Licht und Meer: Die Künstlerkolonien Schwaan und Ahrenshoop

Von: Andreas Heimann, dpa
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Eine der ältesten Galerien in Norddeutschland - der Kunstkaten von Ahrenshoop wurde 1909 als erstes Ausstellungshaus des Ortes eröffnet und ist auch heute noch ein Hingucker. Foto: Andreas Heimann/dpa

Schwaan/Ahrenshoop. Möwen schweben über den Dünen. Ein Paar im Strandkorb blickt auf die Ostsee, ein anderes lässt Drachen steigen. An die Buhnen schlagen glucksend die Wellen. Eine Gruppe Angler macht es sich auf Klappstühlen bequem. Das ist Ahrenshoop heute, ein sympathischer Badeort auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst in Mecklenburg-Vorpommern.

Rund 2300 Gästebetten gibt es, 350.000 Übernachtungen im Jahr zählt die Statistik. Das ist nicht viel im Vergleich zu anderen Orten. Aber es ist gewaltig im Vergleich zu der Welt, die Maler im späten 19. Jahrhundert entdeckten, als sie hier eine Künstlerkolonie gründeten.

Sie zog es nicht zum Badeurlaub nach Ahrenshoop. „Was sie fasziniert hat, war dieses unglaubliche nordische Licht”, sagt die Kunsthistorikerin Ruth Negendanck, „die Liebenswürdigkeit der Einwohner, sicher auch die Nähe zum Strand und Meer.” Als ein „Bild des Friedens” beschrieb der Maler Paul Müller-Kaempff, einer der Pioniere der Künstlerkolonie, seine ersten Eindrücke des Dorfes. „Für die Künstler war es hier unglaublich billig”, sagt Negendanck, die sich seit vielen Jahren mit dem Thema beschäftigt. „Ahrenshoop kannte damals kein Mensch.”

Genau so einen Ort suchten viele Maler, die es satthatten, in muffigen Akademiezimmern auf Anweisung grauhaariger Herren das Malen nach alter Väter Sitte zu erlernen. Die Gründer der Künstlerkolonien zog es hinaus ins Freie, weit weg vom etablierten Kunstbetrieb, aber möglichst doch mit Bahnanschluss. So war es in Ahrenshoop auch. Und so blieb es bis zum Ersten Weltkrieg. „Bis dahin war Ahrenshoop durchaus gleichbedeutend mit Worpswede”, sagt Ruth Negendanck.

Ein Ort der Kunst ist Ahrenshoop noch immer. Auch Hans Götze steht dafür: Er war mal Kapitän auf großer Fahrt, bis 1993 bei der Deutschen See Redederei Rostock. Fast genauso lange ist er nun Bürgermeister von Ahrenshoop und selbst Maler und Grafiker. Wenn er durchs Dorf läuft, trägt er seine Elbsegler-Mütze wie zur Erinnerung an seine Vergangenheit auf See. „Wir haben nur 750 Einwohner”, erzählt er, „aber drei kommunale Galerien und eine Reihe privater.”

Im Hochsommer dominiert der Badebetrieb, im Herbst und Winter bekommt die Kunst Oberhand. „Wenn wir dann Vernissagen machen, reisen Besucher aus ganz Deutschland an”, berichtet Götze. Und bei der jährlichen Kunstauktion, ausschließlich mit Arbeiten, die Bezug zur Region haben, wechseln Kunstwerke für eine halbe Million Euro den Besitzer.

Ahrenshoop, gerade 700 Jahre alt geworden, hat nicht nur Charme, sondern auch Chic. Die Dichte der Häuser mit Rohrdach erinnert an Sylt. Es gibt fünf Vier-Sterne-Hotels und ein Restaurant mit 13 Punkten im „Gault-Millau” - nicht schlecht.

Einige der alten Künstlerhäuser mit ihren großen Atelierfenstern an der Nordseite sind noch zu sehen. Auch das Haus, in dem Müller-Kaempff seine Malschule gründete, steht noch - und die Bunte Stube, 1922 im Bauhaus-Stil errichtet, die damals ein Treffpunkt der Maler war. Der Kunstkaten, eines der markantesten Häuser des Ortes, wurde restauriert und sieht wieder aus wie in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Bis 2013 soll das Kunstmuseum Ahrenshoop fertig werden, damit noch mehr Bilder präsentiert werden können als bisher.

Mitten durch Ahrenshoop läuft die Grenze zwischen Mecklenburg und Vorpommern. Schwaan dagegen, die zweite Künstlerkolonie der Region, liegt auf mecklenburgischer Seite. Bis Rostock sind es nur 20 Kilometer - aber Schwaan gehört zu einer anderen Welt.

