Mummenschanz im südungarischen Mohács lockt Zehntausende an

Von: Cornelia Höhling, ddp
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Teilnehmer des Buschomaskenaufzugs in Mohacs. Furchterregend sehen sie aus, die Männer mit den gehörnten Holzmasken und strohgepolsterten Schafpelzen. Die Buschos kommen mit so viel Getöse daher, dass sie 1687 bei Mohacs sogar die Türken nach gut 150-jähriger Herrschaft wieder aus Ungarn vertrieben. So will es zumindest die Legende. Foto: ddp

Mohács. Furchterregend sehen sie aus, die Männer mit den gehörnten Holzmasken und strohgepolsterten Schafpelzen. Die Buschos kommen mit so viel Getöse daher, dass sie 1687 bei Mohács sogar die Türken nach gut 150-jähriger Herrschaft wieder aus Ungarn vertrieben. So will es zumindest die Legende.

Das Ritual des Buschomaskenaufzugs hat sich in Mohács unweit von Pécs über die Jahrhunderte erhalten. Längst ist aus dem volkstümlichen Mummenschanz eine touristische Attraktion geworden. Das sechstägige Faschingsfest, das als das größte Ungarns gilt, lockt alljährlich Zehntausende von Schaulustigen in die südlichste Stadt des Landes am rechten Donauufer, nahe der kroatischen Grenze.

Die Buschos sammeln sich zunächst auf der kleinen Mohács-Insel. Im Rohrdickicht des Sumpfgebietes der Donau hatten die Einwohner der Stadt nach der Niederlage gegen die Türken 1526 Zuflucht gefunden. Wie damals setzen sie mit Booten über. Weiter geht es zu Fuß, auf Pferden und Wagen.

Auf ihre hölzernen Waffen spießen sie allerdings lediglich die von den Frauen gebackenen Faschingskrapfen. Kinder, die als „Jankele” verkleidet ihrerseits Schabernack treiben, begleiten sie lärmend. In langen Zügen ziehen sie vom Kolo-Platz zum Hauptplatz, wo die sehenswerte Votiv-Kirche im byzantinischen Stil an die beiden Mohácser Schlachten erinnert. Wenn die Nacht anbricht, wird auf dem Marktplatz ein großes Feuer entfacht und am Faschingsdienstag schließlich der Winter in Form einer Strohpuppe verbrannt.

„Jeder möchte der größte und stärkste Buscho sein”, erklärt Antal. Schließlich dürften sie drei Tage lang tun und lassen, was sie wollen. Alle Übertretungen seien erlaubt, fügt der Ungarndeutsche hinzu, denn keiner wisse, wer unter der Maske steckt. Buschos würden geehrt. Antal muss nicht mehr um Anerkennung kämpfen. Er hat sie schon. 1998 erhielt der heute 50-Jährige den Titel „Volkskunstgewerbler”.

Antal Englert ist Buschomaskenschnitzer und sorgt so seinerseits dafür, dass das Brauchtum lebendig bleibt. Er produziert für Sammler in der ganzen Welt. Am Bodensee, in der Schweiz, in Bulgarien und Kroatien, wo in der Faschingszeit ähnliche Maskenumzüge stattfinden, gebe es Bedarf.

Auch Gastgeschenke für besondere Persönlichkeiten, die die Stadt besuchen, wie den Papst, habe er schon gefertigt. „Ich bin Lehrer von Beruf”, sagt er. Das Maskenschnitzen sei nur sein Hobby, das er sich mit 17 anderen teile. Im Verein gebe es strenge Vorschriften, was Farbe und Größe der Masken oder Beschaffenheit der Hörner betrifft. Er brauche rund 18 Stunden für eine Maske, überschlägt Antal den Arbeitsaufwand.

Mit 12 Jahren habe er begonnen zu schnitzen. Ungeachtet seiner schwäbischen Abstammung sei schon damals sein Interesse für die Tradition, Sagenwelt und das Alltagsleben der Mohácser Schokazen groß gewesen. Schokazen nennt man die kroatische Minderheit. Das Schnitzen habe ihm der bedeutendste „Schokaz-Maskenhauer”, Mátyas Kalkán, beigebracht, sagt Antal immer noch voller Bewunderung für den alten Kroaten. Denn die Bewohner von Mohács sind ein buntes Völkchen. Heute leben hier Ungarn, Kroaten, Serben und Deutsche.

In Antals Schauwerkstatt finden Besucher, die das ganze Jahr über willkommen sind, auch alte Werkzeuge und Dokumente der ehemaligen Maskenmacherei. Allein dabei zu sein, wie aus einem Holzklotz eine Buschomaske entsteht, ist ein Erlebnis. Wer sich traut, darf sich in der traditionellen Handwerkskunst auch selbst ausprobieren. Verwendet werde das Weidenholz der Umgebung, ein weiches Material, das nicht für Möbel oder als Kaminholz geeignet sei, erklärt Antal. Das Gehörn als Zubehör erhält der Meister von der Metzgerei geschenkt.

Auch außerhalb der „fünften Jahreszeit” hält Mohács, das auf eine über 900-jährige Vergangenheit zurückblickt, viele Überraschungen bereit. Den kunstvollen Fassaden alter Handelshäuser ist anzusehen, dass sich hier mit der Dampfschifffahrt eine Verkehrs- und Handelsstadt entwickelte.

Die günstige geografische Lage, das angenehme Klima und die fruchtbaren Böden haben schon immer Menschen angezogen. Der ethnischen Vielfalt der Bewohner verdankt die Stadt ihren Reichtum an Volksbräuchen und lebendiger Handwerkskunst. Ein typisches Souvenir ist etwa die Mohácser Schwarzkeramik, die nach dem Trocknen in unterirdischen „Krateröfen” mit stark qualmendem Holz gebrannt wurde.

An dem von Kastanien bestandenen Weg nach Sátorhely liegt mitten im Naturschutzgebiet ein Gedenkpark für die beiden historischen Türkenschlachten von Mohács. Die im Eingangstor in Bronze nachgebildeten Knochen symbolisieren die 28.000 Gefallenen der nur anderthalbstündigen Schlacht von 1526. Holzschnitzkünstler schufen über einhundert Grabzeichen wie das des jungen Königs Ludwig II. von Ungarn und Böhmen, der dabei erst 20-jährig ums Leben kam.
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