Mit dem Fietser über die Insel: Ameland ist für Radtouren ideal

Von: Andreas Heimann, dpa
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Ameland Radtouren
In Hollum fallen die Kommandeurshäuser aus dem 18. Jahrhundert auf. In einem ist das kulturhistorische Museum Sorgdrager untergebracht. Davor stehen in den Boden gerammte Walknochen. Foto: dpa

Hollum. Ameland vor der niederländischen Küste ist ein ideales Revier für Fahrradfahrer. Eigentlich kommen sie in jeden Winkel der kleinen Insel. Aber an diesem Samstag hilft in Hollum nur noch Absteigen: Wenn es hier einen Verkehrsfunk gäbe, würde er jetzt Chaos melden.

Menschenmassen bewegen sich durch die Johan Wilhelm Burgerstraat, an Kreuzungen kommt es zu Staus. Wer das Rad noch nicht abgestellt hat, muss schieben. Hunderte von Zuschauern wollen dabei sein, wenn die „Abraham Fock”, das alte Rettungsboot der Insulaner, zu Wasser gelassen wird.

Im Sommer passiert das regelmäßig Samstag vormittags. Diesmal ist alles allerdings noch lauter als sonst: In Hollum ist Musikfest. Und die eine oder andere Musikgruppe, die nachmittags loslegen soll, ist schon unterwegs in Richtung Reddingsmuseum. Paukenschläge sind zu hören, eine Tuba brummt, satter Trompetensound setzt ein - weit kann es nicht mehr sein. Je mehr sich die Menge dem Reddingsmuseum Abraham Fock nähert, umso enger wird es auf den schmalen Straßen.

Gebraucht wird das alte Rettungsboot nicht mehr. Längst hat die Insel einen Seenotrettungskreuzer, der in der Ballumer Bucht vor Anker liegt und von dort aus in See stechen kann, falls jemand Hilfe braucht. Das alte Boot zum Einsatz zu bringen, war und ist mühsam, schon weil es aus Hollum auf einem Hänger mit Pferdekraft zum Strand transportiert und ins Wasser gezogen werden muss. Trotzdem haben die Ameländer daraus eine Tradition gemacht, die inzwischen weit über die Küste hinaus bekannt ist.

Das „tewatering” ist eine Mischung aus Volksfest und Traditionspflege. Es erinnert an die Zeit, als das Retten von Menschen in Seenot ein noch viel riskanteres Unternehmen als heute war. So lange ist es noch gar nicht her: Erst Ende der 80er Jahre hat Ameland sein modernes Rettungsboot bekommen, nachdem mehrere Pferde in den Wellen ertrunken waren, als die „Abraham Fock” zum Einsatz musste.

Vor dem Museum, in dem die „Abraham Fock” untergebracht ist, steht schon eine Menschentraube. Auf die überdimensionale Boje vor dem Museum sind zwei Kinder geklettert, um besser sehen zu können. Paarweise werden die Pferde gebracht, zehn Stück insgesamt, und schließlich vor den Anhänger gespannt, auf dem das Rettungsboot lagert. Das Signal ist kaum zu hören, dann setzen sie sich schon in Bewegung - und die Zuschauer auch. Hunderte von gut gelaunten Menschen ziehen hinter den Pferden her in Richtung Dünenkamm, und die Radfahrer müssen schon wieder schieben. Eine Bläsergruppe hat auf dem Anhänger eines Treckers Platz genommen und ist deshalb umso besser zu hören. Eine Band spielt „Schön ist es, auf der Welt zu sein”.

Es ist wie Karneval am Wattenmeer. Viele Insulaner laufen mit, aber die große Mehrzahl sind Touristen. Auf den Dünen stehen Hunderte von Menschen. Wieder gibt es ein Signal mit der Trillerpfeife, und schon ziehen die Pferde den Anhänger mit der „Abraham Fock” über den Strand. Dann wird das Rettungsboot unter heftigem Applaus ins Wasser gelassen. Ganz vorne in den Dünen wiegen sich „De Amelander Juttersvrouwen” im Rhythmus, Strandräuberbräute also. Und auch wer beim Text nicht gleich mitkommt, die Melodie ist leicht zu erkennen: „Wir lassen uns das Singen nicht verbieten.”

