Image für Duisburg.”

Schon damals wollte Duisburg weg vom Schmuddel-Image, und heute will es das noch dringlicher. Am Innenhafen im Stadtzentrum präsentiert sich die Halbmillionen-Stadt so, wie sie sich gern sähe: glitzernd, hipp und vor allem pieksauber. Ein paar hundert Meter lang sieht Duisburg dort aus wie Hamburg - es dominieren Jachthäfen und umgebaute Speicher. Aber schon direkt dahinter stehen in der Einkaufszone viele Läden leer.

Duisburg ist eine raue Stadt mit großen Problemen. Aber auch ihr Potenzial ist unverkennbar: die landschaftlich so reizvolle Lage am Zusammenfluss von Rhein und Ruhr, der „größte Binnenhafen Europas”, die monumentale Industriearchitektur. Es ist eine Stadt, die man unbedingt wieder besuchen will. Vielleicht nicht schon nächstes oder übernächstes Jahr. Aber in zehn Jahren. Um dann zu sehen, was aus ihr geworden ist.
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