„Noel Baba” und „Sinterklaas”: Myra ist die Heimat des Nikolaus

Von: Horst Heinz Grimm
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Myra
Spuren früherer Siedler: Die Felsgräber in den Berghängen am Meer gelten als die größten Sehenswürdigkeiten bei Demre in der Türkei. Foto: dpa

Demre. Im Südwesten der Türkei liegt der Ursprung einer urchristlichen Legende: Der Heilige Nikolaus soll hier im vierten Jahrhundert als Bischof von Myra gewirkt haben.

In der Antike erstreckte sich in der Gegend der Lykische Städtebund. Auch heute finden Urlauber in der Umgebung der Stadt Demre noch Spuren aus jener Zeit.

Myra lag einst direkt am Meer. Es heißt, der Apostel Paulus sei von hier aus mit dem Schiff nach Rom gesegelt, wo er der Christenverfolgung zum Opfer fiel. Der Schlamm des Demre-Flusses, der die Gegend seit Menschengedenken fruchtbar macht, bedeckte aber nach und nach die Ansiedlung und verschob die Küstenlinie um Kilometer.

Die Ruine einer frühmittelalterlichen Basilika erinnert am Rande der Kleinstadt Demre an das erste Grab der Bischofs Nikolaus. Der Körper des Heiligen befindet sich jedoch längst nicht mehr in dem Sarkophag, der deutliche Spuren einer Beschädigung zeigt. Er liegt als von Katholiken und Orthodoxen verehrte Reliquie in der Basilika San Nicola in Bari in Süditalien. Denn als arabische Eroberer über Lykien herfielen, sorgte sich das Abendland um seinen Heiligen. So starteten im Jahr 1087 gut fünf Dutzend italienische Seefahrer und Kaufleute zu einer Expedition. Mit drei Schiffen landeten sie an der Küste vor Myra, drangen in die fast verlassene Stadt vor, raubten das Skelett und brachten es ungehindert in ihre Heimatstadt in Apulien.

„Wir haben hier in Demre sehr viele russische Besucher”, sagt Hassan Öcal, ein Geschäftsmann. „Sie kommen wegen ihres Patrons. Als Andenken füllen sie sich etwas Erde, die sie für heilig halten, in mitgebrachte Säckchen.” Nikolaus ist der Schutzheilige Russlands und der orthodoxen Kirche. In Demre ist er als den Kommerz fördernder „Noel Baba” bekannt, als Weihnachtsmann im roten Mantel. Mit solchen Plastikfiguren sind die Billigläden für die Touristen dekoriert.

Für die Türken hat der Nikolaus keine religiöse Bedeutung, auch wenn sie zur Denkmalserhaltung die Basilika restaurieren lassen. „Nach jahrelangen politischen Verhandlungen konnte an diesem Platz der griechisch-orthodoxe Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus, am 6. Dezember vor zwei Jahren erstmals einen Gottesdienst nach seinen Ritus zelebrieren”, erzählt die Journalistin Mavi Zambak.

Den Touristen, die aus den Badeorten um Antalya nach Demre fahren, zeigen die Reiseführer außer der Basilika auch andere Sehenswürdigkeiten. Ein gut erhaltenes Amphitheater, Reste einer Akropolis und ein großer antiker Getreidespeicher erinnern an die Vergangenheit des Küstenstrichs. Besonders sehenswert sind die in Berghänge geschlagenen Felsgräber. „Sie entsprachen der vorchristlichen Vorstellung, dass Vogeldämonen die Toten in den Himmel tragen”, erläutert der Archäologiestudent Murat Zaptcioglu.

Der deutsche Archäologe Jürgen Borchardt trug von 1965 bis 1968 durch seine Arbeiten am Ort viel dazu bei, dass die Basilika wieder freigelegt wurde. Sehen können Besucher heute die Bodenmosaiken und die restaurierten Fresken. Die früheste Kirche in Myra errichteten Christen etwa im sechsten Jahrhundert über dem Bischofsgrab, die Grundmauern des jetzigen Baus stammen aus dem neunten Jahrhundert. Russlands Zar Alexander I. ließ im Jahr 1853 die Kirche seines Landespatrons wieder teilweise herstellen. Überfälle, Überschwemmungen und Erdbeben hatten Myra versinken lassen.

„Nikolaus ist eigentlich eine Verschmelzung aus zwei historischen Personen: dem Bischof von Myra, der wahrscheinlich im vierten Jahrhundert gelebt hat, und dem gleichnamigen Abt von Sion, der Bischof von Pinora war und am 10. Dezember 564 in Lykien starb”, erläutert der katholische Theologe Manfred Becker-Huberti, der in Grevenbroich lebt. „Aus diesen beiden historischen Geistlichen entwickelte sich die ab dem sechsten Jahrhundert in Legenden fassbare fiktive Figur des wundertätigen, übermächtigen Bischofs von Myra.”

Theophano, die aus Byzanz stammende Ehefrau des deutschen Kaisers Otto II. (955-983), machte die Nikolaus-Verehrung auch in Deutschland populär. An seinem Gedenktag erhielten die Kinder Geschenke wie heute zum Weihnachtsfest. Der Reformator Martin Luther untersagte dann die Heiligenverehrung und nahm dem Nikolaus seine Funktion als Gabenbringer. Diese übernahm fortan das Christkind am Heiligen Abend.

Für die Katholiken existiert die mildtätige Bischofsfigur, die am 6. Dezember brave Kinder belohnte, weiter. „In Holland hielten die Reformierten ebenfalls an ihrem Nikolaus fest”, erklärt Becker-Huberti. Als ihre Siedler in Nordamerika Nieuw Amsterdam, das heutige New York, gründeten, feierten diese auch dort ihren „Sinterklaas”. Aus ihm wurde schließlich der volkstümliche Santa Claus - der Weihnachtsmann, der heute in der Adventszeit weltweit anzutreffen ist und der vor allem den Umsatz ankurbeln soll.

Orthodoxe Christen verehren den Nikolaus bis heute als Heiligen. Die Legenden um ihn machten ihm außerdem zum Schutzpatron der Seefahrer, Fischer, Händler, Apotheker, Schüler, Kinder, Bäcker, Schnapsbrenner, Kerzenzieher, Pfandleiher - und sogar der Diebe.

Kultur- und Informationsabteilung des türkischen Generalkonsulats, Baseler Straße 35-38, 60329 Frankfurt. Tel.: 069/23 30 81 82.
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