Assuan - Pharao trifft auf Neuzeit: Der Nasser-Stausee als Reiseziel

Pharao trifft auf Neuzeit: Der Nasser-Stausee als Reiseziel

Von: Simone Spohr, dpa
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Pharao trifft auf Neuzeit: Der  Nasser-Stausee als Reiseziel
Am Wendepunkt der Kreuzfahrt: Der Hathortempel gehört zur Anlage von Abu Simbel, die in den 1960er Jahren einen neuen Standort bekam, um sie vor dem Wasser des Nasser-Stausees zu retten. Foto: dpa

Assuan. Gemächlich geht es zu bei einer Kreuzfahrt auf dem Nasser-Stausee in Ägypten. Die Reise führt in die Zeit der Pharaonen vor Tausenden von Jahren - und zugleich zu Höchstleistungen der Ingenieurskunst in den Weiten der nubischen Wüste.

Denn als der Nassersee in den 60er Jahren aufgestaut wurde, galt es, viele der dortigen Tempel vor den Fluten zu retten. Noch heute lässt der Anblick der an einen höheren Standort versetzten Ramses-Statuen in Abu Simbel die Besucher staunen.

Leise plätschern die Wellen an die Bordwand und die Hafenmauer, sanft wiegen sie das Schiff hin und her. Die Passagiere sind noch auf Landgang in Assuan, bevor ihre Reise gen Süden startet. Ockergelb, tiefrot oder milchschokoladebraun: Kräftig leuchten die Gewürzberge im grellen Schein der Neonröhren. Ein Bummel durch Assuans Basar entführt in die Tiefen des Orients.

Nana-Minze duftet da mit Zimt- und Currypulver um die Wette. Daneben reihen sich die Läden auf: Handgefertigte Alabasterfiguren sind neben Handtaschen und Koffern zu finden, bunte Teppiche neben Tüchern - und natürlich fehlen auch Galabayas nicht die traditionellen bodenlangen Gewänder.

„Das Königreich der Nubier erstreckte sich einst von Assuan im Norden am Nil entlang bis nach Khartum im Süden”, erklärt Mohamad. Stolz erzählt der Touristenführer davon, dass auch in seinen Adern zumindest zur Hälfte nubisches Blut fließt.

Als vor rund 40 Jahren der Assuan-Staudamm Sadd El-Aali gebaut und der Nil aufgestaut wurde, mussten viele Nubier ihr Land verlassen und zogen nach Assuan oder Kom Ombo. Der Staudamm verwandelte den Nil im Süden Ägyptens in den rund 500 Kilometer langen Nasser-Stausee.

An den breitesten Stellen sind es von Küste zu Küste mehr als 35 Kilometer. Benannt wurde der See nach dem ehemaligen ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser.

Ein Spaziergang über die Elephantine-Insel führt auch in Assuan an nubischen Dörfern vorbei. Für Aga Khan III., das Oberhaupt der Ismailiten, war die Insel in der Mitte des Nils der schönste Platz der Welt. Auf der anderen Nil-Seite im Botanischen Garten lässt sich im Schatten alter Bäume eine Pause einlegen.

Bunte Knüpfteppiche polstern die Plastikstühle in der Teebar, ein freundlicher Mann mit Schnurrbart serviert dampfenden Minztee in kleinen Goldrandgläsern.

Durch das Baumgrün fällt der Blick auf das „Old Cataract Hotel”, in dem Agatha Christie Teile ihres Bestsellers „Tod auf dem Nil” schrieb. Vermutlich blickte sie dabei auf eine ähnliche Szene, wie sie sich heute darbietet: Unten gleiten Felukken mit geblähten Segeln den Fluss entlang, während die Abendsonne die Elephantine-Insel in goldrotes Licht taucht - kein Wunder, dass die Krimi-Königin ihren Meisterdetektiv Hercule Poirot gerne in diese Landschaft schickte.

