Helgoland - Knuffige Wonneproppen auf Helgolands Düne: Kegelrobbenbabys erblicken das Licht der Welt

Knuffige Wonneproppen auf Helgolands Düne: Kegelrobbenbabys erblicken das Licht der Welt

Von: dapd
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Helgoland. Es ist nicht viel los am Kai an diesem Dezembermorgen. Die MS Atlantis dümpelt im Wasser, startbereit, um einige Unverzagte von Cuxhaven zur einzigen Hochseeinsel Deutschlands zu bringen. Alle anderen mussten längst aufgeben, vor allem die schnellen Katamarane sind nur was für den Sommer.

Doch das 1972 erbaute Schiff trotzt auch winterlichem Wetter. Ein letztes Tuten mit dem Horn, dann geht es los. Hinaus auf die dunkelblau-graue Nordsee, die sich erst mal recht zahm zeigt. Vorbei an der Insel Neuwerk, die links aus dem Dunst auftaucht. Die Wolken hängen tief; es ist erstaunlich, wie viele Grautöne es hier über dem Meer gibt. Braunes Grau, blaues Grau, grünes Grau. Und schließlich auch gelbes Grau, was erfreulich ist, denn es bedeutet, dass die Sonne sich ihren Weg durch die Wolken bahnt.

Auf dem Außendeck schnallt einer von der Schiffsmannschaft mitreisende Fahrräder fest. „Der weiß wohl mehr als wir”, ist der Kommentar einer der Fahrgäste und er sollte recht behalten. Denn nur wenig später meldet sich der Kapitän zu Wort: „Wir bekommen jetzt immer mehr Wind und Wellengang.

Bitte bleiben Sie auf Ihren Plätzen, laufen Sie nicht unnötig herum und halten Sie sich gut fest.” Der tätowierte Ober, der eben noch Bockwurst mit Brot und Currywurst mit Pommes Frites serviert hat, bringt nun Papiertüten, auf denen „sickness bags” steht, ganz deutlich auf deutsch „Spucktüte” und auf italienisch „sacchetto vomito”. Manchem wird da wohl schon vom Lesen schlecht. Doch dieses Mal sind alle Reisenden nicht nur wetter- sondern auch seefest.

Dann liegt sie vor uns, die Insel aus rotem Sandstein. Ein mächtiger Felsen, der sich steil direkt aus der Nordsee erhebt. Helgoland ist ganz klar unterteilt in oben und unten: auf dem Plateau liegt das Oberland, drumherum das Unterland. Verbunden durch 184 Stufen oder etwas bequemer durch einen Fahrstuhl. Frische Luft, eine steife Brise und viel Ruhe, das ist Helgoland im Winter. Die kleinen Läden in den restaurierten bunten Hummerbuden am Hafen machen nur auf, wenn die MS Atlantik an- oder ablegt. Auch die Geschäfte mit dem zollfreien Einkauf haben ihre Öffnungszeiten der Jahreszeit angepasst.

Im Winter gehört Helgoland vor allem den Helgoländern. So ganz glücklich sind sie damit aber nicht, ein paar Touristen mehr dürften es schon sein. Schließlich will man auch in der kalten Jahreszeit etwas verdienen. Wetterfest zu sein ist eine Voraussetzung für einen Besuch des winterlichen Helgolands. Doch man wird dann auch belohnt mit einem ganz besonderen Naturerlebnis.

Die von der Hauptinsel getrennte Düne ist im Winter Bühne für ein Wunder des Lebens: die Geburt der Kegelrobben-Babys. Zwischen November und Januar kommen sie dort zur Welt, lümmeln sich als runde weiße Pelzknäuel am Strand herum und warten mehr oder weniger brav darauf, dass die Mutter vom Fischen zurückkommt. Um dann zufrieden die fette Milch zu nuckeln, die sie rasend schnell wachsen lässt.

Es werden jedes Jahr mehr. Wurden im Winter 2009/2010 noch 85 Robbenbabys gezählt, waren es ein Jahr später schon 100. Dabei sind die Kegelrobben erst seit rund zwei Jahrzehnten hier wieder ansässig. Ein großer Erfolg, an dem Rolf Blädel nicht ganz unschuldig ist. Er dürfte der bekannteste Helgoländer sein, dabei wurde er nicht mal auf der Hochseeinsel geboren, sondern im schleswig-holsteinischen Friedrichstadt.

Aber er liebt die Insel - und die Robben. Blädel ist amtlich bestellter Seehundjäger, mit Bundesjagdschein und allem Drum und Dran. Doch auf die Tiere schießen, das tut er nur im äußersten Notfall. Wenn ein Tier so krank ist, dass es keine Überlebenschance mehr hat. Hege und Pflege sind seine Aufgaben. Jetzt im Winter hat er besonders viel zu tun. Ist ständig auf der Düne unterwegs, bewacht die Jungtiere, lässt Frühchen oder verlassene Babys in die Seehundaufzuchtstation auf dem Festland bringen. Dazu kommen noch die Führungen von Feriengästen, aber von auch Fernsehteams und Journalisten.

Und vor allem Letztere kommen aus aller Welt, sogar aus Brasilien. Denn selten kann man die Tiere aus solch großer Nähe beobachten. Bis auf 30 Meter darf man sich ihnen nähern und daran sollte man sich halten, um die Tiere nicht zu stören. Das reicht auch, um sich von den riesigen dunklen Kulleraugen betören zu lassen.

Täuschen lassen sollte man sich von diesen jedoch nicht - die knuffigen Robbenbabys sind wehrhaft und beißen, warnt Blädel. Und um die schwergewichtigen Bullen, die jetzt schon wieder um die Weibchen kämpfen, macht man ohnehin besser einen großen Bogen.

Rund 150 Kegelrobben halten sich im Winter vor Helgoland auf. Doch die Robben sind nicht die einzigen tierischen Bewohner, die es auch im Winter dort aushalten. Auf der Hauptinsel, bei der Umrundung des Oberlandes auf dem drei Kilometer langen Klippenweg, trifft man noch auf so einige andere. Flauschige Galloway-Rinder und Schafe zum Beispiel. Ihnen macht das stürmische Wetter nichts aus.

Die Schafe schauen sogar etwas hochmütig vom Hügel herab, als wollten sie sagen: „Pah, das bisschen Wind!” „Ja!”, möchte man ihnen zurufen, „ihr steht ja auch kompakt auf vier Beinen und seid in dicke Kuschelwolle gehüllt”.

Der Wind nimmt überhaupt keine Rücksicht auf Zweibeiner, im Gegenteil: dort wo es richtig spannend wird, legt er noch mal einen Zahn zu. An der berühmten Langen Anna und den Vogelfelsen, wo Lummen, Tölpel und Möwen in den Wänden hocken oder ihre Kreise ziehen, ein unverwackeltes Foto hinzubekommen, erfordert schon einige Mühe. Doch die Naturgewalten haben etwas Faszinierendes, unten die aufgewühlte Nordsee, oben die über den Himmel jagenden Wolken.

Und dazwischen die rahmgelben Baßtölpel, die elegant durch die Lüfte segeln und mit dem Sturm spielen. Da möchte man selbst gerne einmal abheben. Oder vielleicht doch lieber bei einem heißen Grog davon träumen.
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