St. Moritz: Champagner auf der Spitze der Welt

Von: Bernhard Krieger, dpa
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Wintersport in St. Moritz
Aufsteig auf den Piz Palü: Abseits des Society-Rummels ist St. Moritz für viele weiterhin eines der schönsten Skigebiete der Welt. Foto: swiss-image.ch/dpa

St. Moritz. Teure Sportwagen, Kaviar- und Champagner-Gelage in Luxushotels, reiche Herren mit schönen Damen, und sogar die Ski-Lehrerinnen fahren in Prada-Jacken. Im Winter erfüllt St. Moritz als Bühne der Eitelkeiten alle Klischees einer internationalen Jetset-Hochburg.

Dann bezeichnet sich der Schweizer Nobelskiort selbst als „Top of the World”, als Spitze der Welt. Das kann man überheblich finden oder aber zutreffend: Denn unabhängig von dem Schaulaufen der High Society ist der Ort im Oberengadin für viele tatsächlich das schönste Wintersportgebiet der Welt.

Mächtige Bergmassive fassen das 57 Kilometer lange Hochtal auf der Südseite der Graubündner Alpen ein. Diese Kombination von Weite und spektakulären Gipfeln wie dem 4049 Meter hohen Piz Bernina sind so außergewöhnlich wie das trocken-kalte, aber sonnige Klima. Italien ist nur einen Katzensprung entfernt. Das beschert dem auf 1800 Metern Höhe gelegenen Kurbad durchschnittlich 322 Sonnentage im Jahr.

Zum Glück, denn die Pisten auf den beiden rund 3000 Meter hohen Hausbergen Corviglia und Corvatsch liegen fast alle oberhalb der Baumgrenze. Schlechtes Wetter bedeutet Blindflug. Und der macht keine Freude, auch nicht auf den mit Schweizer Präzision präparierten und von modernsten Liften erschlossenen Pisten. Voll sind diese selten. „Nur 40 Prozent der Gäste in der Hauptsaison gehen überhaupt zum Skilaufen”, erzählt Skilehrerin Susi Wiprächtiger.

So hat man auf den enorm breiten Abfahrten auf der Corviglia viel Platz und Muße - vor allem auf der neuen „Chill Out”-Piste. Hier kann man besonders lässig dahingleiten und sich zwischendurch mal auf einer der Sessellift-Bänke ausruhen und das Panorama bewundern: Der Blick schweift über die Villen der Guccis, Agnellis und Heinekens hinüber zum schiefen Kirchturm von St. Moritz und zum St. Moritzer See, auf dem das Pferderennen „White Turf” und das Winterpolo ausgetragen werden.

Das seien „zwei der gesellschaftlichen Highlights neben dem jährlichen Skiweltcup und den Rennen auf der ältesten und mittlerweile einzigen Naturbobbahn der Welt”, sagt Christian Meili, ehemaliger Weltklasse-Bobpilot. Mutige können mit ihm im Taxi-Bob mitfahren - oder sich allein bäuchlings auf einem Schlitten liegend den legendären „Cresta Run” hinunterstürzen.

„Gefährlich ist das nicht”, beruhigt Meili. Anders als die halsbrecherischen Versuche einiger Briten, die 1898 hier den ersten Bobclub der Welt gründeten, dessen Präsident seit 1969 Vorzeige-Lebemann Gunter Sachs ist.

Die Corviglia ist der Genießerberg von St. Moritz, hier tummelt sich auch der Jetset, der für ein Gläschen „Delamain Le Voyage Cognac” in einem der Luxushotels bis zu 4200 Schweizer Franken (umgerechnet rund 3200 Euro) zahlt. Die finanzkräftigen Gäste sind vor allem bei Reto Mathis zu finden, der in der Bergstation der Gondelbahn auf 2468 Metern das höchstgelegene Feinschmeckerrestaurant Europas betreibt.

„Wir sind schon bekannt für unsere Trüffel- und Kaviar-Spezialitäten, haben aber auch innovative und ganz bodenständige Dinge auf der Karte”, erzählt der charismatische Mathis. Vor seiner Sonnenterrasse, auf der gerade mal wieder Champagner nachgeschenkt wird, stecken nicht irgendwelche Ski im Schnee. Da blitzen Edelski wie die der Graubündener Manufaktur „Zai” in der Sonne, das Paar für stolze 5000 Franken.

Auf dem Corvatsch-Gletscher gegenüber sind solche Nobel-Ski seltener. Hier heißen die Ski „Wild One”, „Monster” oder „Peak”. Ihre sportlichen Besitzer gleiten mit ihnen über Tiefschneehänge und Steilpisten. Statt Skiklamotten von Nobeldesignern wie dem Wahl-St.- Moritzer Willy Bogner trägt man hier lieber so etwas wie „Arcteryx”. Die kanadische Hightech-Skikleidung finden Freerider cool, der Haute Volée aber ist sie an der Schneebar nicht auffällig genug.

