Pause von der Piste: Wie Sommertourismus in Ski amadé funktioniert

Von: Deike Uhtenwoldt, dpa
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Radstadt
Radstadt im Sommer: Eigentlich ist der Winter die starke Saison, doch die Gemeinden in Österreich tun viel dafür, den Tourismus das ganze Jahr über zu stärken. Foto: Tourismusverband Radstadt

Radstadt. Ski amadé ist Österreichs größter Skiverbund. 270 Seilbahnen, 760 Pistenkilometer - ein Ort der Superlative. Aber was tun, wenn die Winter zunehmend unzuverlässiger und die Gäste immer sprunghafter werden? Ein Besuch vor Ort, wenn die Pisten braun sind.

Etwa 700 Meter hinter dem Gipfelkreuz Gasselhöhe ist es Zeit für eine Entscheidung: Entweder man folgt der roten Markierung, die steil und ohne Umwege zur Bergstation führt, oder man wählt die gemächliche blaue Tour um die Bergkuppe herum. Die Wahl fällt auf die rote Route. Nun geht es durch Sträucher aus Alpenrosen, die kurz vor der Blüte stehen, und über Bäche bis zur Reiteralm. Skifahrer sind keine zu sehen - denn der Winter ist längst vorbei.

Nicht nur Hütte und Skigebiet heißen Reiteralm, sondern auch die Gondelbahn, die im Sommer zweimal pro Woche in Betrieb ist - bei jeder Witterung. Von hier starten Wanderer auf einem beliebten Höhenweg mit Blick auf das Dachsteinmassiv.

Bei gutem Wetter spiegeln sich die Berge in einem See, der genau aus diesem Grund Spiegelsee heißt. Aber auch drei Gipfelkreuze und ein gut ausgebauter Grat mit Panoramablick dazwischen bieten Sommerurlaubsmotive. Der Weg ist nur in Zeiten ohne Schnee begehbar. Und das ist auch gut so. Denn was bleibt von der Sportwelt Amadé, wenn Winter und Ski ade sagen?

Ganzjahrestourismus lautet die Devise in Österreich, auch wenn der Tourismus genau genommen nur zwei Jahreszeiten kennt: Sommer und Winter. Seit Skischaukeln, Schneekanonen und Verbundskipässe Einzug gehalten haben, dominiert im Salzburger Land die Wintersaison.

„Das Geschäft mit dem Winter ist steil bergauf gegangen”, sagt Peter Krismer, Geschäftsführer im Tourismusverband Radstadt. Zwischen 1973 und 2008 habe sich die Zahl der Übernachtungen in der Gemeinde verdoppelt. Doch der Winter schwächelt seit einiger Zeit, die beste Wintersaison liegt schon sieben Jahre zurück. Also muss auch der Sommertourismus ausgebaut werden.

Ein weiteres Problem ist hier aber: Die Gäste sind weniger treu als früher. „Die Urlauber buchen kurzfristiger, bleiben kürzer und reisen bei schlechtem Wetter schneller wieder ab”, erzählt Krimser. Und das gilt vor allem für den Sommer, auch wenn die Zahl der Übernachtungen konstant geblieben sei. Doch um die Kunden zu binden, müssen die Hoteliers im Sommer immer mehr bieten.

„Die Betriebe sollen von Mai bis Oktober offen haben und ein abwechslungsreiches Programm bieten”, sagt Krimser. „Sie erreichen aber in der Regel nur gut die Hälfte der Wertschöpfung der kürzeren Wintersaison.” Dennoch sei der Ganzjahrestourismus wichtig: Zum einen, um gutes Personal zu finden und zu binden, wie Krimser sagt, zum anderen als Bollwerk gegen unzuverlässigere Winter. „Auch wenn viele das Thema Klimawandel nicht wahrhaben wollen.”

Drei Zielgruppen hat die Region für den Sommer ausgemacht, für die sie besondere Angebote bereithält: Golfer, für die es eine eigene Akademie und sogar eine Golf-Gondelbahn gibt; Radfahrer, für die jedes Jahr im Mai der Amadé Radmarathon in zwei Varianten organisiert wird; und Wanderer, denen kostenlos Wandermaterial vom Schuh bis zum Schirm für ihre Tour geliehen wird.

Mit den Wanderern ist es so eine Sache: Jede Bergregion reklamiert sie im Sommer für sich, bietet Tourentipps und immer neue Themenwege an, die aber häufig eher Spaziergänger anlocken. Echte Wanderer dagegen suchen meist Ruhe, Abgeschiedenheit und Natur - Bedürfnisse, aus denen sich wenig Kapital schlagen lässt.

„Wir sind auf dem ganzen Weg vom Rossbrand runter nur ein paar Kühen und einem Hasen begegnet”, erzählt eine Wanderin nach der Rückkehr vom 1700 hohen Radstädter Hausberg. Wie im Märchen sei das gewesen, auf Moosen und federndem Waldboden zu gehen. „Unberührte Natur.” Die Dresdnerin ist für ein paar Frühsommertage nach Radstadt gekommen, um „zur Besinnung zu kommen, Abstand vom Alltag und Business zu gewinnen.” Aber dafür müsse man nicht mal auf den Berg. Schon die Stadtmitte von Radstadt mit seinen mittelalterlichen Mauern und Türmen sei Entschleunigung pur, schwärmt sie.

Es sind Bedürfnisse von gestressten Großstädtern, die ein paar Hotelbetten in der Zwischensaison füllen, aber noch keine ganzen Häuser. Die Hauptsaison beginnt in Radstadt erst Ende Juni, zusammen mit den Schulferien in Deutschland. Dann ist auch das Radstädter Schwimmbad an der Schlossstraße wieder gut gefüllt.

Es gehört zum Sporthotel „Gründlers”, das Andrea und Michael Schnell vor zwei Jahren übernommen haben. Ein mutiges Unterfangen, denn die Vorgänger waren sehr gut vernetzt und haben in der Zwischensaison das Haus mit Autorennen und viel Entertainment gefüllt. Die Schnells wollen da anknüpfen, die Stammkunden halten. Die pensionierten Vorbesitzer helfen noch mit.

„Familien, Angler und Golfer sind unsere wichtigsten Sommergäste”, sagt Andrea Schnell. Wellness und Kulinarik, Dampfbad und Grillabende auf der Poolterrasse werden zu Sommerpauschalen angeboten. Die Höhe und die Weite der Landschaft gibt es gratis dazu. Solche Pakete und die Natur bringen im Sommer Touristen in die Region.

In Richtung Spiegelsee zieht an diesem Tag eine regelrechte Wanderkarawane, obwohl noch Vorsaison ist. Dann gabeln sich die Wege: Familien picknicken, Bergsteiger klettern auf den Schober. Tourengeher wählen unterschiedliche Zugänge zum Sattel unterhalb des Gipfels Rippetegg. „Die Aussicht belohnt alle Mühe”, haben Wanderer ins Gipfelbuch geschrieben.

Den Blick bekommt kein Skifahrer je zu Gesicht, so hoch führen die Pisten nicht. Und doch geht ohne die Wintersportler im Salzburger Land nicht viel. Das weiß der Wirt der Reiteralm, das sagt auch Peter Krismer: „Es gibt keine Alternative zum Skifahren.”

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