Jedes Jahr blühen hier der Raps auf endlos scheinenden Feldern, Löwenzahn an den Straßenrändern und Flieder in den Vorgärten. Auf den Äckern sind Kraniche zu sehen. Am Himmel stehen weiße Wolkentürme vor hellblauem Hintergrund. Die „Stadt der Künstlerkolonie” ist von Getreidefeldern und Wald umgeben. Genau das schätzten die Künstler, die ab 1880 hierherkamen, um in der Natur zu malen.

Die Faszination, die der weite Himmel über genauso weiten mecklenburgischen Feldern auf die Maler ausgeübt hat, lässt sich an ihren Werken noch immer ablesen. Für die Bilder Franz Bunkes gilt das besonders: „Wiesenlandschaft”, „Landschaft mit Beke” oder „Schwaan im Morgennebel” lauten einige Titel. Ein anderes heißt treffenderweise „Weites Land”. Bunke, 1857 in Schwaan geboren und an der Malschule in Weimar ausgebildet, gehört zu den wichtigsten Künstlern der Kolonie. Fast immer malte er Szenen aus der Natur, eine heile Welt voller Herbstlaub und stiller Gewässer.

Schwaan und Umgebung lieferten zahllose solcher Motive: Mit seinen 6000 Einwohnern ist es zwar die zweitgrößte Stadt im Landkreis Bad Doberan, aber nicht viel größer als manches Dorf - typisch für viele Ackerbürgerstädte Mecklenburg-Vorpommerns. Andererseits war Schwaan schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bequem zu erreichen: Die Eisenbahn verband es sowohl mit Hamburg als auch mit Berlin.

Die Werke der Schwaaner Künstler sind heute im Museum Kunstmühle zu sehen, ein Fachwerkhaus mit hellroten Ziegeln und braunen Holzbalken. Bis in die 50er Jahre lief das große Mühlrad noch. An der Stelle des alten Mühlenteichs befindet sich heute der Parkplatz. Das Museum ist auch auf dem Wasserweg erreichbar. „Mit dem Paddelboot ab Rostock dauert das sechs Stunden”, sagt Museumsleiter Heiko Brunner. Und die Stadt liegt am Radwanderweg Berlin - Kopenhagen.

Ein Museum ist die ehemalige Mühle seit 2002. Mehr als 100 Bilder gehören inzwischen zum Bestand und noch einmal so viele Zeichnungen und Grafiken. „Zuvor war die Geschichte der Künstlerkolonie Schwaan fast in Vergessenheit geraten”, erzählt Lisa Jürß, die frühere Leiterin der Staatlichen Gemäldesammlung in Schwerin und ausgewiesene Kennerin der Künstlerkolonie Schwaan. Realistische Landschaftsmalerei sei in der DDR nicht sehr gefragt gewesen. „Von 1992 an gab es dann zunächst wechselnde Ausstellungen im Rathaus.”

Künstlerisch hält sie die Werke der Schwaaner Maler durchaus für bedeutend: „In Ahrenshoop gab es viel mehr Maler, aber eine Größe wie Bartels ist nicht darunter.” Rudolf Bartels ist 1872 in Schwaan zur Welt gekommen. Eines seiner Bilder zeigt sein Geburtshaus - mit viel blühendem Flieder. Der „Monet Mecklenburgs” hat Stillleben genauso gemalt wie Landschaften. Zu seinen faszinierendsten Werken zählen eine Reihe von Bildern, auf denen Kinder mit Laternen durchs Dunkel laufen. Schon sie allein sind eine Entdeckung.

Informationen: Tourismus Mecklenburg-Vorpommern (Tel.: 0381/4030-500).

Das Kunstmuseum Schwaan zeigt noch bis zum 23. Oktober die Ausstellung „Worpswede in seiner ganzen Vielfalt - Die Künstlerkolonie Worpswede”. Gezeigt werden 80 Werke unter anderem von Fritz Mackensen, Heinrich Vogeler und Paula Modersohn-Becker.

Im Staatlichen Museum Schwerin ist ebenfalls bis zum 23. Oktober die Ausstellung „Sommergäste - Von Arp bis Werefkin. Klassische Moderne in Mecklenburg und Vorpommern” zu sehen. Sie dokumentiert, welche Anziehungskraft die Region auf Künstler wie Hans Arp, Marianne von Werefkin, Lyonel Feininger, Erich Heckel oder Edvard Munch ausübte.

In der Darßer Arche in Wieck ist bis Mitte März 2012 die Ausstellung „Terra silvestris - Bilder des Waldes auf dem Darß” zu sehen. Gezeigt werden Werke von zeitgenössischen Künstlern sowie von Malern der Künstlerkolonie.

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