Muscheln, Meer und Maler: Die Sonneninsel Usedom ist nicht nur ein Badeparadies

Von: Cornelia Höhling, dapd
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Usedom ist nicht nur die zweitgroesste deutsche Insel, sondern auch die sonnigste und fuer viele die schoenste

Bansin. Seine Frau war regelrecht eifersüchtig. Denn täglich ging er zu ihr, seiner „großen Geliebten”. So nannte der Maler Otto Niemeyer-Holstein (1896-1984) den Ostseestrand zwischen Koserow und Zempin.

Usedom ist nicht nur die zweitgrößte deutsche Insel, sondern auch die sonnigste und für viele die schönste. Das sanfthügelige, von malerischen Seen durchzogene Achterland präsentiert sich mit seinen Wäldern und Wiesen in satten Grüntönen. Blau schimmert das Wasser von Meer und Seen. Im Kontrast dazu hebt sich hell der bis zu 70 Meter breite, feine Sandstrand ab. Kein Wunder, dass Künstler hier bis heute zum Malen inspiriert werden.

Themenreisen im Trend

Baden, sich sonnen und Sandburgen bauen, Muscheln suchen, über Strandpromenaden flanieren und faulenzen: Das reicht vielen Gästen nicht mehr aus. Immer mehr wandeln auch auf den Spuren von Romanhelden, Filmfiguren oder realen Persönlichkeiten. Themenreisen liegen im Trend. Ganz gleich, ob in den Kaiser- oder Bernsteinbädern oder sogar im Hinterland, auf Usedom begegnet man auf Schritt und Tritt den Spuren von Dichtern und Denkern, von Fontane über die Manns bis zu Maxim Gorki, der in der Villa Irmgard Genesung von seinem Lungenleiden suchte. Und überall sind Künstler und ihre Ateliers zu finden.

„Lüttenort”, das Ensemble aus Wohnhaus, Atelier und Garten des Malers Niemeyer-Holstein an der schmalsten Stelle der Insel, ist nur eines dieser Refugien, wo Kunst und Natur aufeinandertreffen. Die original erhaltene Arbeits- und spätere Wohnstätte, die sich um einen ausrangierten Berliner S-Bahn-Wagen gruppiert, ist seinem Wunsch folgend bis heute ein „Ort der Begegnung”.

Malerwitwe führt durch Gedenkatelier

Liebe war es auch, die die Zahnärztin Sigrid Werner dazu bewegte, ihren Mann, Rolf Werner (1916-89), seiner Leidenschaft, dem Malen, zu überlassen. Beide hatten sich auf der Insel kennen und lieben gelernt. Mit Niemeyer-Holstein waren sie freundschaftlich verbunden. Die liebenswerte alte Dame, die die Gäste durch das Rolf-Werner-Gedenkatelier in dem reetgedeckten Haus der Bansiner Seestraße führt, in dem sich 1.598 Bilder und Zeichnungen des Künstlers befinden, ist denn auch keine andere als seine Ehefrau.

Detailliert und lebendig erzählt sie über die künstlerischen Ambitionen ihres Mannes, der seine Werke nicht verkaufen wollte. Zu jedem Bild gibt es eine Geschichte. „Ich musste zwar die Brötchen verdienen, hatte dafür aber immer einen zufriedenen Mann”, sagt sie lächelnd.

Radtouren Feiningers auf luftbereiften Holzfelgen

Usedom präsentiert sich mit einzigartiger Bäderarchitektur, majestätischen, zum Meer ausgerichteten Villen in Historismus und Jugendstil und parkähnlichen Gärten. In Heringsdorf, auch „Nizza der Ostsee” genannt, ragt die längste und in Ahlbeck seit über 110 Jahren die älteste Seebrücke Deutschlands weit ins Meer hinaus. Eine mondäne Strandpromenade verbindet Bansin mit Heringsdorf und Ahlbeck und soll noch in diesem Jahr bis ins polnische Swinemünde führen. Vielfältige Motive fand hier auch der Bauhauskünstler Lyonel Feininger (1871-1956).

Er hinterließ 1.200 Werke mit Usedom-Bezug. Die Villa Oppenheim etwa, die mit ihren hohen Säulen zu den schönsten an der Heringsdorfer Promenade gehört, skizzierte er mehrfach und fertigte dazu Holzschnitte. Als leidenschaftlicher Radfahrer erkundete er die Insel auf dem „Drahtesel”. 40 Stationen wurden zum gut 56 Kilometer langen Feininger-Radweg verbunden. Wer dieser Künstlerroute folgt, entdeckt nicht nur seine Malorte und 80 Motive, sondern auch das Usedomer Achterland.

Im Benzer Kirchturm fand Feininger ein Motiv, das ihn bis an sein Lebensende fesselte. Auch die 1830 errichtete Holländer-Windmühle wurde von ihm gemalt. Als ihr Betrieb 1971 eingestellt wurde, kaufte und restaurierte sie Niemeyer-Holstein, um sie als Atelier für sich und seine Malschüler zu nutzen. Wer einen Abstecher zum Benzer Friedhof macht, wird dort neben den letzten Ruhestätten anderer Persönlichkeiten auch die Niemeyer-Holsteins finden. Werken Feiningers begegnet man in der Galerie Benz. In diesem Kunst-Kabinett ist auch ein Modell des Cleveland-Ohio-Fahrrads von 1897 mit luftbereiften Holzfelgen ausgestellt, mit dem der Künstler unterwegs war.

Usedom verfügt heute über 150 Kilometer gut ausgebaute Radwege. Besonders beliebt ist der über 40 Kilometer lange Küstenradwanderweg zwischen Peenemünde, der heimlichen Wiege der Raumfahrt mit einem Historisch-Technischen Museum im Inselnorden, und den mondänen drei Kaiserbädern an ihrem südlichen Ende.

Kaiserbäder mit „Bierzug” in Gleißners Stellwerk

Etwas versteckt im alten Siedlungskern von Ahlbeck liegt das Atelier Volker Köpp (geb. 1953), wo der Maler selbst anzutreffen ist. Während die Werners erst 1953 auf die Insel kamen, wurde er auf Usedom geboren und hat künstlerisch verarbeitet, was ihn von Kindheit an umgab.

Das „Stellwerk” im Heringsdorfer Sackbahnhof entpuppt sich als ein kulinarisches Atelier. Hier bewirtet Jörg Gleißner, ein Usedomer Urgestein und langjähriger Küchenchef namhafter Hotels, nicht nur mit ausgefallenen Kreationen wie Fischpralinen. Dem Umfeld angepasst lässt der Koch die Getränke auf einer Miniatureisenbahn an den Tisch der Gäste rollen.

Eisenbahnfreaks sollten sich nach dem kulinarischen Genuss die kleine angeschlossene Ausstellung zur Eisenbahngeschichte nicht entgehen lassen. Denn die Inselbahn Usedom kann auf eine 100-jährige Tradition zurückblicken. Mit seiner „Neuen Pommerschen Küche”, die auf älteste pommersche Rezepte zurückgreift, zählt zweifellos auch Gleißner zu den Künstlern der Sonneninsel.
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