Skilehrer ohne Schüler: Alpentourismus im Wandel

Von: Miriam Bandar, dpa
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Winterurlaub im Schnee ist für viele Familien schon lange kein Muss mehr. Die Angebote heute sind so komfortabel wie nie, aber dafür auch teuer. Foto: dpa

Wien. Den Skilehrern fehlen die Schüler. Winterurlaub im Schnee ist für viele Familien schon lange kein Muss mehr. Die Angebote heute sind zwar so komfortabel wie nie - aber dafür auch teuer.

Schmucke junge Damen aus dem Flachland lauschen frühmorgens vor imposanter Bergkulisse gebannt den Ausführungen ihres kernigen Skilehrers. Dieses Klischee ist für alpenländische Ausbilder Geschichte. Die Zielgruppe heute: der rüstige „Silver Ager”, der am Nachmittag zwischen Massagetermin und Gourmet-Hüttenabend mal eben eine Stunde lang unter Anleitung den Hang herunterrutschen will.

„Wir haben ein erhebliches Nachwuchsproblem”, sagt der Präsident des Internationalen Skilehrerverbandes Interski, Erich Melmer. Doch nicht nur die Skilehrer klagen, auch für andere Sparten wird Wintersport in den Alpen ein zunehmend schwieriger Markt.

„Das große Thema ist, wie bringen wir Kinder wieder auf die Piste”, sagt Melmer. In der vergangenen Woche trafen sich in St. Anton am Arlberg tausende Skilehrer aus aller Welt zu einem Kongress, um über die Zukunft ihres Berufsstandes zu beraten. Denn der Nachwuchsmangel ist laut Melmer ein internationales Problem: Auch die USA und Kanada hätten mit abnehmendem Interesse zu kämpfen, in Japan mussten bereits mehrere Skigebiete schließen.

Den deutschen Kollegen geht es nicht besser. „Wir haben in allen Sportarten das Problem, dass der Kampf um die Jugend voll entbrannt ist”, sagt der Präsident des deutschen Interski-Verbandes, Norbert Barthle. Hauptgrund sei schlicht der demografische Wandel. Weniger Kinder könnten heute aus einem viel größeren Angebot an Freizeitbeschäftigungen wählen. Da scheint Skifahren schnell zu aufwendig.

Früher kamen Kinder zumindest durch die Schul-Skiwochen mit den weißen Massen in Kontakt. Doch auch die gibt es zum Leidwesen der Skilehrer seltener. „Immer mehr Schulen verzichten nach der Einführung des achtstufigen Gymnasiums auf Winterfahrten, weil schlicht keine Zeit dafür da ist”, sagt Barthle. Dabei lerne man heute mit neuem Material und anderen Methoden Skifahren so schnell wie nie zuvor.

Für Familien ist der Winterurlaub in den Bergen schon lange kein gesetzter Termin mehr und bekommt deutlich Konkurrenz durch Fernziele. Und dann ist da noch das Geld. „Skiurlaub ist zwar für Familien gut geeignet, aber nicht gerade preisgünstig”, sagt Barthle. Viele Hotels haben deutlich in ihre Wellness-Bereiche und Gourmet- Restaurants investiert und müssen die Kosten wieder hereinholen. Schnelle Sessellifte mit Sitzheizung sind zwar angenehm, schlagen sich aber im Preis der Liftkarte nieder. „Es wird immer komfortabler, aber damit auch teurer.”

Österreichs Touristiker sprechen bereits von einer Zwei-Klassen- Gesellschaft: Es gibt diejenigen, die sich eine günstige Ferienwohnung suchen und selbst kochen und den verwöhnten, gut situierten Gast, der perfekten Service im abwechslungsreichen Winter- Wunderland erwartet. „Wir sehen schon, dass Skifahren für die Gäste immer noch interessant ist, aber die Nachfrage nach anderen Betätigungen wird immer größer”, sagt die Sprecherin von Österreich Tourismus, Ulrike Rauch-Keschmann.

Ging der Winterurlauber früher von acht Uhr morgens bis zur Dunkelheit skifahren, ist heute Vielfalt mit Wellness, Schneeschuhwandern, Hundeschlittenfahrten, Eislaufen und Thermenbesuch gefragt. Dazu kommen erheblich gestiegene Ansprüche an das Essen: „Unsere Hoteliers rüsten sehr stark auf.” Hauptzielgruppe sind in Österreich gut betuchte 35- bis 65-Jährige. Jeder zweite Gast kommt aus Deutschland, gefolgt von den Inländern mit 16 Prozent, den Niederländern und den Briten.

Dennoch bemühen sich Verbände und Politik um den Nachwuchs: Als neue Zielgruppe wurden die bisher im Skisport nur schwach vertretenen Kinder mit Migrationshintergrund entdeckt, deren Schneebegeisterung über spezielle Aktionen geweckt werden soll. „Natürlich steht dahinter auch ein geschäftliches Interesse, aber es ist auch ein Beitrag zur Integration”, sagt Melmer. Neue Fonds sollen Familien helfen, die sich die Ausrüstung nicht leisten können. Skipässe sollten für Kinder am Besten ganz kostenlos sein, fordert Barthle. „Und ein Leihski für Kinder muss 20 Euro in der Woche kosten - und nicht am Tag.”
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