Szeneviertel und moderne Kunst: Århus ist Dänemarks jüngste Stadt

Von: Andreas Heimann, dpa
Letzte Aktualisierung:
Arhus ist Dänemarks jüngste Stadt
Ein kleiner Junge, aber ein riesengroßer: „Boy”, eine Arbeit des Australiers Ron Muecks im Kunstmeuseum ARoS, misst fünf Meter. Foto: dpa

Århus. Großstädte in Dänemark? Da denken die meisten an Kopenhagen und kommen danach ins Stocken. Die Hauptstadt ist so klar die Nummer eins, dass viele Touristen gar nicht wissen, dass es noch ein paar mehr gibt. Die klare Nummer zwei ist Århus.

Königin Margarethe hat hier ein Schloss, Kronprinz Frederik hat in Århus studiert. Und für Touristen, gibt es mehr als genug zu sehen - gerade für solche, die von Kopenhagen genug haben.

Eine Boomstadt ist Århus schon lange und zumindest auf Jütland die Nummer eins: In dem halben Jahrhundert bis 1909 verzehnfachte sie ihre Einwohnerzahl. Vor genau 100 Jahren bekam Århus den Zuschlag für die „Landesaustellung”, eine Art Expo auf Dänisch. Das gab noch einmal einen Schub. Bald danach wurde Århus die zweitgrößte Stadt des Landes - und ist es noch heute. Auch die Uni ist mit 35 000 Studenten die zweitgrößte Dänemarks.

Das hat dazu beigetragen, dass Århus aus dem Dornröschenschlaf geweckt wurde und nun die dänische Großstadt mit den im Schnitt jüngsten Einwohnern ist. Annette Weyer kann sich noch gut an die Zeiten davor erinnern, als sie 1976 aus Berlin nach Århus gezogen ist: „Damals war es ganz anders. Abends wusste man oft nicht, wo man hingehen konnte”, erzählt sie bei einer Führung durch das Latinerkvarter, dem hippsten Viertel der Stadt.

In der Vestergade reihen sich Cafés und Galerien aneinander. Etliche Mode-Designer sind hier zu Hause. An einer Hausfront ist das berühmte „Atomkraft - Nein danke”-Symbol zu sehen, der Kreis mit der roten Sonne, den auch in Deutschland Tausende von Atomkraftgegnern ans Auto oder an die WG-Tür klebten. „Aber das ist das Original”, sagt Annette Weyer. „Das Zeichen ist hier in Århus erfunden worden.” Atomkraft hat im Latinerkvater noch immer keinen guten Klang, Fahrradfahren schon.

Ansehnlich renovierte Fachwerkhäuser finden sich hier, Schmuckläden und Kunsthandwerk wie die Glasbläserei von Mette Bülow Duus. Im Ofen wird gerade Glas geschmolzen. In den Regalen stehen formschöne Vasen in kräftigem Gelb oder Blau und Schalen mit Ständern, die sich lianengleich umeinander winden. Das ist typisch für dänisches Design - chic, schlicht und ein bisschen anders - und passt perfekt ins Latinerkvater. Genau wie die „Svieneriet”, ein Restaurant ein paar Minuten entfernt. Das Haus liegt in einem Innenhof, schräg gegenüber von einem New-Age-Musik-Shop.

Die Wände sind hier mit Graffiti übersät. Es sieht aus, wie in Berlin im Prenzlauer Berg, bevor die arrivierten Doppelverdiener kamen. Die Einrichtung des Restaurants ist gemütlich bis gediegen, die Preise sind wie im Prenzlauer Berg, seit die Doppelverdiener da sind. Das Berliner Szeneviertel wirkt in mancher Hinsicht wie ein Vorbild für das Latinerkvater: „Hier schmecken die Croissants so gut wie im Prenzlauer Berg”, wirbt ein Café in der Lynfabrikken.

In dem ehemaligen Fabrikgebäude ist das obere Stockwerk zu einer großen, hellen Etage mit breiter Fensterfront geworden. Man kann hier das ein oder andere kaufen - Taschen des Schweizer Szene-Labels Freitag zum Beispiel - oder nur Latte Macchiato trinken. An den Tischen aus hellem Holz sitzen etliche Mittzwanziger vor ihren Notebooks, einige mit Kopfhörern zum Musikhören.

Ein bisschen avantgardistisch war Århus schon immer. Das zeigt auch das Anfang der 1940er Jahre eingeweihte Rathaus. Der Entwurf stammt von Arne Jacobsen, heute der dänische Designer schlechthin. Damals hatte er mit Vorbehalten der Bürger von Århus zu kämpfen, die ihn nötigten, seinem Bau einen Turm hinzuzufügen. Seit 1984 steht das Gebäude unter Denkmalschutz. Viele Besucher gucken mal rein, manche auch nur, um zu sehen, wo Hosea Che Dutschke arbeitet, der Sohn von Rudi Dutschke, der bei der Stadtverwaltung beschäftigt ist.