Leise stampfen die Motoren und lassen das Schiff vibrieren, als es in der Morgendämmerung aus dem Hafen von Assuan gleitet. Der frühe Start ist auch für jeden der folgenden Reisetage typisch: Zuerst gewaltige Denkmäler wie die Tempelanlagen von Kalabscha besichtigen, nachmittags am Schiffspool faulenzen und den Abend unter dem Sternenhimmel ausklingen lassen - so verfliegen die Kreuzfahrttage.

Je nach Tageszeit präsentieren sich die mächtigen Sanddünen mal dunkelbraun, mal rötlich, mal gleißend gelb. Leicht lässt sich beim Dahingleiten über den spiegelglatten See vergessen, dass unter der Oberfläche die Heimat von etwa 125.000 Nubiern und etliche antike Schätze begraben liegen. Amada, Wadi es-Sebua und Qasr Ibrim: All diese Denkmäler aus der Pharaonenzeit sind nur noch per Schiff zu erreichen.

Zehn kleine Holzbarkassen durchpflügen morgens um kurz vor 7.00 Uhr das Wasser, rund zehn Minuten später haben sie das sandige Ufer erreicht. Auch für einige Kameltreiber endete diese Nacht zu früh, erst vier Tiere warten auf Kundschaft. Gemächlich mahlen ihre kräftigen Kiefer die letzten trockenen Grashalme, ungerührt lassen sie die Touristenschar auf dem Weg zum Tempel an sich vorüberziehen.

Über Lehmwege geht es nach Amada, wo Mohamed die Touristen raten lässt, was die Wandmalereien bedeuten: „Wofür steht der Vogel?” fragt er zum Beispiel und deutet auf die Hieroglyphen an der Tempelwand.

Außer im Hafen von Assuan findet am Nasser-Stausee noch jedes Schiff einen eigenen Anlegeplatz. Auf dem Nil hingegen liegen in der Hochsaison bis zu zehn Schiffe in einer Reihe. Da sind beim An- und Ablegen schon Organisationstalent und beim Kapitän eine ruhige Hand gefragt. Auch sonst unterscheidet sich die Fahrt auf dem See von einer Nilkreuzfahrt.

Auf den Uferstreifen am Nil bearbeiten die Bauern die Felder wie vor Generationen mit Spitzhacken, verschleierte Frauen balancieren Lasten auf dem Kopf - die Uferlinie des Nassersees zeigt hingegen beeindruckende Wüste, aber keine menschliche Siedlung.

Ein Sprung in den See ist zur Abkühlung nicht ratsam: In den Fluten fühlen sich die Nilkrokodile sehr wohl. Auch die Nilbarsche erreichen in dem klaren Wasser mächtige Ausmaße: „Fischer kommen schon mal mit Prachtexemplaren von mehr als 100 Kilo heim”, erzählt Mohamad. Wer gerne angelt, kann auch auf den Kreuzfahrtschiffen versuchen, ob er einen solchen Riesenfisch an den Haken bekommt.

Abu Simbel ist für alle an Bord der Höhepunkt der Reise. Die Tempelanlage liegt heute rund 60 Meter höher als zu ihrer Bauzeit vor mehr als 3000 Jahren. Wenige Kilometer vor der sudanesischen Grenze arbeiteten in den 1960er Jahren Wissenschaftler und Ingenieure vier Jahre lang daran, den Tempel von Pharao Ramses II. und den kleineren Hathortempel seiner Gemahlin Nefetari vor den Wasserfluten zu retten.

Punktgenau drosselt Kapitän Hussein die Geschwindigkeit des Schiffs, in einer kleinen Bucht wirft er den Anker. Der drahtige Mann hinter dem Steuerrad strahlt Ruhe und Gelassenheit aus. Mit seinem sonnengegerbten Gesicht und in der beigen Galabaya ähnelt er sicher seinen Urgroßvätern.

„Die haben schon vor 100 Jahren Schiffe über den Nil gesteuert”, erzählt der Kapitän. Sein Cousin ist an Bord der stellvertretende Kapitän. Auch auf anderen Kreuzfahrtschiffen auf Nil und Nassersee stehen Brüder und Neffen von Hussein hinter dem Steuer.

