Pilgern einmal anders: In Japan in der Badewanne

Von: Markus Zens, ddp
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Shinto-Zeremonie
Shinto-Zeremonie auf der Halbinsel Kii. Die Halbinsel Kii, auf der sich auch Yunomine Onsen befindet, ist eine Art spirituelles Ballungsgebiet. Durch die gesamte Halbinsel zieht sich ein Netz an Pilgerrouten, die teilweise seit mehr als tausend Jahren genutzt werden. Foto: ddp

<b>Wakayama. </B>Wer Japan verstehen will, muss Onsen verstehen. Onsen - das ist das japanische Wort für natürliche Quellen, aus denen heißes Wasser strömt. Für Japaner verbirgt sich hinter dem Begriff aber viel mehr als schnöde Geophysik. Rund um die heißen Quellen hat sich eine Badekultur entwickelt, die weltweit einmalig ist.

Millionen japanischer Touristen strömen jährlich zu den Thermalquellen, um sich dort vom stressigen Stadtleben zu erholen und Baderituale zu genießen, die seit mehreren hundert Jahren unverändert geblieben sind.

Heiße Quellen finden sich über das ganze Land verteilt, denn im Untergrund des Inselstaates brodelt es gewaltig: Japan liegt direkt über dem Pazifischen Feuerring, einer vulkanisch besonders aktiven Region der Erde. Deshalb gibt es in Japan nicht nur viele Erdbeben, sondern an unzähligen Orten strömt unterirdisch erhitztes, mineralhaltiges Wasser an die Oberfläche.

Besonders eindrucksvoll geschieht das in Yunomine Onsen, einem kleinem Dorf im Süden der japanischen Hauptinsel Honshu. Mitten durch das Dorf strömt ein Gebirgsbach, der auf den ersten Blick wie ein normaler Fluss wirkt.

Die besonderen Eigenschaften des Wassers erschließen sich dem Besucher aber schnell durch die Nase: Über dem ganzen Ort liegt ein schwacher Geruch von faulen Eiern. Verantwortlich dafür sind Schwefelverbindungen im Wasser, die sich als gelbe Ablagerungen an Steinen und Brücken zeigen.

Japaner lassen sich von dem Geruch aber nicht abhalten - sie strömen jährlich in großer Zahl nach Yunomine Onsen. Ausländische Besucher sind dort dagegen kaum anzutreffen. Das möchte Brad Towle ändern. Der Kanadier arbeitet seit zwei Jahren für die lokale Tourismusbehörde und schwärmt vom Potenzial der Gegend: „Hier gibt es alles, was Urlauber sich wünschen - freundliche Menschen, beeindruckende Naturschauspiele und ein vielfältiges Kulturangebot.” Besonders betont Towle aber die spirituelle Seite der Region.

Tatsächlich ist die Halbinsel Kii, auf der sich auch Yunomine Onsen befindet, eine Art spirituelles Ballungsgebiet. Durch die gesamte Halbinsel zieht sich ein Netz an Pilgerrouten, die teilweise seit mehr als tausend Jahren genutzt werden. Hier befindet sich auch das Zentrum des japanischen Shingon-Buddhismus und einige der wichtigsten Shinto-Tempel.

2004 erklärte die UNESCO die Pilgerwege auf der Halbinsel Kii zum Weltkulturerbe. Die Wege, die auf japanisch Kumano Kodo genannt werden, besitzen damit denselben Status wie die berühmten Pilgerpfade nach Santiago de Compostela.

Towle treibt die Vernetzung der beiden spirituellen Orte voran - so gibt es seit Kurzem eine gemeinsame Homepage, bislang allerdings nur auf Spanisch. Weitere gemeinsame Aktivitäten sind bereits geplant.

Das Verständnis einer Pilgerreise ist dabei allerdings sehr unterschiedlich: Während Wanderer auf dem Weg nach Santiago de Compostela häufig auch an ihre körperlichen Grenzen kommen, bevorzugen japanische Pilger meist bequemere Varianten: „Sie lassen sich gern per Bus an einen Schrein bringen und pilgern dann zehn Minuten”, schildert Towle seine Erfahrungen. Vor allem junge Japaner wählen zunehmend auch einen der mehrtägigen Pilgerwege, die der Kumano Kodo bietet, fügt der Kanadier hinzu.

Für viele Wanderer ist der zentrale Bestandteil der Pilgerfahrt aber das Bad in einem Onsen. Selbst kleine Hotels besitzen oft ein eigenes Becken, das mit vulkanischem Wasser gefüllt ist. Einige große Häuser besitzen mehrere eigene Quellen und haben darüber hinaus noch weitere Wellness-Angebote.

Das Baderitual ist immer das Gleiche, ob im großen Hotelblock oder im kleinen Gasthaus: Zunächst betritt der Badewillige einen Vorraum, wo er sich seiner Kleidung entledigt. Anschließend folgt eine gründliche Körperreinigung. Eine heiße Quelle schmutzig oder mit Seifenresten am Körper zu betreten, gilt als großer Fauxpas.

Die Badegäste duschen meistens auf kleinen Hockern sitzend und schrubben ihren Körper dabei gründlich ab. Manche putzen sich auch die Zähne oder rasieren sich und nutzen die Onsen damit als öffentliches Bad, wie seit Jahrhunderten üblich. Nach dem Ende der Körperpflege folgt schließlich das Bad im heißen Wasser.

Onsen finden sich aber nicht nur auf den Pilgerrouten. Auch in großen Städten wie Tokio gibt es öffentliche Bäder, die mit heißem Quellwasser betrieben werden. Neben den luxuriösen Varianten mit großen Becken gibt es hier auch kleine Nachbarschaftsbäder, die gerne nach Feierabend frequentiert werden. Dort badet dann der Straßenkehrer neben dem Manager - im Onsen lockern sich die sonst so strengen japanischen Gesellschaftskonventionen.

Auch europäische Reisende finden im heißen Wasser Entspannung und manchmal auch Trost. Denn als Europäer in Tokio ist es leicht, sich einsam und isoliert zu fühlen. Zu fremd ist die Kultur und zu unverständlich die Sprache - Kinogänger erinnern sich vielleicht an „Lost in Translation”. Wer aber gemeinsam mit Japanern nackt in einer Wanne sitzt, der fühlt sich gleich ein bisschen weniger einsam.

Die beste Reisezeit ist im Frühjahr und im Herbst.

(Der Autor reiste auf Einladung des Tourismus-Büros der Präfektur Wakayama.)
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