Verglichen mit der eher sanften Corviglia ist der 3451 Meter hohe Corvatsch der anspruchsvollere und spektakulärere Berg. Auch der Blick in den sogenannten „Festsaal der Alpen” ist atemberaubend: Piz Bernina, Piz Palü, Monte Rosa und Matterhorn.

Ebenso beeindruckend ist die vier Kilometer lange Hahnenseeabfahrt. Sie endet gleich hinter dem Kempinski Grand Hotel des Bains neben der Mauritius-Quelle, nach der St. Moritz benannt ist. In dem Luxus-Hotel kocht der Deutsche Mattias Roock. Der jüngste in der Riege der Engadiner Star-Köche hat für seine drei Feinschmecker-Restaurants insgesamt 43-Gault Millau-Punkte eingeheimst.

Mit seinen Alpen-Tapas, vielen kleinen Portionen von Bio-Produkten aus der Region, trumpft er in der „Enoteca” im Grand Hotel auf. Roock will in seinen Gerichten die Region mit ihren italienischen und alpenländischen Einflüssen widerspiegeln.

Unverfälscht engadinisch wird im „Dorta” gekocht. Auf der Speisenkarte stehen „Capuns Sursilvans”, gefüllte Mangoldblätter, und „Maluns”, geriebene Kartoffeln mit Bergkäse. Das Restaurant befindet sich in einem der ältesten Bauernhäuser des Engadin.

Nur knapp 20 Kilometer von Mattias Roocks Grand-Hotel-Restaurant entfernt, fühlt man sich in der urigen Arvenstube ins Mittelalter zurückversetzt, als das Engadin noch bitterarm war. Hier wird auch die rätoromanische Kultur und Sprache noch viel stärker gepflegt als in St. Moritz, wo viele Ausländer eine Zweitwohnung gekauft haben.

Zuoz ist eines der Dörfer, die man am schönsten über die Loipen durch das sanft gewellte Oberengadin erreicht. Über 200 Kilometer ziehen sie sich durch eines der schönsten Langlauf-Gebiete der Welt. Erschöpfte Langläufer steigen einfach am nächsten Bahnhof in die Rhätische Bahn.

Sie bedient mit ihrem zum Unesco-Weltkulturerbe ernannten Bernina-Express die mit 55 Tunneln und 196 Brücken spektakulärste Eisenbahnstrecke Europas. Mit ihrer Anbindung an die Nachtzüge aus Deutschland ist die Rhätische Bahn auch die beste Wahl für die Anreise nach St. Moritz.

Die roten Züge fahren durch die Dörfer, Wälder, Wiesen und Schluchten des Engadin. Bereits 1903 eröffnete die Rhätische Bahn die Albula-Strecke bis St. Moritz und gab dem jungen Wintertourismus damit einen enormen Schub. Der Hotelier Johannes Badrutt hatte ihn 1864 „erfunden”. Damals wettete er mit seinen englischen Sommergästen, dass es im Winter in St. Moritz noch viel schöner sei. Sollten sie nicht zufrieden sein, erstatte er ihnen die Reisekosten.

Noch skeptisch, reisten die Engländer zu Weihnachten an. Sie blieben bis Ostern und berichteten in der Heimat überschwänglich vom Engadiner Wintermärchen. Danach gab es kein Halten mehr: Winter für Winter folgten mehr reiche Briten den Pionieren.

Bis heute halten die Gäste von der Insel dem Engadin die Treue. Da wundert es nicht, dass ausgerechnet der St. Moritzer Claudio Bernasconi im Keller seines Waldhauses am See die größte Whisky-Sammlung der Welt hütet. 2500 verschiedene Whisky-Sorten schenkt er in seiner legendären Bar aus.

Die Briten brachten vielen St. Moritzern Wohlstand - und neue Ideen. So entstand in St. Moritz nicht nur die erste Bobbahn der Welt, sondern auch der erste Skilift und die erste Skischule der Schweiz. Hier gab es das erste Wintersportrennen der Alpen und das erste Pferderennen auf Schnee. Und gleich zweimal, 1928 und 1948, traf sich die sportliche Jugend der Welt zu Olympischen Winterspielen in St. Moritz. Die Schönen und Reichen der Welt kommen jeden Winter.

Informationen: Engadin St. Moritz, Via San Gian 3, CH-7500 St. Moritz, Telefon 0041 818300001. Schweiz Tourismus, Rossmarkt 23, 60311 Frankfurt/Main, Telefon 0049 6925600130
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