Was für ein Gefühl, in unmittelbarer Nachbarschaft von Abu Simbel zu ankern! Über einen knapp 200 Meter langen Geröllweg geht es vom Ankerplatz aus bergan, dann beginnt das Tempelgelände. Nach und nach schält der Sonnenaufgang die Sandstein-Kolosse aus dem Grau der Dämmerung und übergießt sie mit einem leuchtenden Orange, bevor er sie ins Beigegelb des Tages entlässt.

In dem Tempel, heute Unesco-Weltkulturerbe, hoffte Pharao Ramses II. göttergleich in alle Ewigkeit zu leben. Einige Jahrtausende ist ihm dies bisher schon gelungen. Alle vier Felskolosse am Tempeleingang tragen sein Gesicht.

Durch eine niedrige Pforte geht es in die erste Pfeilerhalle hinein, in der Sternbilder und riesige Vögel an der Decke funkeln. Zwischen zehn Meter hohen Statuen des Gottes Osiris führt der Weg dann immer tiefer ins kühlere Tempelinnere.

Fast lebensecht wirken die Zeichnungen des Pharaos auf den Wänden. Sie zeigen Ramses II., wie er auf seinem Streitwagen den Bogen spannt oder einen Gegner niederstreckt. Immer niedriger senken sich die Decken, immer kleiner werden die Räume, bis der Besucher schließlich im Sanktuarium der heiligen Barke des ewigen Lebens und erneut Ramses, diesmal als Gottheit, gegenüber steht.

Zwischen Wasser, Wüste und Himmel scheint die Pharaonenzeit plötzlich lebendig zu sein. Gleichzeitig sind aber auch die Fischer draußen auf dem See zu ihrem Tagesgeschäft aufgebrochen: Sie versuchen, den gefräßigen Krokodilen einige Fische abzujagen.

REISEZIEL: Der Nasser-Stausee beginnt bei Assuan in Süd-Ägypten. Er reicht bis in den Sudan hinein. Touren auf dem See führen in der Regel von Assuan nach Abu Simbel und zurück und dauern sieben Tage.

ANREISE UND FORMALITÄTEN: Flüge von Deutschland nach Assuan erfordern ein Umsteigen in Kairo und/oder Luxor. Angeboten werden Kairo-Flüge von Egypt Air, Lufthansa, Tuifly und Air Berlin. Condor, Air Berlin und Tuifly haben Luxor im Flugplan. Egypt Air fliegt dann von Kairo und Luxor nach Assuan. Einige Veranstalter bieten die Nassersee-Kreuzfahrt auch in Kombination mit Kairo oder als Teil einer Ägypten-Rundreise an.

Deutsche benötigen einen Reisepass, der über den Aufenthalt hinaus noch mindestes zwei Monate gültig sein muss. Das Visum gibt es bei der Einreise gegen eine Gebühr von 15 US-Dollar (knapp 22 Euro). Auch die Einreise per Personalausweis ist möglich, wenn zwei zusätzliche Passbildern mitgebracht werden.

KLIMA UND REISEZEIT: Die beste Reisezeit für einen Besuch des Nasser-Stausees ist von Herbst bis zum Frühjahr. Im Hochsommer (Juli/August) wird es bei Landausflügen sehr warm.

GESUNDHEIT: Die „Rache des Pharao” tritt oft auf, daher sollten Reisende Durchfall-Medikamente mitnehmen. Auf Leitungswasser und Eiswürfel sollte verzichtet werden. Stattdessen gilt es, viel gekochten Tee und Wasser aus Flaschen zu trinken. Nach Ausflügen besteht die Gefahr, sich in klimatisierten Räumen zu unterkühlen.

SPRACHE: Arabisch. Wer mit Touristen Kontakt hat, zum Beispiel in Hotels, spricht oft auch Englisch oder Deutsch.

WÄHRUNG: Ein Euro sind etwa acht ägyptische Pfund (Januar 2010).

INFORMATIONEN: Ägyptisches Fremdenverkehrsamt, Kaiserstraße 66, 60329 Frankfurt (Tel.: 069/25 21 53, http://www.egypt.travel).
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