Achill Island - Mit Neoprenanzug wird Irland zum Badeziel

Mit Neoprenanzug wird Irland zum Badeziel

Von: Ralf Johnen, dapd
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Wärmer als 15 Grad wird der Atlantik zwar auch im Hochsommer nur selten. Dennoch herrscht am Keel Beach großer Betrieb.

Achill Island. In Irland tragen die Kinder auch im Winter keine Schuhe. Diese Beobachtung war in den 50er Jahren einem deutschen Schriftsteller vorbehalten. So bitter war die Armut im Nordwesten damals.

Heute hingegen reicht das Geld hier fast flächendeckend für ein sehr funktionales Kleidungsstück: den Ganzkörper-Neoprenanzug. Und dessen Einführung hatte laut Gerry Brennigan einen frappierenden Effekt: „Seit es preiswerte Wetsuits gibt, ist Irland ein Badeziel.”

Wärmer als 15 Grad wird der Atlantik zwar auch im Hochsommer nur selten. Dennoch herrscht am Keel Beach großer Betrieb. Vor allem Kinder nehmen den Kampf gegen die stattliche Brandung auf. Doch wo Wellen aufschlagen, sind auch Surfer nicht weit. Dutzende lauern liegend auf den Moment, in dem sich das Wasser vielversprechend auftürmt. Kurz vor dem Überschlag der Gischt holen sie mit den Armen Schwung. Erwischen sie die Welle, wagen sie den glamourös anmutenden Sprung in die Vertikale.

Gerry Brennigan beobachtet das Geschehen aus der oberen Etage eines Doppeldeckerbusses. Das türkisfarbene Wasser, der makellose Sandstrand und die Wellenreiter, das alles, scherzt er, könne von hier aus dem Vergleich mit der Karibik standhalten. Wäre die sichelförmige Bucht nicht auf der einen Seite von Mount Croaghan und auf der anderen von Mount Minaun eingefasst. Zwei schroffe, waldlose Berge, wie sie nun einmal eher für Irland typisch sind.

Auch an diesem makellosen Sommertag gehen gelegentlich scheinbar grundlos Regenschauer nieder. In diesen Momenten zieht sich der 47-Jährige in sein Vehikel zurück. Der himmelblaue Bus aber ist nicht nur Unterschlupf, sondern zugleich Umkleidekabine der Blackfield Surf School, die Brennigan auf Achill gegründet hat. Zudem ist er eine mobile Aussichtsplattform: Vom Oberdeck können Besucher über die Dünen aufs Meer blicken.

Noch müssen sie sich dabei mit Tee und Kaffee begnügen, doch der Mann aus Belfast ist fest entschlossen, den Behörden eine Lizenz zum Ausschank von Alkohol abzuringen: „Dann gibt es nächstes Jahr eine Weinbar mit Blick auf den Sonnenuntergang.” Auch wenn die Brandung ausbleibt, ist der sechs Kilometer lange Strand gut für manches Spektakel. Wie Connie Hebs erzählt, „tummeln sich dann gerne Delfine in der Bucht”.

Sogar Wale und bis zu zehn Meter lange Riesenhaie kann man zuweilen von der Küste aus sehen. Vor sechs Jahren ist die junge Frau aus Thüringen auf die größte vorgelagerte Insel Irlands ausgewandert. Nach einer ersten Ferienfreizeit konnte die Sozialarbeiterin nicht anders, als so oft wie möglich zurückzukehren. Irgendwann mochte sie auf die schroffe Landschaft, die Leute, den melodischen Singsang des irischen Englisch und die frische Luft nicht mehr verzichten.

Heute arbeitet Hebs im Tourismus, der sich zum wichtigsten Standbein für das County Mayo entwickelt hat. Beim Aufstieg auf den Mount Slievemore, den mit 671 Metern höchsten Berg der Insel, führt sie zu einem gespenstischen Ort: „Deserted village”, ein Dorf, das von seinen Bewohnern während der großen Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts aufgegeben wurde. Die Ruinen von rund 100 Steinhütten erinnern sehr plastisch an das größte Trauma der Iren. „Hoffentlich”, sagt sie nachdenklich, „wiederholt sich die Geschichte nicht”. Durch die anhaltende Wirtschafts- und Schuldenkrise seien vor allem die Männer im Alter von 25 bis 40 heute wieder geneigt, ihr Glück in einem anderen Teil der Welt zu suchen.

Zur vorübergehenden Krisenbewältigung suchen die Iren immer noch ihre Pubs auf. Der kleinste im Nordwesten des Landes ist „Lynotts”, eine Kneipe, die ein ehemaliger Dorfpolizist in einem Steinhaus traditioneller Bauart betreibt. Auf einer Fläche von fünf mal neun Metern wird hier das Leben so gut es geht gefeiert. Mit frisch gezapftem Guinness, landestypischen Liedern und Spott für die einstigen Besatzer: An einer Wand hängt ein Plakat, das die vermeintlich wahren Machtverhältnisse im europäischen Fußball zeigt. Die britische Hauptinsel wurde einfach ausradiert und durch ein vielfach vergrößert dargestelltes Irland ersetzt.

Im entzückenden Städtchen Westport, das ein paar Kilometer weiter östlich auf dem Festland liegt, zeigt sich allerdings, dass der Ballsport, wie wir ihn kennen, hier nur eine untergeordnete Rolle spielt. Schließlich wird auf der Insel „Gaelic Football” gespielt, eine temporeiche und nur für manche Beobachter etwas grobschlächtig anmutende Abwandlung, bei welcher der Ball auch mit den Händen aufgenommen und bewegt werden darf. Die Mannschaften bestehen aus je 15 Spielern. Und während Tore mit drei Punkten honoriert werden, erhalten die Mannschaften auch für Schüsse über die Latte einen Zähler.

Ähnlich wie Connie Hebs konnte sich auch der deutsche Schriftsteller Heinrich Böll nicht mehr von Achill Island lösen, als er und seine Familie sich 1955 einen Urlaub am Keel Beach geleistet haben. Später sollte Böll ein kleines Anwesen nahe der Nordküste erwerben, das bis heute seinen Namen trägt und sich noch immer im Besitz der Familie befindet. Durch Bölls „Irisches Tagebuch” wurden Land und Leute in Deutschland erstmals richtig wahrgenommen.

Seit 1992 dient Bölls Domizil Kreativen wie David ODonoghue als temporäre Bleibe. Der Historiker aus Dublin hat sich erfolgreich für einen Aufenthalt beworben, den er für Arbeiten an seinem ersten Roman nutzt. In dem gemütlichen Haus duftet es nach einem Torfofen. An den Wänden hängen Aquarelle, die Szenen aus Bölls Leben zeigen. Der Ausblick auf den Atlantik, der den Autor so inspiriert hat, bleibt ODonoghue allerdings versagt: Eine Hecke versperrt den Blick. Auf den Ozean mag der Schriftsteller dennoch nicht verzichten: „Ich lasse mich jeden Tag auf dem Fahrrad den Berg herunterrollen und nehme ein Bad.” Ohne Neoprenanzug. Wie zu Bölls Zeiten. Das irische Fremdenverkehrsamt hat die Reise unterstützt.
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