Spaziergang durch die Eizeit: Das Schwarze Moor in der bayerischen Rhön

Von: Stefan Robert Weißenborn, ddp
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schwarzes moor / rhön
Das Schwarze Moor im bayerischen Teil der Rhön, jenem Mittelgebirge, das sich unter dem passenden Namen „Land der offenen Fernen” im Dreiländereck Hessens, Thüringens und Bayerns erstreckt, ist - wie es sich für ein Moor gehört - undurchdringbar und mystisch. Es liegt wohl an der bis zu acht Meter dicken Torfschicht. Foto: ddp

Oberelsbach. Ende der 40er Jahre zogen sie eine Moorleiche aus dem Sumpf. „Der Körper war konserviert”, sagt Michael Geier. Um ihn zu untersuchen, wurde der gut erhaltene Tote in die Anatomie in Würzburg gebracht.

Doch Geier, dem Leiter der bayerischen Verwaltungsstelle des Biosphärenreservats Rhön, zufolge, konnte nie herausgefunden werden, wer der Mann war. Nur Mutmaßungen gab es: Dass er in den Wirren der Kriege in dem Moor sein Grab gefunden habe. Das Schwarze Moor im bayerischen Teil der Rhön, jenem Mittelgebirge, das sich unter dem passenden Namen „Land der offenen Fernen” im Dreiländereck Hessens, Thüringens und Bayerns erstreckt, ist - wie es sich für ein Moor gehört - undurchdringbar und mystisch. Es liegt wohl an der bis zu acht Meter dicken Torfschicht.

Auch Geier, von Berufs wegen eher nüchtern veranlagt, findet: „So eine Landschaft hat schon etwas Geheimnisvolles”, sagt er und blickt über das braune Stückchen Erde mit seinem windschiefen Krüppelbewuchs, dem die beginnende Heideblüte den ersten Hauch Rosa verleiht. Die Sonne scheint. Doch 200 Tage im Jahr liegt das Moor im Nebel. Dann ragen oft nur die Äste der hutzeligen Bäume aus dem grauen Nichts und scheinen stumm gestikulierend um Hilfe zu flehen. „Irgendwie müssen alle Deutschen in der Grundschule mal das Droste-Hülshoff-Gedicht Der Knabe im Moor gelesen haben", meint Geier. So sei wohl das schaurige Image zu erklären: „O schaurig ists übers Moor zu gehen ...”

Anders als der Knabe im Gedicht mit der Fibel in der zitternden Hand können Besucher das 60 Hektar große Moor über einen hölzernen Steg recht ruhigen Blutes erwandern. Eine Stunde dauert die Runde, auf die sich im Jahr nach Geiers Angaben rund 100.000 Interessierte machen.

Damit sei das Moor, das in Europa zu den besterhaltenen gehöre, ein touristisches wie geologisches „Filetstück”. Vergleichbar intakte Hochmoore seien erst wieder im Baltikum oder im Riesengebirge zu finden: „Viele andere Moore in Deutschland sind durch den industriellen Abbau von Torf unwiederbringlich geschädigt.”

Nahezu komplett trockengelegt und ausgebeutet wurde etwa das Rote Moor im hessischen Teil der Rhön. Dem Schwarzen Moor wurde dieses Schicksal erspart, obwohl zwischenzeitlich im Dritten Reich seine Trockenlegung durch den Reichsarbeitsdienst angegangen wurde. Doch die Pläne zur landwirtschaftlichen Erschließung der Langen Rhön wurden wegen des ständigen Windes und ungeeigneter Bodenqualität ad acta gelegt. Nur einen einzigen Torfstich von der Größe eines halben Volleyballfeldes gab es im Schwarzen Moor. Der Steg führt auch zu dieser Stelle.

„Es pfeift ihm unter den Sohlen wie eine gespenstige Melodei”, schreibt Droste -Hülshoff. Der „Geigemann ungetreu” ist im Schwarzen Moor zwar nicht zu hören - doch Respekt kann das seit 1939 als Naturschutzgebiet ausgewiesene Land doch einflößen: „Wenn Sie bis zu den Knien im Torfschlick stehen, dann kommen Sie ohne Hilfe nicht mehr heraus”, warnt Geier. Gefährlich sei es vor allem dort, wo der Moorkörper Risse aufweise.

Wer entgegen der Verhaltensregel das Moor betritt, geht nicht nur ein unnötiges Risiko ein, sondern zerstört zudem Teile eines verblüffenden Speichers. Ähnlich jahrtausendealtem Eis gilt auch das Moor „als Archiv aus grauer Vorzeit”, sagt Geier. Durch die lange Entwicklung und die mangelnde Verrottung organischer Substanz können aus der Analyse von eingewehten Pollen Rückschlüsse auf die Pflanzenwelt im Umfeld eines Moores in vergangenen Zeiten gezogen werden.

Im wahrsten Sinne mit Füßen traten Unbelehrbare diese Erkenntnis, als sie in den 60er und 70er Jahren im großen Moorauge badeten und wahre Torfschlachten veranstalteten: „Die Schäden sind heute noch zu sehen.” Neben Geier klafft eine dunkle Wunde in der Vegetation aus Besenheide, Heidelbeer und Torfmoosen: „Nur einen Millimeter wächst ein Moor im Jahresschnitt. 10.000 Jahre braucht es, um zu wachsen.”

Das Schwarze Moor gab es schon früher und es ist noch nahezu ganz das Alte. „Es herrschen Standortbedingungen wie kurz nach der Eiszeit”, sagt Geier. Mehrere Insektenarten halten es seit Alters her aus. Der Kurzflügelkäfer Boreaphilus henningianus etwa, ein schwarzes, unscheinbares Tierchen. Ein Exemplar hat Geier aus dem Gebüsch gefischt und lässt es über den Handrücken krabbeln. Ein Mammut kommt nicht um die Ecke, obwohl das Klima fast eiszeitlich zu nennen wäre: Um knapp fünf Grad tiefer liegt die Jahresmitteltemperatur gegenüber dem Bundesdurchschnitt. Selbst im August kann sich Reif auf dem Boden bilden: „Wir haben das ganze Jahr über Frostgefahr.” Andererseits kann sich die Temperatur in Bodennähe im Sommer auf 60 Grad erhitzen, weil der isolierende Torf die Hitze nicht ableitet.

Der Knabe aus Droste-Hülshoffs Gedicht hatte es äußerst eilig, übers Moor zu kommen und sprang „wie ein wundes Reh” über „die klaffende Höhle”. Die Ausflügler im Schwarzen Moor lassen sich indes Zeit. Sie studieren die Holztafeln, die über Entstehung, Flora und Fauna sowie Verhaltensregeln aufklären. Auf allen Vieren sitzen manche auf den Bohlen, um etwa die kleinen Fallen des Sonnentaus zu entdecken, in welche die fleischfressende Pflanze die Insekten lockt. Oder die blauen Rauschbeeren, die gären und so manches Tier trunken machen.

Die Kirchturmspitze des versunkenen Dorfes wird wohl nicht entdeckt werden. Dass nämlich eine ganze Siedlung in den Tiefen des Torfes verschwunden sei, hat laut Geier „keinen realen Hintergrund”. Dem Schwank aus der Mythenwelt setzt er den analytischen Blick entgegen: „Im Moor versinkt nichts - das Moor wächst.” Doch mit der Dicke des Moores wächst auch die Fantasie.
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