Tannenberg/Grunwald - Masuren: Vom Tannenberger Schlachtfeld aufs Schiff, das über Wiesen rollt

Masuren: Vom Tannenberger Schlachtfeld aufs Schiff, das über Wiesen rollt

Von: Cornelia Höhling, ddp
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Tannenberg/Grunwald. Eigentlich ist das weite Land der Masuren mit der unvergleichlichen Seenlandschaft in erster Linie ein Naturerlebnis. Aber Mitte Juli geht es in dem ruhigen Landstrich bei Tannenberg (Stebark) - die polnische Geschichtsschreibung bezieht sich auf den Nachbarort Grunwald - heiß her: Pfeile schwirren, Kettenhemden rasseln, Schwerter klingen, Pferde wiehern. Die satten grünen Wiesen und gelben Felder werden zum Schlachtfeld.

Die Schlacht vom 15. Juli 1410, bei der die 20.000 Söldner des Deutschritterordens dem mit 30.000 Mann übermächtigen polnisch-litauischen Heer unterlagen, wird an historischem Ort neu geschlagen. Bis heute hat dieser Sieg in Polen eine besondere Bedeutung, weshalb in vielen Städten ein Platz oder eine Straße nach Grunwald benannt ist.

Zum Jubiläum der letzten ritterlichen Feldschlacht des Mittelalters wird ein neuer Rekord von mehr als 100.000 mittelalterbegeisterten Besuchern erwartet, denn seit Jahren stellen Freizeitritter aus aller Welt die Szenerie nach. Und was einstmals in einem großen Blutbad endete, gipfelt heute in einem fünftägigen Volksfest mit Konzerten, Truppenaufmärschen, Ritterspielen, Turnieren, Jahrmarkt und Feuerwerk.

Schon zwei Wochen vor dem Ereignis reisen die Ritter-Bruderschaften an und schlagen ein mittelalterliches Feldlager auf. In einer Handwerkssiedlung werden historische Gewerke gezeigt. Auf einem grob gezimmerten Holzzaun entdecken wir die Aufschrift „Ballei Thüringen”.

Der Bogenschütze, der sich vor einem der weißen Zelte zu schaffen macht und tatsächlich aus Thüringen stammt, gibt bereitwillig Auskunft. „Thüringen war die reichste und mächtigste Ballei”, erklärt Thomas Butters und meint damit eine Verwaltungsstruktureinheit des Deutschen Ordens im Reich. Er ist seit elf Jahren als Leiter der deutschen Delegation dabei. Ihm folgen etwa 20 Kämpfer mit ihren Familien. Denn auch Marketenderinnen werden gebraucht.

Für die rund 1300 Freizeitritter aus ganz Europa und den USA und die anderen 3000 Akteure sei es wie beim Fußball, erklärt Butters: „Nach Grunwald ist vor Grunwald.” Auch wenn die Waffen stumpf sind, sei es kein ungefährliches Hobby, sagt der 45-Jährige und kommt ins Erzählen. Er möchte jedenfalls keinen der von den Bogenschützen selbst gebauten Polsterpfeile ins Gesicht bekommen. Auch die traditionelle Kleidung werde selbst gefertigt.

Als Bogenschützen seien sie ohne Pferd unterwegs, gehörten sozusagen zur leichten Infanterie. Es sei auch ein Riesenspaß, bei dem Freundschaften und länderübergreifende Beziehungen entstünden, betont Butters, der Dolmetscher von Beruf ist. Nicht ohne Grund heiße sein Förderverein „Schlacht bei Tannenberg/Grunwald anno 1410 - Gesellschaft für europäische Integration durch Kulturaustausch”. Den Teilnehmern des Ritterspektakels empfiehlt er genau wie den Zuschauern, die eindrucksvollen Sehenswürdigkeiten in und um die Masurische Seenplatte zu besuchen.

Die Ritter des Deutschen Ordens, die das Land vor fast 800 Jahren kolonisierten, hinterließen Hunderte von Backsteinburgen und mächtige Wehrkirchen. Die südöstlich von Danzig (Gdansk) an der Nogat erbaute gotische Marienburg (Malbork) gilt als größter je von Menschenhand geschaffener Ziegelsteinbau. Sie war einst Sitz der Hochmeister, zu denen auch Ulrich von Jungingen zählte. Nach dessen Tod in der Schlacht fanden dort die versprengten Reste des Ordensheeres Zuflucht.

Aber auch das unter König Wladyslaw Jagiello siegreiche polnisch-litauische Heer zog zu der 70 Kilometer vom Schlachtfeld entfernten Marienburg. Nach zwei Monaten musste die Belagerung der Burg erfolglos abgebrochen werden, doch die Niederlage markierte den Anfang vom Ende des Ordensstaates. Ende Juli gibt es das nächste Spektakel. Dann wird die Belagerung Marienburgs inszeniert.

Nur wenige Kilometer vom Schlachtfeld entfernt liegt der Ferienort Osterode (Ostróda), wo es ebenfalls eine Ziegelsteinburg der Ordensritter von 1349 zu besichtigen gibt. Aber die Stadt hält noch eine weitere Überraschung bereit. Der Oberlandkanal zur einstigen Hansestadt Elbing (Elblag) gilt als eine der größten touristischen Attraktionen der Region und gehört zweifellos zu den Höhepunkten eines Masurenurlaubs.

Denn nirgendwo sonst auf der Welt rollen Schiffe über Wiesen. Entlang der rund 80 Kilometer langen Hauptstrecke der Wasserstraße wird in diesem Sommer mit traditionellen Stadtfesten das 150. Jubiläum der technischen Meisterleistung gefeiert.

Der findige Ingenieur Georg Steenke (1801-82) hatte den Höhenunterschied von fast 100 Metern auf einer kurzen Strecke von rund 9,6 Kilometern durch fünf geneigte Ebenen überwunden. Dabei werden die Schiffe auf Plattformen gehoben und mit Seilen über Schienen gezogen. Für den Antrieb sorgen Wasserräder. Eine kleine Ausstellung in Buchwalde, rund 50 Kilometer von Osterode, und der Besuch eines alten Maschinenhauses mit den Turbinen helfen, die Pionierleistung zu verstehen.

Schon bald machte die Eisenbahn diesen Transportweg für Güter überflüssig, so dass er nur noch für den Ausflugsverkehr genutzt wird. Die elfstündige Fahrt auf dem Oberlandkanal ist nicht nur wegen der außergewöhnlichen Technik interessant.

Allein die Idylle des in sanfte Höhenrücken eingebetteten, weiten seenreichen Landes der westlichen Masuren ist ein Naturerlebnis.
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