Aber das ist Ameland im Ausnahmezustand. Üblichweise ist die kleine Watteninsel ganz anders: wie eine einzige riesengroße Schafweide mit einem langen Sandstrand an der Seite. Die Schafe sind gerade geschoren worden und schauen noch etwas belämmert aus der Wäsche. Am Himmel stehen weiße flauschige Kuschelwolken, bewegungslos wie aus Watte. Auf den Weiden blüht Klee, der Raps leuchtet gelb bis zum Horizont. Und in den weißen Dünen reckt der Strandhafer seine Halme hoch. Vier Dörfer gibt es hier, und wer entscheiden müsste, welches das schönste ist, müsste lange grübeln.

Lineke Blokker wohnt in Hollum auf einem ehemaligen Bauernhof und vermietet Zimmer im früheren Kuhstall, was besonders bei Gästen beliebt ist, die in Gruppen anreisen. „Die meisten Deutschen kommen wegen der Seeluft und den Stränden”, erzählt sie. „Der Strand von Ballum ändert sich fast jede Woche, die Natur ist wirklich ein Künstler.” Man darf das Auto zwar mit der Fähre mitnehmen. „Aber man braucht es hier nicht”, sagt Lineke. „Die meisten Ameländer haben eins, und manche fahren damit auch jede Woche. Aber wenn ich es sechs Mal im Jahr benutze, dann ist das schon viel.”

Das kann man gut verstehen: Radfahren ist hier viel schöner als Autofahren. „Fietsers” heißen Fahrräder auf Holländisch, was irgendwie lustig klingt. Vielleicht macht das Radfahren auf Ameland auch deshalb so viel Spaß: „Niet op het strand!” und „Eén persoon per fiets!” lauten die beiden wichtigsten Regeln der Fahrradverleiher: Also, nicht auf den Strand fahren und nicht fünf Leute auf dem Gepäckträger mitnehmen. Darauf kann man sich einlassen.

Alle Dörfer sind mit dem Rad schnell erreicht. Von Buren bis Nes, wo auch viele Restaurants zu finden sind, ist es ein Katzensprung, bis Ballum nicht viel weiter. Die Häuser hier sind klein und schnuckelig, so gut wie keines hat mehr als zwei Stockwerke. Dafür sind viele schon sehr alt, wie die Ziffern aus Ankereisen an der Frontseite zeigen: Etliche wurden im 18. Jahrhundert gebaut, als Ameländer als Kapitäne auf Walfangschiffen oft zu Vermögen kamen. Die Straßen sind mit roten Steinen gepflastert, denen man ansieht, dass sie schon etwas länger liegen. Manchmal fährt ein Trecker aus dem Dorf in Richtung Weideland, Autos sind selten zu sehen. Und das am Ortsrand ein Tempo-30-Schild steht, ist eigentlich überflüssig.

Hollum ganz im Westen der Insel hat ebenfalls viele schöne Seiten. Auch hier fallen die Kommandeurshäuser aus dem 18. Jahrhundert auf. In einem davon ist das kulturhistorische Museum Sorgdrager untergebracht. Schiffsmodelle sind hier zum Beispiel zu sehen, außerdem Harpunen und ein Kinderkajak aus Grönland, das Walfänger mitgebracht haben. Auch Amelands berühmtester Walfängerheld bleibt nicht unerwähnt: Hidde Dirk Kat war 1777 mit seinem Schiff im Eis steckengeblieben, hatte sich nach Grönland durchgeschlagen, wurde von Eskimos gerettet und schaffte es tatsächlich zurück nach Ameland. Wale gejagt hat er nie wieder. Sein Grab befindet sich auf dem alten Friedhof neben der Evangelischen Kirche, wo viele Grabsteine stehen, die an Kapitäne und Walfänger aus seiner Zeit erinnern.