Im Erdgeschoss gibt es ein Trinkwasserbecken, Aschenbecher und Klingelknöpfe nach Jacobsens Ideen. Jede Etage hat eine Uhr, jede anders im Design. Auch der Fahrstuhl ist von Jacobsen entworfen - innen mit Mahagoni aus Kuba. Oben im neunten Stock kann man die Stadt überblicken: Den Hafen, wo eben eine Fähre nach Seeland ablegt, die Kräne und Container, die Straßen und Dächer der Stadt.

Immer noch ziemlich Avantgarde ist das neue Kunstmuseum ARoS: Von außen ist es ein massiver roter Block, von innen hell und so hoch, dass der Blick nach oben unterwegs irgendwo hängenbleibt. Das Kunstmuseum liegt auf dem Weg in die Innenstadt oder besser noch: Der Weg führt mitten durchs Museum hindurch. Die Halle im Erdgeschoss wird ständig von Leuten durchquert, die gerade gar keine Zeit für Kunst haben. „Wir sind offen für jeden”, erklärt die Kunsthistorikerin Marta Freud Abildgaard. ARoS will kein abgelegener Kunsttempel sein, sondern ein Stück Alltag.

Die Sammlung ist alles andere als alltäglich: Ganz unten gibt es zeitgenössische Kunst, darüber Moderne, oben die Maler aus Dänemark von 1770 bis 1930. Auf dem Dach wird noch gebaut: Dort entsteht ein Kunstwerk von Ólafur Elíasson, ein Ring aus Glas in den Farben des Regenbogens. Die Installation hoch über der Stadt ist schon aus statischen Gründen eine Herausforderung. Besucher im ARoS planen besser mehr als einen halben Tag ein. Gut, die Porträts bürgerlicher Familien oder die Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts müssen einen nicht mitreißen. Aber ARoS hat viel mehr zu bieten: In fünf Meter hohen Räumen hängen Ikonen der modernen Kunst von Andy Warhol bis Robert Rauschenberg.

Es gibt Hingucker wie Björn Nörgaards Arbeit „Pferde-Opfer” von 1970, für das der Künstler ein Pferd geschlachtet und die Einzelteile in 112 Gläsern konserviert hat. Das Zerlegen wird als Video gezeigt - das schockt noch immer. Aber auch Videoinstallationen jüngeren Datums gibt es etliche - allein für sie bringen Besucher besser etwas Zeit mit. Der Hingucker schlechthin ist „Boy”, eine Arbeit des Australiers Ron Muecks: Es ist ein kleiner Junge, aber ein riesengroßer: fünf Meter von den Fußspitzen bis zu den an den Kopf gehaltenen Händen.

Dabei sitzt er in der Hocke. Auch so zieht er die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich, die über den Dreck an seinen Fußnägeln staunen oder über die Linien seiner Haut. Ob er nur verschüchtert guckt oder sogar lächelt wie Mona Lisa, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Kultur bis Mitternacht in dänischen Großstädten

In Kopenhagen, Århus und Aalborg gibt es am 9. Oktober Kultur bis Mitternacht. Museen, Kirchen, Theater, Galerien und Buchhandlungen bleiben bis 24.00 Uhr geöffnet, einige sogar noch länger. Konzerte oder Ausstellungen lassen sich dann in nächtlicher Atmosphäre noch einmal ganz anders erleben. Hinzu kommt die Möglichkeit, bei der „Kulturnatten” den ein oder anderen dänischen Schriftsteller oder Schauspieler kennenzulernen, wie das dänische Fremdenverkehrsbüro Visit Denmark in Hamburg mitteilt.

In allen drei dänischen Großstädten gibt es jeweils einen „Pass für die Kulturnacht”, mit dem der freie Eintritt zu allen Veranstaltungen und in alle Kultureinrichtungen möglich ist. Er kostet in Kopenhagen umgerechnet 11,50, in Århus 8 und in Aalborg 7 Euro. In Århus und Kopenhagen gilt er gleichzeitig als Fahrschein für den öffentlichen Nahverkehr. Erhältlich sind die „Kulturnacht-Pässe” unter anderem in den Tourist Informationen. Dort gibt es auch kostenlose Programmhefte.

Informationen: VisitDenmark, Glockengießerwall 2, 20095 Hamburg (Tel.: 01805/32 64 63 für 14 Cent/Minute).

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert