Kontrastreiches Kambodscha: Goldberge neben Müllhaufen in Phnom Penh

Von: Christiane Oelrich, dpa
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Phnom Penh. Glänzendes Königspalast-Gold und stinkende Müllberge, PS-starke Luxuskarossen und klapprige Fahrradrikschas, Foltermuseen und Massagesalons: Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh bietet Touristen viele Kontraste. Der Spaziergänger rauscht geradezu durch ein Wechselbad der Gefühle.

Der massige Königspalast mitten in der Stadt nicht weit vom Tonlé-Sap-Fluss glänzt als Wahrzeichen schon von weitem. Abends erscheinen die verzierten Dachsimse der 1866 begonnenen Anlage vor der untergehenden Sonne im Gegenlicht wie Scherenschnitte.

Auf der Wiese davor tobt gegen 18 Uhr das echte Leben: Massen-Aerobic ist dann angesagt, mit viel Musik und ausgelassenen Tanzübungen. Rhythmische Bewegung liegt den Kambodschanern.

Auch an der vierspurigen Straße vom Flughafen in die Stadt wird ein schmaler Grünstreifen oft zur Vergnügungsmeile. Eine Vorturnerin schart sich mit ihren Fans um einen Kassettenrekorder. Die Musik scheppert ein bisschen, doch tut das der Tanzlust der Frauen keinen Abbruch.

Im Innern der Palastmauern beginnt eine andere Welt. Hier wohnt König Sihamoni, wenn er im Lande ist. Das Areal ist 435 Meter lang und 421 Meter breit, gefüllt mit Hallen, Pagoden, Statuen, Standbildern und Büschen, die von einer Gärtnerarmada mit Säge und Schere in die Form von mehrstufigen Baldachinen gezwungen werden.

Im Thronsaal blendet viel Gold das Auge. Gespart wird aber auch bei Königs: Nur jeder zweite der sechs Kronleuchter ist an. Der Fußboden der Silberpagode besteht aus fast 6000 Kilogramm Silberkacheln.

„Könnte auch Blech sein”, raunt despektierlich ein Besucher. Es gibt eine Buddha-Figur aus 90 Kilogramm Gold mit 2086 Diamanten.

Direkt auf der anderen Seite der Palastmauer lebt eine Gruppe Straßenkinder im Dreck. Ein Teenager kocht auf einem wackligen Gaskocher Nudelsuppe, Vier- und Fünfjährige tollen durch Kartons und über Lumpenberge.

An der Ecke baut die Welttoilettenorganisation gerade eine öffentliche Bedürfnisanstalt. „Hello Madam!” rufen die Kleinen schnell - man weiß ja nie, ob nicht ein Dollar herausspringt. Die US-Währung ist das allgemeine Zahlungsmittel in Phnom Penh.

Auf den teils engen Straßen machen sich viele Verkehrsmittel Konkurrenz: Menschen mit Handkarren, Fahrradrikschas, die in der einsitzigen Kabine auch fünf Schulkinder transportieren können, Tuk-Tuks - Mopeds mit überdachten Anhängern auf vier Rädern - und jede Menge dicke Autos.

Um Fahrzeuge ohne Nummernschild sollte man einen Bogen machen, raten Einheimische. Hinter schwarzen Scheiben verbergen sich reiche, einflussreiche Leute, die über allen Gesetzen zu stehen scheinen.

Auch blau-rote Nummernschilder zeugen von Privilegien: RCAF steht darauf, die Abkürzung der königlich-kambodschanischen Armee.

Unwahrscheinlich, dass die Luxuskarossen vom Typ Lexus als Truppentransporter im Einsatz sind. Vielmehr müssen wohl Offiziere, so heißt es, lukrative Einnahmen und gute Beziehungen zu den Zollbehörden haben. Sie statten sich selbst und ihre Sprösslinge mit solchen Fahrzeugen aus.

Der Großteil der Bevölkerung von Phnom Penh ist auf dem Moped unterwegs - teils mit abenteuerlicher Fracht. Auf einem sitzt hinten rücklings eine Frau und hält mit beiden Händen einen Handkarren mit aufgebauter Garküche fest.

Auf einem anderen sitzen zwei Männer hinter dem Fahrer: Der hintere hält eine Infusionsflasche hoch, deren Schlauch im Hemd des Mittleren verschwindet - Krankentransport auf kambodschanisch.

Ampeln sind wohl vor allem dazu da, Farbe ins Geschehen zu bringen, und werden auch bei Rot selten als Bremsgrund angesehen.

Einbahnstraßenschilder gelten allenfalls als Vorschlag, an den sich hält wer will. Wenn es im Kreisverkehr andersherum schneller geht, sehen vor allem Mopedfahrer dies als willkommene Abkürzung.

Phnom Penh lebt von seinem französischen Kolonialcharme. Alte Villen zieren breite Boulevards und Baguettes die Auslagen so mancher Bäckerei.

Asiatisches findet sich auf mancher Speisekarte: „Knusprige scharfe Tarantula” ist eine der Spezialitäten, die feilgeboten werden. Wer mit hungrigem Magen seiner Nase folgt, landet schnell in einer von Hunderten Garküchen am Straßenrand.

Familien kochen dort auf kleinen Öfen Reis- und Nudelgerichte. Die Hungrigen nehmen auf Miniplastikstühlen direkt am Bordstein Platz.

Ein Restaurant am Straßenrand bietet „zum Nachtisch” Pediküre: Die Tochter der Köchin rückt gerne mit Wattebäuschchen und Feile an.

Einer, der in Kambodscha reich geworden sein muss, ist der Hersteller von kratzigen grünen Plastikmatten: „Welcome” - Willkommen - steht darauf, und diese Matten liegen überall: vor Hotels, Restaurants, dem Krönungssaal und vor den Massagesalons, die teils vorzügliche Entspannungsoasen, teils Etablissements mit zweifelhafter Klientel sind.

Auch am Eingang des einstigen Foltergefängnisses Toul Sleng und der Gedenkstätte Choeung Ek sind die Matten zu finden.

Hier wird an die Gräueltaten der Roten Khmer erinnert, die in den 70er Jahren in ihrem Wahn, ein bäuerliches Utopia schaffen zu wollen, ein Viertel der Bevölkerung ausrotteten.

In Toul Sleng wurden bis zu 16.000 Menschen gefoltert; in Choeung Ek - eine halbe Tuk-Tuk-Stunde außerhalb der Stadt - wurden sie ermordet.

Das Gelände ist noch nicht zu einer Touristenattraktion mit Souvenirläden verkommen.

Ein hoher Glasturm mit Regalen voller ausgegrabener Schädelknochen ist stummer und eindrucksvoller Zeuge des Horrors, der hier stattgefunden haben muss. Die einstigen Massengräber sind noch zu sehen.

Die Erde ist eingefallen. Besucher haben Blumen abgelegt. Ein Wärter fegt den Waldboden zwischen den Gräbern, und von irgendwo weht das Kindergeschrei von einem Schulhof herüber.
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