Sparen im Schlaf: Billig-Unterkünfte haben in der Krise Konjunktur

Von: Tobias Schormann, dpa
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Hostel/ Kissenschlacht
Wilde Kissenschlacht: Hostels sind nicht nur günstig, sie richten sich in der Regel auch an junge Gäste. Foto: dpa

Berlin. Angesichts der Wirtschaftskrise wollen viele Deutsche zwar nicht gänzlich auf das Reisen verzichten - bei den Übernachtungskosten sparen sie aber schon. Low-Budget-Unterkünfte haben daher in der Krise Konjunktur, sagen zumindest die Anbieter auf der Reisemesse ITB in Berlin.

Diese Entwicklung hat aber auch Grenzen: Denn die Billig-Unterkünfte eignen sich nicht für jedermann. Dass die Preise insgesamt sinken, ist zudem nicht zu erwarten - denn eine Rabatt-Schlacht wollen sich die Anbieter nicht liefern.

Laut dem Jahresbericht des Hotelverbandes Deutschland (IHA) hat die Rezession die Branche schwer erwischt. Einen „regelrechten Absturz” verzeichnete der Verband zum Jahreswechsel 2008/2009: Im November sank die Zimmerauslastung im Vergleich zum Vorjahresmonat um 6,2 Prozent, im Dezember um 4,9 und im Januar sogar um 8,1 Prozent.

Das wird sich dem IHA zufolge auch nicht durch den in Studien vorhergesagten Boom von Inlandsreisen ändern: „Der deutschlandbegeisterte Urlauber wird die Hotellerie in Deutschland nicht vor der Talfahrt bewahren”, sagt IHA-Vorsitzender Fritz G. Dreesen.

Von der aktuellen Lage profitieren allerdings die Low-Budget-Hotels: So rechnet der Hotelverband damit, dass sich die Marktsegmente besonders im Business-Bereich hin zu den Billiganbietern verschieben werden. Das kann Michael Kirsch von Accor bestätigen: „Die Gewinner der Krise sind eindeutig die Budget-Marken”, sagt der Sprecher der Gruppe, zu der Marken von Hotels mit einem bis fünf Sternen gehören.

„Gerade Geschäftsreisende gehen jetzt einen Stern runter bei der Hotelwahl.” Wer früher in einem Mercury-Hotel mit drei Sternen schlief, buche jetzt das Ibis mit zwei oder die Accor-Billigmarke Etap mit nur einem Stern.

Auch die Hostels spüren vom wirtschaftlichen Abschwung bislang wenig: „Krise? Welche Krise?”, fragt etwa Thorsten Lemke von A&O Hostels. Bei ihnen seien die Buchungen bislang stabil.

Hostels und Budget-Hotels machen sich dabei zunehmend Konkurrenz: Beide versuchen in der Krise, neue Zielgruppen für sich zu gewinnen und dem jeweils anderen seine bisherigen Stammgäste abspenstig zu machen. So will die Hostelkette Meininger in diesem Jahr ein neues Haus auf dem Vorplatz des Berliner Hauptbahnhofs eröffnen, das sich vor allem an Geschäftsreisende richten und damit den Budget-Hotels Konkurrenz machen soll.

Was ein Billig-Hotel und was ein Hostel ist, lässt sich auf den ersten Blick oft gar nicht mehr so leicht erkennen. Denn viele Hostels richten neben ihren klassischen Mehrbett-„Dorms” für Rucksackreisende inzwischen auch Zimmer für Einzelgäste, Paare und Familien in getrennten Bereichen ein. Das schlage sich schon jetzt im Gästebild nieder: So machten nicht nur Jüngere, sondern auch die 41- bis 50-Jährigen den Großteil der Hostelgäste aus, sagt Lemke.

Familienurlauber will aber auch Accor stärker anlocken, indem sie in den Etap-Hotels künftig mehr Twinbetten aufstellen. „Das richtet sich also nicht mehr nur an den Handelsreisenden”, sagt Sprecher Kirsch. Einen Preiskampf dürften Kunden aber nicht erwarten: Für eine „Rabattschlacht” seien die Preise schon jetzt zu knapp kalkuliert. Allerdings werde mit Stornierungen flexibler umgegangen, um Kunden nicht von vornherein vom Buchen abzuschrecken.

Eine echte Alternative zum Hotel sind die Hostels nach Ansicht von Kirsch zudem nicht - schließlich sei das jugendliche Flair der Hostels nicht jedermanns Sache. Das gibt auch Peter Weißbach vom Verein „Backpacker Network Germany” offen zu: „Bei uns gibt es zum Beispiel keine strenge Nachtruhe. Das ist also nicht für jede Familie geeignet.”

Auch seien Hostels in erster Linie immer noch etwas für Reisende, denen der „soziale Faktor” am Herzen liegt: So gehöre es zum Beispiel dazu, sich in der Gemeinschaftsküche mit anderen Reisenden zusammenzusetzen und auszutauschen, sagt Weißbach. Dafür müssten Gäste auch bereit sein, Abstriche beim Komfort zu machen. „Das ist wie mit einer Bar - da geht man auch nicht hin, weil sie gut ausgestattet ist, sondern weil sie cool ist.”

Aus dem Streit zwischen Budget-Hotels und Hostels um die Gäste könnte aber auch ein anderer als lachender Dritter hervorgehen: die Jugendherbergen. Sie werden ohnehin immer beliebter - so verbuchte das Deutsche Jugendherbergswerk (DJH) 2008 rund 62 000 Übernachtungen mehr als im Vorjahr. Unter den Gästen sind auch immer mehr Familien: Ihr Anteil ist in den vergangenen zwei Jahren um anderthalb Prozentpunkte auf fast ein Sechstel (16,26 Prozent) gestiegen.

DJH-Sprecher Knut Dinter dämpft allerdings die Erwartungen: Zum einen sei es fraglich, ob wirklich so viele Deutsche im eigenen Land verreisen werden, wie es derzeit in Umfragen heißt. „Die simple Gleichung "Statt nach Mallorca fahren jetzt alle nach Mannheim" geht so nicht auf.” Denn viele dürften auch in der Krise nicht ihre Urlaubsgewohnheiten ändern.

„Zum anderen darf man bezweifeln, dass sich Pauschalurlauber, die sonst nur am Pool liegen, bei uns plötzlich wohlfühlen”, sagt Dinter. Das sei auch eine Mentalitätsfrage: „Bei uns muss man sich zum Beispiel die Esstische mit anderen teilen, da kann man nicht einfach Plätze reservieren.” Urlaubern mit weniger Gemeinschaftssinn dürfte das womöglich ein wenig zu familiär vorkommen.
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