Mit dem Rad ist es von Hollum nur eine Spritztour zum Vuurtoren, dem Leuchtturm von Ameland. Mit vier roten und vier weißen Ringen ragt er 55 Meter in die Höhe und ist deshalb schon von weitem zu sehen. Der niederländische König Wilhelm III. hat ihn 1880 bauen lassen, als die Schiffe noch kein GPS hatten und für jedes Leuchtsignal dankbar waren, das ihnen die Orientierung erleichterte. Ameland lag einst an der wichtigen Handelsroute von Brügge nach Lübeck und Danzig. Für die Strandräuber der Insel waren das gute Voraussetzungen: Wenn Schiffe kenterten oder Ladung über Bord ging, gab es fast immer etwas zu holen. Aber das ist lange her.

Der letzte Leuchtturmwärter hieß André Ruygh und ist Anfang 2005 in Ruhestand gegangen. Sein Arbeitsplatz ist noch zu sehen: sein Fernglas, die Funksprechanlage, drei Telefone und zwei kleine Monitore, die wie aus dem Technikmuseum wirken. Der Leuchtturm ist heute eine Touristenattraktion. 236 Stufen führen auf die Aussichtsplattform, und es lohnt sich, davor nicht zurückzuschrecken. Oben liegt einem Ameland zu Füßen: Man sieht, wie sich die hellen Sandwege wie Äderchen über die Insel ziehen, man sieht die Radfahrer auf dem Weg zum Strand und am Horizont die Nordsee, deren Wellen mit viel weißer Gischt an Amelands Küste branden.

Am schönsten ist Amelands unberührter Inselosten, in dem man ebenfalls am besten mit dem Fahrrad kommt. Hier gibt es keine Dörfer, dafür aber das Naturschutzgebiet Het Oerd, wo 60 Vogelarten brüten, Löffelreiher genau wie Silbermöwen. Wer mit dem Rad unterwegs ist, hört es zwitschern, pfeifen und tirilieren. Der Radweg führt parallel zum Dünenkamm, und wer eine Pause braucht, geht einfach an den Strand. Ein beliebtes Ziel ist die Aussichtsdüne Oerdblinkert, mit 24 Metern Amelands höchste Erhebung.

Die Nachbarinseln Terschelling und Schiermonnikoog sind von hier zu erkennen. Auch das Festland kann man sehen - und um einen herum ein Dünenmeer. Das Musikfest in Hollum ist jetzt ganz weit weg. Es weht eine kräftige Brise und pustet einen so richtig durch. Und einem fällt wieder ein, was Lineke Blokker vorhin gesagt hat: „Bei richtig kräftigem Wind ist Ameland am schönsten. Die Schwierigkeiten wehen dann weg, das macht den Kopf frei.” Wo sie recht hat, hat sie recht.

REISEZIEL: Ameland ist eine der fünf westfriesischen Inseln im Norden der Niederlande. Sie liegt zwischen Terschelling im Westen und Schiermonnikoog im Osten. Im Vergleich zur Inselfläche ist der Strand mit 27 Kilomtern ungewöhnlich lang. Mit maximal vier Kilometern ist Ameland sehr schmal.

ANREISE: Die Überfahrt mit der Fähre ab Holwerd in Friesland dauert rund eine Dreiviertelstunde.

REISEZEIT: Ameland ist ideal für Bade- und Familienurlaub im Sommer, aber immer mehr Gäste kommen auch außerhalb der Hochsaison.

GELD: Bezahlt wird mit dem Euro.

INFORMATIONEN: Niederländisches Büro für Tourismus, Postfach 27 05 80, 50511 Köln (Tel.: 0221/925 71 70, E-Mail: info@niederlande.de)
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