Millionen Bücher am Mittelmeer: Ägyptens Metropole Alexandria

Von: Klaus Blume, dpa
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Frische Meerluft: Im Hafen von Alexandria liegen Dutzende von Fischerbooten vor Anker. Foto: dpa

Alexandria. Mehr als 2000 Jahre vor der Erfindung des Internets war hier das Wissen der Welt zu Hause. Griechische Geistesgrößen vom Schlage eines Archimedes, Eratosthenes oder Euklid forschten in der berühmten Bibliothek von Alexandria, in der bis zu 700.000 Papyrusrollen lagerten. Später wurde das Zentrum antiker Gelehrsamkeit ein Raub der Flammen und lebte nur in der Erinnerung der Menschheit weiter.

Seit 10 Jahren gibt es sie wieder, die Bibliothek von Alexandria. An der Corniche, dem Küstenboulevard der ägyptischen Mittelmeermetropole, erhebt sich der Neubau hinter Palmen. Wie eine riesige weiße Scheibe glänzt die schräg aufsteigende, halbrunde Außenwand des Lesesaals auf der Seeseite. In die Granitfassade auf der Rückseite sind Buchstaben und Symbole aus 120 Sprachen eingraviert.

Auf einer kleinen Mauer am Eingang hocken junge Frauen mit Kopftüchern, den Laptop auf dem Schoß, das Handy am Ohr. Die 2002 unweit des antiken Standorts eröffnete Bibliothek wird heute vor allem von Studenten genutzt. Sie ist aber auch eine Touristenattraktion. Besuchergruppen, die sich von der politischen Unsicherheit im Lande nicht abschrecken lassen, erfahren dort, dass sie den größten offenen Lesesaal der Welt hat, mit 2000 Plätzen und 360 Computern. 1,5 Millionen Bücher gibt es schon, bis zu 8 Millionen könnten es werden. Zur Bibliothek gehören auch ein Konferenzzentrum, ein Planetarium, 4 Museen und 15 permanente Ausstellungen.

Mit der Bibliotheca Alexandrina, einem rund 167 Millionen Euro teuren Prestigeprojekt, will Ägypten an die große Geschichte der Stadt anknüpfen, die 331 vor Christus von Alexander dem Großen gegründet wurde. Die moderne Großstadt, von ihren Einwohnern auch „Braut des Mittelmeers” genannt, hat mit ihrer Lage am Meer, ihren bunten Märkten, Kirchen, Moscheen und einigen römischen Baudenkmälern noch mehr zu bieten. In Ägypten-Rundreisen ist sie eher selten einbezogen, dabei ist sie leicht zu erreichen.

Von Kairo aus sind es zweieinhalb Stunden mit dem Zug. Das Ticket kauft man im Internet, im klimatisierten Großraumwagen geht die Fahrt bequem durch das Nildelta. Der Zug ist pünktlich, schwierig wird es erst nach der Ankunft: Das Verkehrschaos in Ägyptens zweitgrößter Stadt ist kaum geringer als in der Hauptstadt. Mühsam bahnt sich das Taxi durch beißende Abgasschwaden den Weg. Der Fahrer findet das Hotel nicht, irrt sich in der Adresse. Ein Anruf im Hotel hilft, per Handy weist der Hotelier dem Chauffeur den Weg.

Vom Zentrum aus lassen sich viele Ziele zu Fuß erreichen. Nur wenige Minuten sind es quer über den verdreckten Tahrir-Platz durch die wuseligen Marktstraßen bis runter zur Corniche. Den Küstenboulevard zwischen vorwärtspreschenden Kleinbussen und zurücksetzenden Taxis zu überqueren, ist nicht ganz einfach, doch an der Kaimauer kann man endlich frische Meeresluft atmen. Entlang einer weiten Bucht entfaltet sich das Panorama der Stadt. Nach rechts geht es zur Bibliothek, nach links führt der Abendspaziergang zu einer Halbinsel, wo früher der Leuchtturm von Alexandria stand.

Er war eines der Sieben Weltwunder der Antike. 120 Meter soll er hoch gewesen sein, weithin sichtbar wies er den Schiffen den Weg zur zweitgrößten Stadt des römischen Imperiums. Erdbeben brachten ihn im Mittelalter zu Fall. Heute steht an der Stelle das im 15. Jahrhundert errichtete Fort Kait Bey. Direkt daneben lädt der griechische Jachtclub zur Einkehr ein. Von der Restaurantterrasse im zweiten Stock bietet sich ein wunderbarer Blick über die nächtliche Bucht und die Lichterreihe der Corniche.

Die Sirtaki-Klänge, die sich auf der Terrasse mit Wind und Meeresrauschen mischen, rufen in Erinnerung, dass Alexandria von Griechen gegründet und bis zur arabischen Eroberung im 7. Jahrhundert von Griechen geprägt wurde. Heute leben noch etwa 40.000 Hellenen in der Stadt. Zu deren berühmtesten Söhnen zählen die Sänger Demis Roussos und Georges Moustaki. Moustaki, der als junger Mann nach Frankreich auswanderte, widmete seinem Geburtsort später das nostalgische Lied „Alexandrie”. Darin beschwört er wehmutsvoll „die Düfte” der Stadt.

Damals muss das Leben in Alexandria noch beschaulicher gewesen sein als heute, wo Heerscharen schwarz-gelber Lada-Taxis mit ihren Abgasen die Düfte des Orients verdrängen und der Müll Plätze und Boulevards verunstaltet. Erhalten hat sich das Ambiente alter Zeiten in Kaffeehäusern wie dem „Trianon” oder den vielen kleinen Cafés, in denen die Männer die Shisha rauchen.

Doch zurzeit kommen nur wenige ausländische Besucher. Der Arabische Frühling hat seine Spuren hinterlassen. In Alexandria gab es wie in Kairo 2011 blutige Krawalle mit Toten und Verletzten. Auch gilt die Stadt als eine Hochburg der radikalislamischen Salafisten.

In der Bibliotheca Alexandrina gibt es an diesem Tag nur einen Teilnehmer an der deutschsprachigen Führung. Ingy Kenawy, die junge Führerin, erzählt, dass von den Beständen der antiken Bibliothek nur eine einzige Schriftrolle überlebt hat und heute in der Nationalbibliothek in Wien liegt. Ja, die Besucher machten sich rar. „Das war früher anders”, sagt sie und schaut für einen Augenblick ganz traurig.
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